Ulrich Sonnemann »Negative Anthropologie«

Von Chris

Der Zu Klampen-Verlag legt Stück für Stück die nachgelassenen Schriften Ulrich Sonnemanns neu auf und erinnert damit an einen der authentischsten und zugleich unbekanntesten Protagonisten kritischer Theorie.

Eine der vermeintlichen Schwächen meiner politischen Sozialisation war das Lesen von Schrott. Obwohl zeitlich nicht wirklich ins Gewicht fallend, verschwendete ich unzählige Momente mit Trivialliteratur, Essays oder Stellungnahmen – vor allem von denjenigen, die nicht unbedingt meine Sicht auf die Dinge zu Papier brachten. Ich las alles, was auf Infotischen zu finden und auf Demos zu bekommen war. Mit kopfschüttelnder Vorliebe wühlte ich mich durch den Sumpf unzähliger schlechter Flugblätter, Pamphlete und Essays. Auch heute noch ertappe ich mich dabei, dieser Obsession zu folgen, von Stuss nicht die Finger lassen zu können: letztens, als ich eine Erklärung einiger linker Antisemiten aus Hamburg im Netz gefunden habe, die in einer kalkulierten Mischung aus Kadersprech und postmoderner Möchtegern-Coolness ihren inakzeptablen Übergriff auf die Vorführung eines Lanzmann-Films mit den schäbigsten Argumenten zu legitimieren versuchten, harrte ich dem Stumpfsinn, dessen Niveau noch unter jeder Kritik liegt, bis zum bitteren Ende. Wegklicken wäre zwar bequem und nervenschonender gewesen – aber irgendwie sollte man doch immer wissen, mit wem und was man es zu tun hat. Es ließen sich noch weitere Beispiele finden, deren schlechter Stil, Geschmack und Inhalt mich trotz allem für kurze Zeit in einem Gefühl aus Ekel, Abstoßung und Neugierde bannen. Lange habe ich überlegt, woran diese Geduld liegen könnte – schließlich ist es ja nicht so, dass mich die diversen Veröffentlichungen nicht ärgern würden; irgendwann habe ich dann aufgegeben, darüber nachzudenken und die positive Kehrseite stark gemacht: wer sich schließlich einmal durch die Banalitäten der Flugblattrhetorik gekämpft oder diverse Pamphlete bis zum Ende gelesen hat, der wird sich mit viel größerer Freude und berechtigterem Enthusiasmus wieder anständigem Lesestoff widmen können. Unter diesem anständigen Lesestoff darf auch Ulrich Sonnemann geführt werden, der unverdienterweise nahezu unbekannt geblieben oder zumindest wieder in Vergessenheit geraten ist. Während Theodor W. Adorno noch an seinem eigentlichen Hauptwerk, der »Negativen Dialektik« schrieb, war es nämlich dieser Ulrich Sonnemann, der nahezu zeitgleich an seiner eigenen existentiellen Arbeit saß.

Mit seiner »Negativen Anthropologie« spannte Sonnemann einen weiten Bogen von der Philosophie zur Literatur, von der Kulturtheorie zur Psychoanalyse, von der französischen Soziologie zur Ästhetischen Theorie, von der Musik zur Malerei, von aktuellen politischen Auseinandersetzungen zu den historischen Wurzeln der Verhältnisse der Gegenwart – und befand sich damit nicht nur wegen der Namensähnlichkeit der beiden Aufsätze (Negative Dialektik/Negative Anthropologie) in unübersehbarer Nähe, wenngleich solidarischer Distanz zur kritischen Theorie Adornos.

Ulrich Sonnemann wurde 1912 in Berlin geboren, studierte nach dem Abitur Philosophie, Sozialwissenschaften und Psychologie. 1933 verließ er wie viele andere jüdische Intellektuelle im Angesichte des zunehmenden Nazi-Terrors Deutschland in Richtung Schweizer Exil. Über Wien, Paris und Zürich kam er schließlich nach Brüssel. Dort war er, wie Jean Améry, nach der West-Offensive Nazi-Deutschlands im belgisch-französischen Lager Gurs als »feindlicher Ausländer« interniert, schaffte aber 1941 die Flucht in die USA, wo er sich – ganz im Gegensatz zu vielen anderen exilierten und vertriebenen Emigranten – schnell einleben konnte. Einem Ruf als Professor für deutsche Sprache und Literatur konnte er wegen seines anstehenden Militärdienstes nicht folgen – die Karriere im von ihm so verachteten akademischen Betrieb sollte sich erst wieder in Deutschland einstellen. Sonnemann wurde als Psychologe der US Army in einem Lazarett tätig. Nach dem Krieg setzte er diese Tätigkeit unter anderem in seiner psychotherapeutischen Praxis fort, bis er 1958 schließlich ganz aus der Emigration nach Deutschland zurückkehrte – aber nicht aus Heimweh, wie sein alter Freund Ernst Erich Noth in seinem Erinnerungsbuch behauptete, was er »zwar nicht völlig ableugnen« konnte, »aber so intensiv, wie es da beschrieben ist, war es nicht.« Das Heimatliche hatte für Sonnemann »schon etwas mit der Sprache zu tun sowie mit einer grundsätzlichen Erwägung, die mich während der ganzen Emigrationsjahre nie verlassen hatte, dass es ja der vollendete Triumph Hitlers gewesen wäre, wenn ich den Nazis nun auch noch die endgültige Entscheidung über mein Verhältnis zu meinem Geburtsland überlassen hätte«, wie Sonnemann in einem Interview seine Rückkehr begründete.

