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Wolfram Stender u.a. (Hg.) »Konstellationen des Antisemitismus«

Der Sammelband »Konstellationen des Antisemitismus« hebt hoch an: Das »Neue« am gegenwärtigen Antisemitismus soll geklärt werden und dabei die Konflikte um seine Bedeutung hinter sich lassen. Dieses Ziel wird nicht erreicht. Die unverbundenen theoretischen Reflektionen werden durch Erfahrungen aus der sozialpädagogischen Praxis ergänzt, die zwar durchaus interessant sind, aber wenig zur Klärung der Probleme beitragen.

Wolfram Stender macht es in seiner Einleitung deutlich: »Die gesellschaftlichen Konstellationen des Antisemitismus verändern sich. Was aber das tatsächlich Neue am gegenwärtigen Antisemitismus ist, droht im Handgemenge einer von Diffamierungen und Unterstellungen geprägten Debatte unterzugehen. Der Streit um ‘neuen Antisemitismus’ zeigt einmal mehr, dass es um viel mehr geht als um die Klärung offener Forschungsfragen.« Aber gerade die Forschungsfragen zu klären wäre ein sinnvolles Unterfangen gewesen, denn so geraten die verschiedenen Artikel aus dem Zusammenhang, werden disparat und widersprüchlich. Ein inhaltlicher Faden ist nicht in Sicht und die an den praktischen Erfahrungen orientierten Artikel können die entstehende Lücke nicht schließen. Was aber nun kategorial »neu« ist am gegenwärtigen Antisemitismus, bleibt durchweg offen.

Der Sammelband dokumentiert folgendes Paradox eindrücklich: Während viele Autorinnen und Autoren intensiv die Phänomene und Gestalten des gegenwärtigen Antisemitismus darstellen, analysieren, seinen feinen Verästelungen und Ausdrucksformen nachgehen, stoßen sie an durch die Wissenschaft gesetzte Grenzen, die sie nicht zu überschreiten vermögen. Sie zielen nicht auf die Kritik von Nation und Kapital, post-bürgerlicher Gesellschaft und kapitalistischer Reichtumsproduktion. Die Bedingungen und Gründe für antisemitischen Konformismus verschwinden im vorausgesetzten Euphemismus der »modernen Gesellschaft«, die trotz aller Verweise auf »Kritische Theorie« nicht in den Fokus gerät. Antisemitismus verzerrt die Erfahrungen von Gewalt und Ohnmacht, die der »Moderne« inhärent sind.1 Die Ideologie ihrer Erfolgsgeschichte überdeckt die Dialektik der Aufklärung, die mehr ist als der Buchtitel eines »Epochenwerkes« (Detlev Claussen); vielmehr wird auch hier die »Dialektik der Aufklärung« historisiert, ihr reflektorischer Gehalt nicht auf die Gegenwart ausgedehnt. Die gesellschaftskritischen Konsequenzen der akademisch eingehegten Analyse werden oftmals angedeutet, vielfach sollen sie wohl auf die Haltung der Autoren hinweisen, doch der Schritt Darstellung und Kritik kategorial miteinander zu verbinden, ist in der gegenwärtigen Antisemitismusforschung kaum zu finden.

