Von Lehni
mit Marcelemcy, KaiTakeCare, BauerMC, Opossum, Clueso, Mythos, WissyOnAir, Dilemma, V.E.B., Lars Kobolski, Patrick23, Faktor Null, O.S.Tee, Fabster, Maxime, DJ T-Rox, DJ Lunatik, DJ Shema, Negundo, EVFlash, EmJay, MC S.
Bereits im Oktober 2003 erschien unter dem Label OFFTAKT Records aus Leipzig der Longplayer Akupunktur refresh, die Fortsetzung des bereits im Sommer 2002 gestarteten HipHopProjekts um die MCs Marcelemcy, KaiTakeCare, Bauer MC, sowie Rolex von Velocity Sounds.
OFFTAKT ist das Sublabel von Velocity Sounds und soll zum einen die überregional weniger bekannten HipHop-Acts aus Plauen, Leipzig und Halle organisatorisch und finanziell unterstützen, zum anderen als Label eine Chance für die Szene bieten, auch über Sachsen hinaus wahrgenommen zu werden. Knapp zwanzig MCs und Crews haben sich jedenfalls zusammengefunden, um mit der Refresh in die zweite Runde des Akupunktur-Projekts zu gehen. Gerade für jemanden wie mich, dem die regionalen Acts völlig unbekannt sind, eine gute Möglichkeit, mal zu hören, was es da Schlaues und/oder Talentiertes gibt.
Wirklich überzeugt haben mich die DJs, v.a. T-Rox und Opossum bringen erfrischend einfallsreiche Beats, die schon fast zu harmonisch mit den Raps zusammengehen. Und auch wenn man sich an ein paar seltsame Reime nur schwer gewöhnen kann, was Witz und Flow angeht, müssen sich die zahllos vertretenen MCs nicht verstecken. Man merkt der Scheibe an, dass sie kein Schnellschuss von Nix-Könnern ist, sondern ein astrein produzierter Versuch, die eigene Szene möglichst in seiner Gesamtheit zu präsentieren, mit den bekannteren Acts Marcel MC, Bauer MC und Kai TakeCare als kleines Aushängeschild.
Diese »Gesamtheit« ist es aber auch, die ich als krasse Enttäuschung empfand. Die offensichtlich sehr selbstbewussten Jungs haben den Satz von Mr. Lif, »wer rappt, sollte auch was zu sagen haben« kurzerhand zum Motto derklärt, um »leere Sprüche« »entwicklungsbremsende, veraltete Ideale« hinter sich zu lassen. (nachzulesen auf www.velocitysounds.de). Diese Aussage ist angesichts der Tiefe der Texte schon ganz schön dreist.
Falls das wirklich der Anspruch der beteiligten Crews war, muss man ganz klar sagen, dass sie diesem, zumindest was die Akupunktur refresh angeht, nicht gerecht werden. Klar man muss froh sein, wenn Musiker heutzutage zu politischen Themen lieber die Klappe halten. Bei HipHop-Acts, wenn sie sich mit sexistischen Widerlichkeiten und allzu übertriebener Selbstbeweihräucherung zurückhalten und speziell bei deutschen HipHops, wenn es sich nicht um sprachliche Heimatschützer mit Fanta4-Fimmel, auf dem Kreuzzug gegen Anglizismen, US-Rap und die eigenen Roots handelt.
Von all dem ist auch wirklich nichts auf der Akupunktur zu finden, aber weiter geht das Ganze inhaltlich auch nicht. Die üblichen persönlichen Geschichtchen: meine harte Jugend, meine Stadt, meine Crew, mein arbeitsloser Vater, mein Rap etc. sind schon irgendwie nachvollziehbare Themen, aber wo bitte schön soll da Anspruch, Inhalt, die Abgrenzung gegen die »Inhaltsleere« eben, sein?
Ein Vollidiot, wer nach kritischer Theorie im Hip Hop sucht, aber das, was sich hier der sächsische Hip Hop Nachwuchs auf die Fahnen schreibt, bleibt haltlos. (wenn ich auch fairerweise dazu sagen muss, dass ich keine weiteren Tracks der beteiligten Crews kenne.) Wenn man sich immer nur auf die dümmsten Exponenten des Sprechgesangs in Dummland bezieht, ist es auch nicht weiter schwer, sich als die niveauvollere Variante darzustellen. Anspruch ist das noch lange nicht. Und wenn schon nicht die Diskurse z.B. vom Conne Island auf die jungen HipHops abfärben, so bleibt es doch verwunderlich, dass man angesichts der Olympiabewerbung, der Anti-Sprayerpolitik und der Versuche, linke Projekte in Leipzig dichtzumachen, praktisch nichts zu sagen hat. Zumindest nichts, was den (Olympia‑)Standort Leipzig gefährden könnte…
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