Diese biografischen Erfahrungen bestimmen das Verhältnis zu Deutschland nicht nur persönlich, sondern schlagen sich auch publizistisch nicht als bloßes Erinnerungsbild einer Vergangenheit nieder. Gerade das, was, weil aus der Erinnerung verdrängt, nach psychoanalytischer Erkenntnis von außen wiederkehrt, beschäftigte den an Freud und Marx geschulten Sonnemann und veranlasste ihn zur kritischen Intervention durch seine negative Anthropologie: seine Studie zielte auf das »Überdauernde an Auschwitz«, das erinnerungslos überwältigende Unbewältigte und stumm Nachwirkende, das, »wonach zu fragen verboten ist«. Es seien diese schon immer kollektiv auftretenden und unter bestimmten Umständen regressiv aufladbaren Verdrängungsprozesse die Bedingungen und Konstanten, welche die deutsche Geschichte in die NS-Zeit geführt hätten und die auch nach Weltkrieg und Shoa immer noch wirksam waren – angefangen von der naiven Übernahme pseudodemokratischer Verhaltensdressuren aus den siegreichen »Managergesellschaften«, über den Umgang mit politischen Skandalen, bis hin zu den »deutschen Kopfgebräuchen«, die noch in der Studentenbewegung deren politische Ziele konterkarierten und deren anthropologische Analyse auch heute nichts an Aktualität eingebüßt hat: »Wie ein aus den Wolken gefallenes Missgeschick, ohne Aszendenz in der früheren deutschen Geschichte und ohne Spur in der gegenwärtigen Wirklichkeit bundesdeutscher Institutionsbräuche, Verkehrsformen, Sprachregelungen und sozialer Verhaltensweisen, hat man die NS-Zeit aus den Rechenschaften, die der bundesdeutschen Identitätsbestimmungen dienen, herausgeschält.«

Was dabei auffällig immer wieder in all seinen Schriften in Erscheinung tritt, ist das eminente Festhalten am Gesamtzusammenhang, den er nicht nur ökonomisch, sondern auch sozialhistorisch und damit anthropologisch bestimmt: »Wie die bundesdeutsche Gesellschaft den NS-Staat aus ihrer Geschichte herausschält, schält der Vorstand etwa der Berliner Jüdischen Gemeinde, indem er gegen Spuren und Neuauftritte des Nazismus protestiert, die heraus, die im engsten Sinne rassistisch sind, schweigt aber konstant zu infamen Gerichtssprüchen, in denen andere Momente dieser Erbschaft oder ihrer geschichtlichen Wurzeln wieder zutage drängen, übersieht also, dass Hitlers Reich eine einzige und einheitliche Beleidigung der Juden gewesen ist, nichts nach einzelnen Mordzielen Teilbares.«

Geistesgegenwärtig, im gewissen Sinne sarkastisch humorvoll und gleichsam wortgewandt wie widersprüchlich artikulierte Ulrich Sonnemann sein Denken und seine Einsprüche stets neu. So unnachgiebig er darauf bestand, dass eine Praxis der Theorie, will sie ihrem Namen gerecht werden, ebenso unverfügbar und unvorhersehbar sein müsse wie die Phänomene, denen sie sich widme, so eigen, unvorhersehbar und unkategorisch war sein bisweilen schwieriger Stil, der schon beim Lesen eine Komplexität entfaltet, die sich in ihrer Sperrigkeit und Selbstreflexion jeglicher Beweihräucherung und infantiler Parolenhascherei verweigert.

Ulrich Sonnemanns kritisches Philosophieren war eingreifendes Denken, das sich vor keinem Konflikt scheute und keiner Autorität oder Ideologie nach dem Mund redete. Es maß sich dagegen an universellen Größen wie Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit und bezog – wissentlich, dass Positionen sich immer auch ändern können und Erkenntnisse vielleicht einmal zu revidieren wären – gegen alles Stellung, was wider die Verwirklichung dieser universellen Kategorien hervortrat.

Der Mensch will, so lautet Sonnemanns Erkenntnis in der »Negativen Anthropologie«, die Gegenwart fixieren, aber sich nicht auf ein unvorhersehbares Moment von Zukunft einlassen – und gefährdet damit die Zukunft selbst. Denn Zukunft ist nicht nur das Vorausgeplante, sondern auch das Spontane, Unvorhersehbare, Nicht-Statische, das die Verhältnisse gefährden kann. In einer Erzählung lässt Sonnemann in diesem Sinne metaphorisch Gott selbst auf das Recht beharren, in seinen Entwürfen einer möglichen zukünftigen Welt das Prinzip der Freiheit und der Veränderlichkeit walten zu lassen. Denn: was wäre das schließlich für eine triste Welt, in der alles von vorneherein feststünde und keinerlei Abwägungen, Richtungswechsel oder Ungereimtheiten erlaubt wären, Scheitern als Schwäche angesehen würde? Wohl eine, die man tatsächlich in einem einzigen beschissenen Flugblatt erklären könnte – und damit das Elend des Konformismus in alarmierender Weise hofieren würde.

Fiebig, Paul (Hg.): Ulrich Sonnemann: Negative Anthropologie. Spontaneität und Verfügung. Sabotage des Schicksals. Schriften 3. Zu Klampen 2009, ca. 448 Seiten, 32 Euro


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