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Bessere Zeiten »Sanktionen im Schutt«

Ganz zu Anfang wird schon klar, um was es gehen wird. Ein leicht schräges Keyboard, ein verspielt grooviger Bass, das Schlagzeug setzt ein. Und dann drängelt sich eine helle Männerstimme nach vorne: »Du kannst die Tatsachen verhandeln/Ich kann die Umstände drapier’n/Jetzt wo die Zukunft uns zu nah kommt/Müssen wir härter attackier’n.« Die Stimme singt vom Überdruss, von Niederlagen und Fehlern, das alles aber mit großer Leichtigkeit und Wärme, so dass klar wird: Ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Stattdessen wird aufgefordert: »Komm (…)/Wir besetzen/Überflüssige Gebiete wie Krautzungen.«

Und damit sind schon am Beginn des Openers »Krautzungen« viele Motive von »Sanktionen im Schutt« versammelt. Es ist das zweite Studioalbum der Hamburger Band Bessere Zeiten, die erste Veröffentlichung seit ihrer EP »Wer sich erinnert war nicht dabei/Ahnungen, keine Geschichten« von 2009. Man hat sich Zeit gelassen. Natürlich geht es nach wie vor um die großen Themen: Um Liebe und Verzweiflung, um das Leiden an den unzulänglichen Zuständen und der peinlich schlecht eingerichteten Welt, um Langeweile und die Großstadt. Aber trotz allem, so scheint diese neue Platte zu sagen, gibt es keinen Grund, aufzugeben. Man kann sich gegen all das zur Wehr setzen – oder sich zumindest noch dazu verhalten. Manchmal mit Zynismus, manchmal mit schnoddriger Arroganz, manchmal mit Melancholie, ganz sicher nicht mit Bekenntnissen und klaren Statements. Vor allem aber mit Pop.

Viele der zehn neuen, von Tobias Levin produzierten Stücke dürften regelmäßigen Konzertgängern der Band bereits vertraut sein. »Geschmack hat keine Jugend« spielen Bessere Zeiten schon länger live, ebenso wie das traurige und zugleich treibende »Zuweitgehen« und die Ballade »Mexiko«, die ein so zeitloses Juwel ist, dass man sich fragt, warum sie es erst jetzt auf Vinyl geschafft hat. Aber obwohl Bessere Zeiten eine großartige Live-Band sind, entwickeln diese Stücke erst jetzt, erst auf »Sanktionen im Schutt«, ihren vollen Glanz: Es sind vielschichtige, komplexe, manchmal leicht spröde Songs, die sich nicht beim ersten Hören erschließen, dann aber schnell süchtig machen. Wie in ihren früheren Veröffentlichungen treiben Bessere Zeiten einen Stil voran, dem man Einflüsse von den Goldenen Zitronen bis zu Hans Unstern anmerkt. Nicht umsonst hat sich die Band nach einem Song der Kolossalen Jugend benannt und auf Alfred Hilsbergs Zick Zack/What’s So Funny About-Label veröffentlicht.

»Sanktionen im Schutt« jedenfalls rockt, hat aber auch keine Angst vor Klavier, Streichern und ausgefeilten Arrangements. Insgesamt klingt alles um Einiges reifer und satter als ältere Platten von Bessere Zeiten. Man traut sich musikalisch noch mehr zu, die Melodien sind noch wichtiger geworden. Musikalisch waren die Zeiten nie besser.

Textlich bleibt die Band beim Assoziativen, ohne kryptisch zu werden. Was die beiden Sänger Alexander Schwartz und Joachim Büchner vortragen, handelt von Entfremdung und Zorn, vom Zweifeln und Staunen, von Ablehnung und Verweigerung. Vorgetragen in einem Tonfall irgendwo zwischen verschrobenem Bescheidwissen und Selbstironie. Das gefällt. Und es gibt auf »Sanktionen im Schutt« wieder diese große Freude am Experimentieren mit Sprache, die Bessere Zeiten von Anfang an ausgezeichnet hat. Dabei kommen diesmal nicht nur so schöne Fetzen wie die bereits genannten »Überflüssige(n) Gebiete wie Krautzungen« oder »Alles ist peinlich für die Welt/Alles ist eine Humusschicht« heraus, es fallen auch herrliche Sätze wie »Die Welt erklärt sich doch von selbst/Ich hab das früher nicht geglaubt«. Und dann traut sich diese Band auch noch, allen Ernstes zu singen: »Wir sind der Geist«. Und man kommt nicht einmal auf den Gedanken, ihnen das übel zu nehmen. Im Gegenteil. Man will mehr.

»Sanktionen im Schutt« von Bessere Zeiten ist am 1. Juni 2012 auf »ZickZack« und »All rock’n’roll speeds up records« auf Vinyl erschienen. Einen Download-Code gibt’s zu jeder Platte gratis dazu.

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