Von Hanno Plass
Die Shoah aus historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen.
Bereits 2001 erschien »Die dunkle Seite der Geschichte« des israelischen Historikers Yehuda Bauer, der als Professor für Holocaust Studies an der Hebrew University in Jerusalem lehrt. Seine Biographie ist eng mit der staatstragenden israelischen Linken verbunden. Einen internationalen Namen machte er sich als Gründungsherausgeber des »Journal for Holocaust and Genocide Studies«, seiner Arbeit als Leiter der »International Centre for Holocaust Studies« in Yad Vashem und auch durch umstrittene Urteilen über den Charakter des Nationalsozialismus. Bauer wurde 1926 in Prag geboren, wuchs in Haifa auf, studierte in England und Israel, kämpfte 1948 für den jüdischen Staat in den »Palmach«-Einheiten der Haganah und war eine zeitlang Mitglied des Zentralkomittees der MAPAM (Vereinigte Arbeiter-Partei) in Israel.
Mit »Die dunkle Seite der Geschichte« liegt nun eine kohärente Sammlung von Aspekten der Historiographie über die Shoah vor, sowie zugleich eine Reflexion über der Geschichtsschreibung. Bauer versucht die Begrenzungen, welche die Geschichtswissenschaft als Wissenschaft der Geschichte impliziert, aufzubrechen. Das »Re-Thinking« (so ein Teil des englischen Titels) findet nicht zufällig an bestimmten Objekt statt. Denn die Vernichtung der Juden Europas war eine bis heute traumatisierende Tat. Die jüdische Tragödie entblättert im Laufe der Zeit ihre universalen Implikationen, so dass die Shoah – was sie zu keinem Moment war – ausschließlich die Opfer und ihre Nachfahren angeht, sondern alle Menschen betrifft (S. 13). In Bauers Augen wurde mit der Designation der Juden als Gesamtheit zur Vernichtung der Menschheit ein Mentekel gegeben: »Nehmt euch in acht und lernt.« (S. 13) Die Shoah stellt für ihn das zentrale Ereignis der modernen jüdischen Geschichte dar, »vieleicht der jüdischen Geschichte überhaupt« (S. 17).
Seine Reflexionen sind weder willkürlich gewählt, noch zufällig geordnet. Die vier ersten Kapitel bieten theoretische Überlegungen, welche die sechs historiographischen Mikrologien einrahmen. Die leitende Frage und das Thema des ersten Kapitels Bauers ist »Was war die Shoah?«. Hier legt er den »subjektiven Faktor« seiner Untersuchungen dar und benennt seine Vorurteile, die selbst aber erfahrungsvoll sind. Dreierlei schickt er voraus: dass es sich bei dem »planvollen totalen Mord an einem Volk um eine in der menschlichen Zivilsation noch nie dagewesene, präzedenzlose Katastrophe« handelte; dass er Nazismus, Rassismus und Antisemitismus hasst; und dass es keinen Determinismus in der Geschichte gibt, auch wenn mit einer vermeindlichen Unausweichlichkeit historischer Ereignisse, diese im Nachhinein gerechtfertigt oder ihr Entstehen erklärt wird. Letzteres heißt, dass die Shoah nicht notwendig hätte stattfinden müssen. Um auch einer fast gängigen Mystifizierung des Mordes zu entgehen, sei es Bauer zufolge geboten, die Shoah mit anderen Genoziden zu vergleichen – nicht um der Nivellierung willen, sondern um den Prozess der zur Vernichtung der Juden Europas führte, erklärbar zu machen. Die Intention aller Definitionen von »Genozid« und »Völkermord« sollte aber darauf gehen, solches Mordgeschehen zu behindern oder hoffentlich zu verhindern.
Dennoch insistiert Bauer auf der Singularität der Shoah: »Der Unterschied zwischen der Shoah und weniger radikalen Völkermorden liegt nicht im Ausmaß an Sadismus oder in der Tiefe höllischen Leidens, sondern in etwas anderem. Es ist nun an der Zeit, Vergleiche anzustellen, die zur Klärung dieses Unterschieds beitragen sollen.« (S. 32)
Es folgt das zweite Kapitel, in welchem Bauer sehr kluge Vergleiche zwischen Massenmorden in der Geschichte der Menschheit anstellt. Die alles entscheidende Differenz zwischen den Mongolen, der Eroberung Südamerikas, die Vernichtung der Hereros, das Regime Pol Pots, der Massenmord an den Armeniern die »genozidalen Massaker« in Ruanda und der Shoah liegt nach Bauer in der Mötivation der Täter. Und diese Präzedenzlosigkeit in der Ideologie ist ihm zufolge – entgegen allen theologischen oder allgemein-menschlichen Mystifikationen – vollständig erklärbar (S. 42).
