Von Chris
Wer einmal das TV-Programm um die Mittagszeit gesehen hat, weiß, wie es nicht nur um die Unterhaltung bestellt ist, sondern auch um den Rest vom Schützenfest: nämlich schlecht. Man darf sich eigentlich nicht mehr wundern, warum das Sein nicht so recht jenes Bewusstsein stimulieren will, das endlich einmal den Müll nachhaltig entsorgen könnte – oder anders gedacht: warum Alltag immer nur falsches Bewusstsein hervorbringt. Während das lüsterne Publikum abgehalfterten Bullen, dem Teilzeit-Blockwart vom Ordnungsamt, irgendwelchen Arbeitsvermittlern oder peniblen Kaufhausdetektiven dabei zuschaut, wie diese noch den letzten Rest von meinetwegen liberalem Anstand oder menschlicher Empathie in so genannten Reality-Soaps über den Haufen werfen, um ihren vermeintlichen Kontrahenten das hohe Lied der moralischen Verantwortung für das Ganze vorzusummen, kommt genau dort die Scheiße am deutlichsten zum Vorschein: die Eigendynamik des Medien‑ und Kulturbetriebs ist letzten Endes auch nur Spiegelbild der Gesellschaft. Oder besser: der Resonanzkörper, der die Dreistigkeiten der Welt mal mehr, mal weniger zum Schwingen bringt, größer werden lässt – aber für die Teilnehmer an diesem Spektakel immer hörbar bleibt. Man weiß letzten Endes nie so recht, wer denn nun tatsächlich die Armseligsten sind: diejeinigen, die sich als Vollstrecker der homogenen Gemeinschaft, des kollektiven Willens, der Spielregeln des Systems sehen und (in manchen Fällen: sehr gerne) in diesem Sinne handeln; oder die manchmal gar nicht so anderen, die stumm und autoritätsgläubig die Ideologie dieses Wahnsinns schon so fest in sich aufgesogen haben, dass ihnen noch der letzte Beschiss, selbst der am eigenen Leib, als gerechtfertigt, legitim und damit: als Natur gegebener Zustand, der sich nicht verbessern ließe, erscheint.
Dass die Welt, oder was aus ihr gemacht wurde, ein ganz schön tristes Plätzchen ist, merkt man nicht nur aber vor allem dann, wenn es schlecht läuft. Die Krise ist latent, aus allen Ecken und Enden grinsen einem die debilen regressiven Zumutungen des Alltags ins eigene Gesicht. Mit ein paar der Auswirkungen dieser latenten Krise, die immer dann verstärkt auf der Bildfläche erscheinen, wenn guter Rat teuer ist, befasst sich die neue Ausgabe der testcard. in ihren Beiträgen zur Popgeschichte detaillierter und fragt dabei nach den Ursachen und Auswüchsen des drohenden oder schon präsenten Regress.
Dass sich einer dieser Backlashs auch und vor allem in popkulturellem Gewand präsentiert, weil sich dort mit ihm besser hantieren lässt, liegt in der Natur der Sache und ist nicht erst seit der ersten Welle des Popnationalismus oder den Ausbrüchen während der Fußball-WM 2006 bekannt. Die reaktionäre Überspitzung der Kulturwaren durch die Kulturindustrie führt zu einer Verstärkung schon bestehender Ressentiments und Meinungen unter den Konsumenten – verpackt in hübsche Gimmicks, demagogische Zeitungsartikel und reaktionäre Jubelarien, die nicht nur von oben initiiert werden, sondern viel eher einem gesamtgesellschaftlichen Bedürfnis entspringen, dem kaum noch beizukommen ist. Dieter Botts testcard.-Beitrag zeigt das – wenn auch auf leicht konfuse Weise – mit Blick auf den Fußballnationalismus nur allzu deutlich. Der Appell an die vermeintliche Stärke eines Kollektivs, das nur zusammen bestehen kann, bekommt angesichts der Krise und des bevorstehenden deutschen Jubeljahres, in dem noch einmal heftig Flagge gezeigt werden wird, einen noch faderen Beigeschmack, als dies bei solchen Veranstaltungen sowieso schon der Fall ist. Weil man dann nicht nur negativ das Konstrukt der Nation beschwören muss, sondern vor allem positiv feiern darf und will (60 Jahre Bundesrepublik, 20 Jahre Wiedervereinigung), lässt sich die radikale Sehnsucht nach kollektiver Krisenbewältigung besser verschleiern. Trotz der vielen kulturellen Feiern und historischen Jubiläen, mit denen sich das postnazistische Deutschland im Jubiläumsjahr 2009 schmücken wird, sollte nicht vergessen werden, dass bei einer Kritik dieser kulturellen Begleiterscheinungen nicht stehen geblieben werden darf. Die Produktionsverhältnisse sind es, die den Staat mit Notwendigkeit als ihren Garanten setzen und damit nicht zu unterschätzende Rahmenbedingungen hervorbringen; Rahmenbedingungen, die sich im Zusammenspiel mit der nationalen Sehnsucht und gesellschaftlichem Regress zu einer unangenehmen Melange verdichten könnten: wenn die von der immer währenden Krise getriebenen Subjekte den Garanten und Exekutoren der kapitalistischen Verhältnisse, also den Staat und allem was dazu gehört, als den ihrigen rationalisieren, indem sie sich und ihm ein gemeinsames, gleichsam irrationales Wesen unterstellen, ist der Schritt nicht mehr weit, dass sie genau diesen Staat vor denjenigen schützen wollen, die für die Krise verantwortlich gemacht werden.
