Von Janette
»Die Ausrichtung der Realität auf die Massen und der Massen auf sie ist ein Vorgang von unbegrenzter Tragweite sowohl für das Denken wie für die Anschauung« schrieb einst Walter Benjamin. Wie die Realität hier zu Lande aussieht wissen wir alle nur zu gut, wie sich unsere Anschauung dadurch verändert ist der subjektiven Entscheidung jedes Einzelnen überlassen. Was es zu tun gilt, wenn tausende auf die Strasse gehen und Montag für Montag demonstrieren, wenn schwarzrotgold wieder die beliebteste Farbenkombi wird, wenn deine Zahl nach vier Stunden immer noch nicht auf der Digitalanzeige erscheint, weiß wohl niemand so recht. Fäuste in Wände schlagen, Durchdrehen, Ohnmächtig werden? Danse Macabre haben sich dafür entschieden, von der Ohnmacht Abstand zu gewinnen, sie verweigern den physischen Faustschlag und holen lyrisch wie musikalisch dafür doppelt aus.
Wenn mir vor vier Jahren jemand versucht hätte weiß zu machen, dass Kritische Theorie und Screamo Metal zusammen gehen, hätte ich meinem Gegenüber einen Vogel gezeigt. Wie so oft sollte ich eines besseren belehrt werden und Danse Macabre retteten mein ödes verschneites Silvester. Schon da hatten die fünf Trierer es mir mächtig angetan, Adorno und Marx sind schließlich nicht der übliche Stoff den derartige Bands als ihre Impression angeben.
Vier Jahre später gibt es nun endlich den erwarteten Longplayer. »Synkopenleben, Nein Danke« heißt der Gute und kommt in einem verdammt chicen Layout daher.
Viel Arbeit scheint in diese Platte gesteckt worden zu sein, zwar keine süßen Kopierzettelattacken mehr, wie bei den vorangegangenen 7‘‘ dafür tolle Grafiken und der Versuch, der Hörerin und dem Hörer verständlich zu machen, worum es sich dreht. Das riecht nach Weiterentwicklung…
Es ist ganz einfach, du hast die Wahl: Resignation oder die geeignete Form der Verarbeitung finden. Sänger Phillip schreit sich die Aversion gegen dieses Land und seine Menschen aus der Seele. Das lyrische Ich klagt an, was wir alle hassen: Warten, das Unvermögen zu sich selbst zu stehen, mit dem Ende klar zukommen, eben nicht angepasst zu resignieren, sondern immer wieder hoffen zu können. Das Leben »darf verdammt noch mal keine Synkope sein!«
Verarbeitung ist das Stichwort, Reflexion und Umgang mit dem Dargebotenen. »Eine Welt die wir hassen, weil wir sie eigentlich lieben wollen«.
Ich könnte hier noch mehr Literaturkritik üben, denn diese Platte macht einfach eine Menge her. Vielleicht ist es die Tatsache, dass ein Blick auf Textblätter meistens dazu führt, die auserwählte Platte wieder im Verkaufsregal verschwinden zu lassen, vielleicht ist es die sich fast genuin antiamerikanisch gebende linke Hardcore Community, die mich von dieser Platte wirklich überrascht sein lässt. Seit längerem ist es zu einer enormen Herausforderung geworden Hardcore zu hören und auf Konzerte oder Festivals zu gehen ohne enttäuscht zu werden. Was hier, wie im restlichen Land die Idioten vereint, sind platte Antiamerikanismen und langweilige Reime. Schon die Auskunft, dass eine Band sehr politisch ist, schreckt mich in der Regel ab. Ich erinnere nur an die furchtbaren Children of Fall und ihre »Burn Isreal, Burn«-Message.
Danse Macabre begeben sich auf das Glatteis des Politischen, aber sie enttäuschen hierbei nicht. Das ist subjektiv und wird auf sehr viel Ablehnung stoßen, aber es ist gleichzeitig der Tritt, den die »Szene« dringend nötig hat. Und keine Angst, die Bollo Fraktion kann sich durchaus auf eine Affaire mit dieser Band einlassen. Es doubled, mosht und schreit was das Zeug hält. Ich weiß, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, aber es bleibt zu hoffen, dass das nicht nur bei mir auf Begeisterung stößt. Danse Macabre sind Lärm, Romantik, Kritik und eine der besten Screamo Bands die ich kenne.
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