
Von Chris
»Bloß weil ich friere, ist noch lange nicht Winter.« (Die Goldenen Zitronen)
Die gute Nachricht: Die Goldenen Zitronen sind hörbar geworden. Denn ganz ehrlich: mit den Goldenen Zitronen verband mich bis vor kurzem ziemlich wenig. Beim Gedanken an die Hamburger tauchen einzig und allein Bilder aus einer längst verschütteten und nur sehr kurzen Deutschpunk-Vergangenheit in meinem Kopf auf. Diese Phase dauerte in etwa ein Jahr, ich verbrachte es größtenteils mit dem Konsum von billigem Glühwein und mit dem Nachsingen von Textzeilen solch illustrer Bands wie den Ärzten, Hannenalks oder SIK, über die unter meinen Glühweinkumpels die Runde machte, dass Sex im Kaugummiautomat der vollständige Name sei, der sich hinter deren Kürzel verstecken würde. Danach begann glücklicherweise meine eigentliche musikalische Sozialisation mit US-amerikanischem Hardcore. Deutsche Texte sollten von da an nur noch bei Bands wie Dackelblut oder …But Alive sporadisch, dafür aber umso wichtiger, aufblitzen.
Etwas früher, Anfang der 90er-Jahre, dürften sich Die Goldenen Zitronen immer mehr vom ursprünglichen Fun-Deutsch-Punk den ich damals für wie gesagt kurze Zeit so gut fand, wegbewegt haben – und komischerweise aber nicht in meine Richtung. Ich weiß: die Zitronen im Jahr 2010 noch an ihrer Funpunk-Vergangenheit zu messen, wird der Band nicht gerecht. Funpunk war damals eine Ausdrucksform, um sich über das Bierzelt lustig zu machen, um Volksfest und Schunkelei ironisch zu brechen. Plötzlich, mit den zeitgleich stattfindenden Politisierungsprozessen der Poplinken nach der Wiedervereinigung und den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen und anderswo, mussten die Zitronen erkennen, dass sie selbst irgendwie Bierzelt waren. Das erzählte Schorsch Kamerun neulich im Fernsehen in einem langen Gespräch mit Alexander Kluge. Diese Einsicht führte dann zu einer musikalischen Umorientierung, die sich von der Musik hin zu den Texten verschob. Dabei wurde jedoch nicht der typische Hamburger Punkrock, wie ihn zum Beispiel die bereits oben erwähnen Bands gespielt haben, anvisiert. Vielmehr widmete man sich nun avantgardistischer Konzeptmusik, die vielleicht schon damals die Richtung anklingen ließ, die mittlerweile einige Mitglieder der Band vollends und im tatsächlich wahrsten Sinne des Wortes eingeschlagen haben: Theater. Zumindest war das während der letzten Jahre das erste, was mir in den Sinn kam, als ich ein Album der Zitronen beim besten Willen wieder einmal nicht ganz zu Ende hören konnte. Adaptionen, Monologe, Beschwörungen, Brüche – mir war das alles viel zu lang, sehr viel zu lang, es mochte nicht mehr aufhören und wurde immer langwieriger, je länger es dauerte.
Dementsprechend habe ich den Hype um die Goldenen Zitronen nie wirklich verstanden. Sicherlich: sympathisch waren die Hanseaten schon immer, weil sie im Gegensatz zu manch anderen Kollegen der deutschen Musiker‑ und Künstlerszene nicht auf den Kopf gefallen sind. Auch, dass den Zitronen mit »80 Millionen Hooligans« oder »Das bisschen Totschlag« die bissigsten textlichen und musikalischen Kommentare auf die deutsche Lobhudelei Anfang der 90er-Jahre gelang, habe ich natürlich nicht vergessen und hat meinen Respekt sicher. Genauso, wie man die Herangehensweise der Brüche und Dissonanzen durchaus nachvollziehen und wertschätzen konnte: die Musik wurde zum Behälter, der mit seiner Sperrigkeit (fehlende Eingängigkeit, Vermeidung von Mitsingparts, Refrains) das Bierzelt, aber auch den popkulturellen Sympathierahmen weitestgehend unmöglich machte; trotzdem fand ich jedenfalls diesen ganzen avantgardistischen Zirkus eine ziemlich lange Zeit sehr übertrieben, weil mich die musikalischen Arrangements nach 10-minütigem Hören einfach abschalten ließen. Der uneingängige Collagensound mag gut gemeint und immerhin tatsächlich ein bisschen mehr Punk gewesen sein als diejenigen, die nur allzu offen mit diesem überholten Begriff hausieren gegangen waren – mir war das bis auf wenige Ausnahmen alles zu schrill und machte mich zu nervös, auch wenn das natürlich genauso gewollt war.
Bis jetzt. Denn mit »Entstehung der Nacht« legen die älter, aber nicht müder gewordenen Goldenen Zitronen ein fulminantes neues Album hin, das – siehe da – plötzlich auch mir gefällt. Eine wirkliche Konsensplatte im schlechtesten Sinne und die jedem gefallen könnte, ist es glücklicherweise dennoch nicht geworden – sondern eine, die sich im besten Sinne zwischen die Stühle der Popkultur setzt und dennoch sich selbst treu geblieben ist. Die Zitronen sind eingängiger geworden – und das steht ihnen gut zu Gesicht. Viel Schnickschnack haben sie sich wieder dabei einfallen lassen, es wird an allen Ecken und Enden aus Politik und Gesellschaft auf sehr hohem Niveau zitiert und kommentiert, ordentlich Hilfe von Gastmusikern wurde hinzugezogen – und das Beste: die Tanzflächen der urbanen Großstadt-Clubs zwischen Hamburg und Rio de Janeiro haben wohl einen nicht zu überhörenden Eindruck hinterlassen. Dabei scheppert es gewaltig, Hip Hop-Beats, mit denen die früheren Zitronen schon arbeiteten, bouncen kräftig und verquerte Orgelsounds spritzen immer wieder dazwischen. Bei aller gebliebenen Sperrigkeit werden aber die Hits nicht vergessen: der Basslauf bei »Des Landeshauptmanns letzter Weg« findet weich und pointiert in die Gehörgänge ohne aufdringlich zu sein. Selbiger Song ist es auch, der so ziemlich den besten politischen Kommentar zum Ableben des postmodernen Alpenmachos und ganz zeitgemäßen Faschisten Haider liefert. Diese Mischung aus schräger, aber doch eingängiger Popkultur weiß zu gefallen. Sogar so sehr, dass ich mir kurz überlegt habe, die alten Platten der Goldenen Zitronen vielleicht doch noch einmal neu zu entdecken. Und das etwa nicht aus begründetem und legitimen Respekt, sondern, weil man mir kürzlich sagte, dass diese neue Platte sich gar nicht so sehr von den alten Veröffentlichungen unterscheiden will. Ein Versuch wäre es nach diesem musikalischen Wurf jedenfalls wert.
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