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V.A. »A Tribute To Dischord Records«

Von Markus

»Ist das noch Punk?« Diese Frage stellen sich passionierte Iroträger nicht nur seit Jahrzehnten in Bezug auf irgendwelche Bands, die ihrem streng wertkonservativen Weltbild nicht entsprechen, sondern auch ich mir in Anbetracht dieses Samplers. Dabei meine ich damit noch nicht einmal die dargebotenen musikalischen Leistungen (obwohl die teilweise schon zu einem halbdebilen Kopfschütteln verleiten), sondern die Tatsache, dass ein Label und ein Haufen MusikerInnen einem anderen, »einflussreichen«, »legendären« Label Tribut zollen muss. Sind Punk und Hardcore nicht angetreten, dem Mythos des Idols, des Helden in der Rockmusik den endgültigen Todesstoß zu versetzen? Oder vertue ich mich da? Hm. Aber jetzt lasse ich hier den wertkonservativen Altpunk heraushängen. Na, sorry.

Nichtsdestotrotz ist es natürlich total spannend, was seit nunmehr 25 Jahren in einem alten Lagerschuppen in Arlington, knapp um die Ecke von Washington, DC so fabriziert. Es gibt ja durchaus Bands auf Dischord, die quasi allein durch Nebensätze ganze musikalische und weltanschauliche Bewegungen losgetreten haben. Straight Edge gäbe es ohne Minor Threat wohl nicht. Auch Emocore wäre ohne Rites Of Spring undenkbar. Es existiert keine Band, mit der mensch sich besser als intellektuellen Postpunk outen könnte, als Fugazi. Daneben gibt es wohl auch kein anderes Label, das intensiver einen radikalen wirtschaftlichen Independent-Gedanken wie eine Monstranz vor sich herträgt, als Dischord. Auch abseits von Dischord, sozusagen im Dunstkreis des Labels haben sich durchaus beneidenswerte Dinge zugetragen, man denke nur an den dekadenlangen Punk-Aktivismus von Positive Force oder die Riot Grrrl-Bewegung. Alles Gründe, wegen denen ich knapp ein halbes Jahr in DC gewohnt habe, und für die ich Dischord und 90 % der Bands auf dem Label liebe, ähm.

Natürlich ist es, da nehme ich mein Gerede von eben zumindest teilweise zurück, total okay, Bands zu covern. Meistens haben die ja eh bessere Musik gemacht, als mensch selber – aus dieser Sicht bleibt mir als Rezensent doch wiederum einiges erspart. Spaß machen Coverversionen aus meiner Sicht aber trotzdem erst, wenn Band XY nichts eins zu eins nachgespielt, sondern wenn mit dem Original distanziert und ironisch umgegangen wird. Bei diesem Sampler lässt sich das eigentlich nur von den Robocop Kraus sagen, die »Filler« von Minor Threat derart filigran durch die goldene Zitronenpresse drehen, dass mir allein Staunen und Nicken übrig bleibt. The Nationale Blue, schon auf ihrer Split-CD mit den European Translation Of positiv aufgefallen, verdrehen »Double Edged Knife« von Slant 6, einer der ersten reinen Frauenbands auf Dischord in einen feedback-geladenen, ausufernden, filigranen Postpunk-Song. Eve Massacre macht aus The Monorchid und Shudder To Think eine tanzbare Electro Clash-Nummer. Aber das war es auch schon an spannendem und spielerischem Umgang. Der Rest versucht mehr oder weniger, auch mehr oder weniger von Erfolg gekrönt, ihren Helden möglichst genau nachzueifern. Da greife ich persönlich lieber auf die Originale zurück, als mir Bands anzuhören, die aus durchaus respektablen Musikformationen auch noch den letzten Funken Originalität herauszuquetschen versuchen.

Wer sich aber, abgesehen von hier dargebotener Heldenverehrung tatsächlich für Dischord und die Geschichte des Labels interessiert, sollte mal einen Blick in deren Backcatalog und dort auf die Nummer 125 werfen. Zum zwanzigsten Geburtstag ist dort eine historische Übersicht, ein wunderschönes Boxset mit einem Buch mit Linernotes und drei CDs erschienen, von denen zwei bis zum Rand mit je einem Song jeder Dischord-Band, und die andere mit unveröffentlichte Stücken gefüllt sind. Auch neuere Bands auf Dischord sind übrigens durchaus nicht zu verachten und zeigen manchmal, dass ein paar Punks sich in den 25 Jahren ihrer künstlerischen Tätigkeit durchaus verändern und wandeln können und weiterhin spannende Musik machen, ohne ihre Ideale und Verweigerungshaltung aufgegeben zu haben. Ich denke da vor allem an The Evens, Q and not U, French Toast, Beauty Pill, The Medications oder demnächst Channels. Mir gefällt der vorliegende Sampler übrigens trotz aller angebrachter Kritikpunkte.


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