Diese Erklärung in Einem leisten zu können, verneint Bauer, aus Gründen der fachlichen Beschränktheit der Einzelwissenschaft; es sei Historikern aber möglich, Beiträge zu leisten, die einer Erklärung der Shaoh zuarbeiten. Es könnten schrittweise Erkenntnisse beigebracht werden, die vorherigen Probleme zu überwinden. Dabei müsse man nicht einer Art des Quellenpurismus frönen, wie es der von Bauer geschätzte und gewürdigte Raul Hilberg tat, der einzig Dokumente, die in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Ereignis als zuverlässige Zeugnisse über das Geschehen anerkennen wollte. Bauer will dies insofern einschränken, dass nämlich vor allem die Dokumente der Deutschen nicht zuverlässig seien, sondern im Gegenteil, zur Verschleierung des Geschehens maßgeblich beitrugen. Deswegen seien ihm zufolge Zeugenaussagen – vor allem der Überlebenden – die »wichtigsten Quellen« über die Shoah, weil »die Deutschen gleichsam den Mord zu ermorden versuchten«, indem sie zu verhindern trachteten, »daß Juden dokumentierten, was vor sich ging.« (S. 44)
In der Forderung, auf die Erklärbarkeit der Shoah zu beharren, und sie nicht als eine quasi-mythologische Katastrophe in die Sphäre des Aberglaubens zu verbannen, liegt nach Bauer die Verantwortung des einzenen Menschen, sich in der Welt, in der er lebt als moralisches Wesen zu verhalten. Eine Mythologisierung der Shoah würde die beteiligten Menschen zu Opfern von »Kräften jenseits der menschlichen Kontrolle« machen und dies hieße »in letzter Konsequenz [die Shoah] zu rechtfertigen.« (S. 61)
Dieser Versuch, die Shaoh erklärbar zu machen – um sie und ihr ähnelndes zu verhindern – läßt Bauer auch in der von ihm geführten Diskussion um andere Ansätze einer Geschichtsschreibung der Shoah in eine Schieflage geraten. Sein Anliegen ist nicht (nur) historische Korrektheit, sondern eine eminent praktische und alltagstaugliche Auseinandersetzung, die das »Nie Wieder!« als Beweggrund hat. Dadurch wirken die von ihm kritisierten (Zygmunt Baumann, Jeffrey Herf, Götz Aly, Daniel J. Goldhagen, John Weiss) und gewürdigten (Saul Friedländer) geschichtswissenschaftlichen Theoreme durchgehend blass und geradezu mehr von akademischem Ehrgeiz beflissen als von der Suche nach der Wahrheit, welcher – so zitiert Bauer mehrmals Raul Hilberg – die Historiker verpflichtet seien.
Die an die theoretischen Erörterungen anschließenden Darstellungen, streifen mehrer Themenfelder: Den jüdischen Widerstand, sowohl bewaffnet wie unbewaffnet; jüdische Frauen in der Shoah; die Theologie während der Katastrophe und danach; Rettungsversuche der Juden durch Juden; der Weg zum Staat Israel.
Stets wird eine fachwissenschaftliche Argumentation durch Überlegungen zum Bedeutungsgehalt des Dargestellten unterbrochen. Dadurch verweist Bauer durchgehend über eine akademische Borniertheit hinaus. Christian Wiese sei es gedankt, dass er das englische Original Bauers in eine sprachlich ausdrucksstarke und behutsame Übersetzung verwandelt hat. Wie ein Interview im Deutschland-Radio mit Yehuda Bauer belegt, ist sein eigenes Deutsch durchaus druckreif. (Link bis 26. Juni 2009)
Das Buch sei jedem empfohlen, der meint, sich nicht nur mit der Geschichte der Shoah beschäftigen zu müssen, sondern auch die derzeitige geschichtswissenschaftliche Debatte überblicken will. Nicht, dass Bauer endgültige Antworten geben möchte. Seine gelungene Intention ist das Denken über und Überdenken von Dingen, die lange Jahre gewiss erschienen. Auf den ersten blick erscheint »Die dunkle Seite der Geschichte« wie ein Bändchen im gewohnten Suhrkamp-Format. Aber das bald vierhundert Seiten starke Buch, entspinnt eine Tiefe und ein Gewicht, welche vielerlei Anlass bieten, modische oder liebgewonnene Theorien wieder auf den Prüfstand der Reflexion zu stellen.
Yehuda Bauer »Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah aus historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen«, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001, 384 Seiten. Aus dem Englischen von Christian Wiese. 32,80 €.
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