Die Redaktion der testcard. und die jeweiligen Autoren verstehen Kultur und Gesellschaft als sich bedingendes und potenzierendes Wechselspiel. Man weiß um den Blick auf das Gesamte: also den Kapitalismus mitsamt seinem facettenreichen Überbau, den er zwar nicht immer selbst hervorbrachte, sich im Laufe der Zeit aber einverleibte. Demnach ist die Bandbreite der Texte, die sich dem Thema Regress annehmen wollen genauso facettenreich, kontrovers und pluralistisch, wie es die bestehenden Verhältnisse vorgeben. Während Dietmar Daths Opener für reichlich Schmunzeln (im positiven Sinne) sorgt, weil er den großen Beschiss im Handumdrehen entlarvt, fährt es einem bei den tagebuchartigen Darstellungen von Anne Roth, der Lebensgefährtin des Stadtsoziologen und zum Terrorverdächtigen avancierten Andrej Holm, zur Überwachung von deren Familie durch die staatlichen Institutionen durch Mark und Bein. Es ist erschreckend so detailliert den allseits bekannten, aber nie offensichtlichen Überwachungsstaat vor Augen geführt zu bekommen.
Auffällig ist ebenso, dass versucht wird, eine angemessene Aktualität zu wahren – was zugegebenermaßen bei einem Jahresoutput recht schwierig scheint. Dennoch gelingt es den Herausgebern mit ausgewiesener Sorgfalt diese Schwierigkeit zu meistern. Wenn Martin Büsser über den neuen Emo-Hass schreibt, dann muss man nicht zum Emo-Liebhaber werden und ihm auch nicht in allen Ausführungen zustimmen, um sie gewinnbringend zu lesen und zu wissen, mit was für Ressentiments diesen Kajal verschmierten, schwarz gekleideten Jugendlichen tagtäglich begegnet wird, die man – sie sind ja nicht gerade unauffällig – gerade an jeder Ecke sieht. Auch die in letzter Zeit wieder eifrig frequentierten Debatten um repressive Erziehung, althergebrachte Werte und die dabei zu Tage getretenen Ungepflogenheiten konservativer Prägung werden in einem Text angerissen.
Alles in allem – das beweist die neue Ausgabe der testcard. wieder einmal – werden auf den knapp 300 Seiten mal mehr, mal weniger relevante Themen bearbeitet, Platten, Filme und Bücher rezensiert und meist schlaue Menschen interviewt. Es werden Schlüsse gezogen, die zwar fragmentarisch sind und über die sich manchmal streiten lässt. Im Gegensatz zur meisten anderen Einfaltspinselei, die vorgibt, Pop‑ und Gesellschaftskritik zu betreiben, haben die Beiträge zur Popgeschichte allerdings Tiefgang und sind im positiven Sinne selbst Pop. Die testcard. belässt es aber nicht bei der Analyse, sondern will Gegenstrategien aufzeigen, diskutieren, anstoßen, verändern – und steht damit vor jenem Problem, was radikaler Gesellschaftskritik in diesen Zeiten immanent ist: das Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit. Es wäre folglich naiv, anzunehmen, man könne mit 18 Ausgaben eines Zeitschriftenprojekts die Welt revolutionieren. Verstummen wäre aber, nachdem die ehemals relevanten Flagschiffe der Kultur‑ und Popkritik, wie Die Beute oder 17 Grad, das Zirkuszelt verlassen haben, die schlechteste Lösung. Mir ist jedenfalls erhellender Kulturpessismismus, der sich zumindest traut, den Mund aufzumachen, immer noch lieber als nichts.
testcard. Beiträge zur Popgeschichte Nr. 18, Mainz 2009, ca. 300 Seiten, 14,50 €
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