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Champion »Time Slips Away«

Von Dennis

In der amerikanischen Hardcoreszene der 80er und frühen 90er Jahre war speziell die Straight Edge-Bewegung musikalisch äußerst maßgebend und produktiv und hat einen Stil geprägt, der mit schnellen, harten Punkrock und positiver Message, eine drogenfreie und tolerante Attitüde unter den Hardcore Kids verbreiten wollte. Ami-Gruppen waren musikalisch, wie ideologisch Vorreiter der Neuorientierung und setzten Standards für die europäische Hardcoreszene. Bands wie Gorilla Biscuits, Insted, Youth Of Today, Uniform Choice oder Up Front haben riesengroße Hardcoreklassiker hinterlassen, die nach wie vor große Strecken auf meinem Plattenteller zurücklegen. Kennen wir alle, lieben wir alle. Nun ist aber jetzt 2004, das Konzept von Unity wirkt überholt und widerlegt; es gibt neue, zahlreiche Varianten unserer Lieblingsmusik. Straight Edge ist teilweise zu einem peinlich penetranten Nebenschauplatz der Szene geworden (eine Band wie Earth Crisis zum Beispiel hat eine Menge nicht verstanden) und Hardcore zeigt sich grenzübergreifender, aber auch akzeptierter denn je.

Da ist es beruhigend, dass es Kombos wie gibt, die gar keinen Hehl daraus machen, wo sie herkommen und welche Musik ihnen Spaß macht. In bester Tradition haben sich die fünf Hardcorehelden am Inhalt des Youth Crew-Stundenplans der alten Schule orientiert und brillieren durch technisch feinen Old-School-Hardcore, der sofort Stimmung aufkommen lässt und dazu einlädt den guten, alten Zeigefinger (rechter oder linker) wieder zu entdecken, ihn in die Luft zu strecken und seiner Wohnzimmerdecke mal so richtig die Meinung zu geigen. Aber Obacht: immer die Einsätze abwarten, sonst wirkt’s bescheuert, gell!

Die im Jahre 2000 gegründeten aus Seattle haben sich nicht aus Versehen einen Gewinnernamen gegeben, sondern wissen, dass ein bisschen posen eben auch dazu gehört.
Hier gibt es allerdings kein x-besetztes Hackebeil, Moshteile oder wildes Gebrüll, sondern sauberes Riffing – Gitarren sind melodisch wie Sau – plus flotten Pogo. Dazu Chorgesänge bis zum Abwinken und Sänger Jim, dessen Gesang sehr an den Curt Canales’ von den Straight Edge-Ayatollahs Chain Of Strength erinnert. Die standen wohl des öfteren Pate beim Schreiben der Songs, denn das traditionelles Songwriting (und eben Jims Stimme) lassen einen schon manchmal daran zweifeln, ob es sich hier nicht doch um verschollene Chain Of Strength-Perlen handelt.

Die »Time Slips Away« kommt über Records nach Hause. Urprünglich wurden in den USA zwei seperate EP´s veröffentlicht („Come Out Swinging“, „Count Our Numbers“), die in Europa aber schwer erhältlich waren, und die nun gepaart, als 30minutiges Full-Length Album vorliegen.

Im Vergleich zu so manch amerikanischen 80er Jahre SxE Veteranen, ist die Anzahl der Texte über Straight Edge auf »Time Slips Away« durchaus erträglich; auch wenn sich hier bezüglich der Themenwahl nichts wirklich Neues auftut: Holzköpfe, Szenekritik, straight sein, die gute alte Zeit, and so on …

Alles richtig gemacht haben die geschmackssicheren Champs von der Westküste mit der Wahl der obligatorischen Coversongs. Da es sich, wie erwähnt, um ursprünglich zwei Platten handelte, gibt es auch zwei Neuinterpretationen. Die 1988er Wir-haben-eben-nur-eine-Single-geschafft-Ikone Alone In A Crowd (»Is Anybody There«) und Dag Nasty´s Old-School-Oldie »One To Two«! Da kann man nicht meckern. Da sollte man sich freuen, denn speziell »One To Two« passt hervorragend ins Set und beendet die Platte mehr als würdig.

»Time Slips Away« hat es verdient beachtet und gehört zu werden, denn sie hat keine Schwächen. Das Album ist nicht innovativ, sondern klassisch. Aus gutem Grund spielen die Herren nämlich genau diese Musik, mit viel Spaß und Hingabe, ohne auf aktuelle Sounds zu schielen. Vielen Bands der 80er war es irgendwie eigen durch besonders wenige Veröffentlichungen aufzufallen. Unity, Chain Of Strength, Unit Pride, Void oder eben Alone In A Crowd hatten eine oder auch zwei Platten und lösten sich dann irgendwie auf. Ich hoffe natürlich nicht, dass in dieser Tradition auch bald nur noch in Plattenkisten existieren, aber irgendwie Old School wäre das schon.


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