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Bloomington »Kill The Rock Stars We Were«

Von David

Vorbemerkung: Wolfgang Pohrt wunderte sich an irgendeiner Stelle einmal, mit welcher Eifrigkeit die Forschung sich an die Ermittlung der geistesgeschichtlichen Herkunft Marxscher Texte wende – zum Verständnis trage das nichts bei; nur beim misslungenen Produkt interessiere man sich für Machart und Entstehungsgeschichte. Wenn das stimmen sollte, vielleicht erklärt es auch, weshalb ich beim Hören dieses Werks nicht einfach der Musik und ihrem Verlauf folgte, sondern meine Vorstellung mich in das Büro einer Plattenfirma in Barcelona führte:
Ich sitze also dort im Büro von Aloud Music, Abteilung A&R + Marketing, für die ich hier tätig bin. Leider wird es kein schöner Tag, denn ich muss mich durch einen riesigen Stapel Demoaufnahmen langweiliger Schüler-Schrammel-Bands hören. Eine klingt wie die andere. Normalerweise lassen wir diesen Schrammel-Band-Stapel ja immer unseren Praktikanten durchhören, aber der ist mal wieder nicht da, weshalb ich das tun darf. Kurt Cobain ist ja nun schon einige Jahre tot, sein Geist aber ist in Gestalt dieses Stapels uninspirierter Nirvana-Nachahmer mit selbstmitleidigem Gesang noch immer lebendig. Nun muss Nachgeahmtes ja nicht unbedingt schlecht sein (wer würde von einer Rock-Platte ernsthaft so etwas wie Innovation fordern?) – Ich hier in Barcelona aber habe einfach keine Lust mehr auf Bands wie , die Sätze wie „We Wish To Thank All The Dreamy People“ auf ihre uninspirierten Platten schreiben, auf Bands, für die ein flügelschwingender Greifvogel wohl Freiheit symbolisiert und die sowas auf ihre Cover drucken.

Immerhin aber beherrschen sie Instrumente und Technik recht gut. Es ist ja auch nicht so, dass ich ihnen keinen Erfolg gönnen würde. Ich beschließe, sie trotzdem zu veröffentlichen. Vorher müssen wir uns aber noch eine Multimedia-Spur für die CD ausdenken, dass macht man halt jetzt so. Man sagt, dass das für den Hörer einen symbolischen Mehrwert darstellt, ihn so vom P2P-Client fernhält und er wieder in den Plattenladen geht. Inzwischen ist auch unser Praktikant wieder da; ich lasse ihn die Lyrics in eine Word-Datei abtippen. Da das noch etwas wenig Multimedia ist, müssen noch schnell ein Video drehen. Hauptsache verwackelt und etwas Super8-Style. Jetzt noch Lobhudeleien fürs Presseinfo. Da sie inzwischen gar keine Schülerband mehr sind, texte ich, dass jetzt den Sound gefunden haben, den sie seit 9 Jahren suchten. Als Einflüsse bzw. Zutaten gebe ich Teenage Fanclub, Sparklehorse, Sunny Day Real Estate und Fugazi an. Später fällt mir ein, dass gute Zutaten noch kein ansprechendes Produkt ergeben. Vielleicht wäre es auch nicht falsch gewesen, hätte ihnen damals jemand bei den ersten Demoaufnahmen, die wir jetzt noch als MP3-Gimmick auf die CD tun, auf die Schulter getippt und freundlich darauf hingewiesen, dass sie hier nicht in Seattle sind. Dummerweise war die Platte jetzt aber schon veröffentlicht.


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