Bei allem, was einem bei der Lektüre sowohl des theoretischen wie des praktischen Teils des Sammelbandes aufstößt, schon bekannt vorkommt oder auch obsolet und redundant – erfreulich ist, dass trotz der soziologisch verquasten Sprache empirische Untersuchungen in die Artikel eingeflossen sind, die nicht nur statistisch urteilen, sondern sich relativ konkret mit dem Problemfeldern und Ausdrucksformen des Antisemitismus im Bannkreis des Pädagogischen auseinandersetzen. Gerade in den Einlassungen, die sich mit migrantischen Jugendmilieus auseinandersetzen, wird ein alarmistischer Maximalismus vermieden. Dies ist wohl auch der Einsicht geschuldet, dass hier zwar antisemitische Einstellungen vorhanden sind, ihnen kategorisch begegnet gehört, dafür aber – das haben Follert und Stender in ihrem Beitrag gezeigt – eine grundlegende Änderung seitens der Mehrheitsgesellschaft, ihrer padägogischen Einrichtungen und ihrer Agenten die Vorbedingungen sind. Dazu würde auch gehören, das Zwangsprogramm »Integration« aufzulösen. Die gesellschaftlichen Grundlagen für eine Aufnahme von Einwanderern, die Eröffnung von sozialem Aufstieg, die Einbindung in die Institutionen und öffentlichen Einrichtungen wären erst noch zu schaffen. Drei Generationen sogenannter »Gastarbeiter«, Flüchtlinge, Migranten leben immer noch am Rand einer Gesellschaft, die weder das staatsbürgerliche Blutrecht abgeschafft hat, noch ihre Vorurteile und Ressentiments aufzugeben bereit ist.2 Die auch in der Debatte um Antisemitismus vorzufindende Abspaltung von »unserem« (bewältigten) und »ihrem« (aktuellen) Antisemitismus gehört selbst zu den identitätsstiftenden Ideologemen der bundesrepublikanischen Kartoffelgesellschaft; eine falsche Unterscheidung, die auch massenmedial transportiert wird. Neu am Antisemitismus sind weniger seine Phänomene, sondern dass die Gesellschaft weniger ethnisch geschlossen geworden ist, nicht nur deutsche Neonazis antisemitische Akteure sind, die Beschleunigung und die weltweite Gleichzeitigkeit innerhalb kürzester Zeit extrem gesteigert wurde – mit dem Ende des Ostblocks trat der neoliberale Kapitalismus seinen Siegeszug an, der auch die Staaten der Metropolen nicht unberührt läßt. Diese neue Spirale der Kapitalakkumulation geht einher mit der Ethnisierung des Sozialen, der Entleerung der Demokratie und der Stärkung des Nationalismus staatlichen Autoritarismus.3 Alle Elemente der neuen Formierung der Gesellschaft lassen keinen Optimismus zu, was die Bekämpfung des Antisemitismus durch bloße Pädagogik und seine Eindämmung ohne eine grundlegende gesellschaftliche Umwälzung betrifft. Dass aber die ding‑ und sachlich vermittelte Herrschaft von Menschen über Menschen – »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«4 – abgeschafft sein soll, ist eine mittlerweile alte Forderung.

Wolfram Stender/Guido Follert/Mihri Özdogan (Hrsg.): Konstellationen des Antisemitismus. Antisemitismusforschung und sozialpädagogische Praxis, Perspektiven kritischer sozialer Arbeit, Bd. 8, Wiesbaden 2010, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 288 Seiten, 39,95 Euro.

Anmerkungen

  1. Eine Ausnahme bildet die Analyse von Follert und Stender, die die ideologische Befriedung der Gewaltgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft als Vorbedingung zur Inkorporation der Aufklärung in ein deutsches, nationales Geschichtsnarrativ benennen. Von der inhärenten Gewalt bereinigt, werden in einem assoziativen Kunstgriff Ereignisse wie die Französische Revolution, die Menschenrechte wie auch Auschwitz kommensurabel gemacht und synthetisiert. Integriert werden sie Teil »unseres« kulturellen, westlichen, christlichen, demokratischen, abendländischen Kulturkanons deutscher Identität – wie ein/e interviewte/r Pädagoge/in exemplarisch zeigt.()
  2. Zur Klarstellung: rassistische Ausgrenzung produziert nicht ursächlich Antisemitismus; jedoch überlagern sich beide Ebenen, Erfahrung von Rassismus werden rationalisiert mit Antisemitismus. Dies sind andere Arten der Rationalisierung als in der mehrheitsdeutschen Bevölkerung, deren Auftreten in einer ethnisch relativ homogenen (oder selbstbezüglichen?) Gesellschaft bis vor kurzem relativ randständig waren, bzw. kaum wahrgenommen wurden.()
  3. Siehe dazu: Detlev Claussen: Vergangenheit mit Zukunft. Über die Entstehung einer neuen deutschen Ideologie, in: ders.: Aspekte der Alltagsreligion. Ideologiekritik unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen, Frankfurt/M. 2000 (Hannoversche Schriften 3), S. 30–55; Detlev Claussen, Oskar Negt, Michael Werz (Hg.): Kritik des Ethnonationalismus, Frankfurt/M. 2000 (Hannoversche Schriften 2); Wilhelm Heitmeyer: Autoritärer Kapitalismus, Demokratieentleerung und Rechtspopulismus. Eine Analyse von Entwicklungstendenzen, in: ders./Dietmar Loch (Hg.): Schattenseiten der Globalisierung. Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und separatistischer Regionalismus in westlichen Demokratien, Frankfurt/M. 2001, S. 497–530.()
  4. Karl Marx: Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 378–391, hier: 385. Es ist der gleiche Text, der in der allgemeinen Revolutionierung »die Emanzipation der Deutschen zu Menschen« sich vollziehen sieht.()
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