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Thomas Henning »Schanze, 1980«

Die »Schanze« ist mittlerweile ein weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekanntes Stadtviertel. Bekannt für Shopping, Straßenschlachten, Cafés, die »Piazza« auf dem Schulterblatt, die Rote Flora. Zentrum der Hamburger Hipster, Siedepunkt der Gentrifizierung, das Einfalltor nach St. Pauli, auf den »Kiez«. Thomas Henning hat das Viertel vor dem Boom porträtiert.

1980 sind die »sozialdokumentarische Fotographie« oder auch »New Color Photography« Joel Sternfelds, William Egglestons, Joel Meyerowitz’ und Stephen Shores nach zehnjährigem Schaffen in die Museen und Kulturpaläste der USA eingezogen. Über den Atlantik hatte sie den Sprung bis dahin noch nicht geschafft. Hier war in künstlerischer Hinsicht weiterhin die schwarz-weiß-Fotographie maßgebend. Der Fotograph und Grafiker Thomas Henning zog zwischen 1978 und 1985, die us-amerikanischen Vorbilder im Kopf, mit einer damals schon relativ alten Nikon F durch die Strassen des Schanzenviertels. Auf seinen Bildern ist auf den ersten Blick nicht Spektakuläres zu entdecken. Jedoch zeigt sich gerade in Thomas Hennings Alltagszenen ein Wandel im Objekt der Fotographie, weg vom Künstler‑ und Starportrait und hin zu den Menschen, Strassen und Häusern.

Die Orte sind noch vorhanden, und zugleich auch nicht. Die Reste des schon damals 35 Jahre beendeten Zweiten Weltkriegs sind noch architektonisch sichtbar.1 Die Bilder erscheinen gleichwohl wie eine Hommage an eine verlorene Zeit, deren Wiederauffinden durch die Veränderung in der Zeit verstellt ist.

Was zu allererst auffällt: die Sprache der Reklame und der Geschäfte ist deutsch. Die abgebildeten Menschen hingegen sind es mehrheitlich nicht. Heute ist es umgekehrt: die Bewohner und Besucher des Schanzenviertels parlieren mehr oder minder gekonnt in allen Weltsprachen, also Englisch; die nicht-deutschen Bewohner der Hansestadt leben mehrheitlich an ihrem Rand. Die Menschen sind mit der Zeit verschwunden, verdrängt durch die Sanierungen, Wellen der Gentrifizierung, »Mietwucher« hieß so etwas einstmals und wurde mit Mietstreik bekämpft.

Es fällt auch auf, dass Mann Anzug trägt, nicht aufgedresst wie zum Ball oder Captain’s Dinner, sondern Anzüge halt. Auch hier zeigen sich Veränderungen an, denn Anzüge zu tragen hat heute zumindest im Schanzenviertel einen extravaganten Hauch. An den Milchkaffee-Tresen fragen prüfende Blicke: »Ist der von Herr von Eden?«, dem mittlerweile emporgestiegenen Geschäft im angrenzenden Karo-Viertel.

Auf Thomas Hennings Fotos fallen auch die Kinder ins Auge, die auf den Strassen spielen, und zwar vor allem auf den Strassen und wenig auf Spielplätzen. Das ist ein Signum des großstädtischen Charakters, ein Indiz auf die proletarischen Familienverhältnisse der Kinder. An den Hauswänden prangen Sponti-Graffitis, Reklame und Überreste von alter Werbung. In verschiedenen Schichten ist damit die Historizität des Viertels in die Fotographien eingeflossen. Gleich geblieben ist kaum etwas: das Pianohaus Trügber dürfte eines der ganz wenigen Geschäfte sein, die überdauert haben. Geblieben sind in der Schanze aber auch die linken Plakate und Parolen. Die Hochzeit der Hamburger Autonomen stand dem Schanzenviertel 1980 noch bevor. Heute ist sie längst vorbei. Stünde die Rote Flora nicht immer noch, wie ein fauler Zahn im polierten Gebiss, man könnte die zentrale Rolle der »Schanze«, dieser paar Straßen, für die nahezu in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte autonome Szene dieser Stadt, leicht übersehen. Von den Häusern blieb oftmals nur die Form erhalten und wenig von den damals brüchigen Fassaden. Sie wurde hübsch aufgearbeitet, neu verputzt und durchsaniert.

Hennings Bildband lädt ein zu einem Steifzug in die Vergangenheit. Was abgedroschen klingt weist auf etwas reales hin: Man wird nur noch wenig auf den Bildern finden, was man im Gedächtnis hat.2 An manchen Orten wird man sich an seine Bilder erinnern, etwas vom Alten im Erneuerten erkennen. Das Buch ist prächtig und die Bilder mit Hingabe an ihr Objekt gemacht. Ihre Wirkung entfalten sie aber erst durch die Veränderung in der Zeit, dadurch, dass die Schanze nicht mehr wie 1980 ist, sondern gründlich umgewälzt. Die Differenzen lassen sich anhand von »Schanze, 1980« erahnen, bisweilen, mit dem Fotos im Kopf, auch deutlich ersehen. Dem Junius-Verlag kann nur gratuliert werden, diese ansehnliche und zugleich freundlich-unprätentiöse Dokumentation der Geschichte des Schanzenviertels der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben.

Thomas Henning: Schanze, 1980, Hamburg 2011 (Junius Verlag), 96 Seiten, 65 Farbabbildungen, 25 x 19,5 cm, gebunden, 19,90 EUR

Anmerkungen

  1. Hervorragend hierzu auch: Ralf Meyer: Architektonische Nachhut. Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus, 2001–2006, Bielefeld 2007.()
  2. Die Differenz zwischen mneme (Gedächtnis) und anamnesis (Erinnerung) borge ich von Yosef Hayim Yerushalmi: Über das Vergessen, Freibeuter 56 (1993), S. 40–52.()
Auch mal das Maul aufreissen?

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