Von Brigate
In den letzten Wochen habe ich meine Kopfhörer mehrfach absichtlich zu Hause gelassen, damit ich mit meiner aktuellen Hausarbeit auch mal ein bisschen vorwärts komme und nicht immer nur rumdödele. Nachdem ich aber die 20 Seiten Marke passiert hatte und das ganze allmählich absehbar geworden war, nahm ich sie dann doch wieder mit in die Bücherei.
Das hatte zunächst zur Folge, dass ich mir die ganzen letzten Tage zwei meiner Lieblings-Gitarren-Wave-Bands der 80er, Sad Lovers and Giants (In the Breeze LP, Epic Garden Music LP, Total Sound LP) und And also the Trees (s/t LP, et aussi les arbres LP) hoch und runter hörte. Darüber lasse ich mich jetzt aber nicht weiter aus, da es wahrscheinlich eh niemanden interessiert.
Heute habe ich dann entgegen meiner Gewohnheit mal was aus diesem Jahr gehört, nämlich die jüngst bei Audiolith erschienene Egotronic CD »Die richtige Einstellung«. Das die zwei coole Tüppen sind, ist mir ja schon lange klar. Ich muss aber sagen, dass ich nie ein großer Egotronic Fan war. Einerseits, weil mich das, was ich musikalisch bisher von der Band bewusst wahrnahm, nicht sehr ansprach. Zu groß sind einfach bei aller Bescheidenheit meine Bestände an billigen 80er Jahre Elektronik und Synthie-Wave MP3s, da bin ich sehr wählerisch geworden und habe selbst die von vielen geliebten »The Faint« nach einer gewissen Schonfrist wieder bei ebay verscheuert.
Die andere Sache ist: ich weiß nicht was ich davon halten soll, wenn komplizierte Dinge wie die Kritik an Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus in konsumerable Tanzhäppchen verwandelt werden. Keine Ahnung, ob das direkt falsch ist. Schließlich bin ich kein kulturpessimistischer Onkel, der meint, wer einmal anfängt Pop zu hören verliere zwangsläufig jegliches Interesse an kritischen Auseinandersetzungen und werde zum Phrasendrescher und autoritären Parolenmenschen.
Das haben nachweislich schon manche unter ganz anderen Umständen geschafft, und zwar nicht, weil sie so viel Popsongs gehört und Werbefernsehen geschaut haben. Jedenfalls habe ich Egotronic immer als eine sehr identitätsstiftende Band wahrgenommen, eher der Sorte, dass klischeegemäß büchereiblasse Jugendliche in schlabbernden Carharttklamotten sich auch mal berechtigt fühlen, betrunken auszurasten, weil sie und die Band teilen ja »die richtige Einstellung«.
Zwar immer noch besser als die Schnulzenbarden von Endearment, die mir mit ihrem Emo-Israel-Song (jaul, long live Israel, jammer, klampf, wimmer) die heftigste Fremdscham bescherten, die ich je auf einem Konzert erlebt habe, aber ganz ehrlich: Ich konnte mir nicht vorstellen wer das eigentlich hören sollte!
Heute habe ich mir die Egotronic CD aber angehört und sehe das jetzt alles ganz anders. Ob ich jetzt die Sex Pistols vergesse, wie es mir die Egotronic-Werbung anriet, wage ich zwar zu bezweifeln. Wer aber die »Nevermind the Bollocks…« schon zu Hause hat und die »Nevermind the Sex Pistols, Here´s the Bollock Brothers!« von den Bollock Brothers vielleicht auch, der/die hat eigentlich keinen Grund, die Egotronic CD nicht zu besitzen.
Wie wahrscheinlich auch der/die Letzte mitbekommen hat, machen Egotronic nicht sehr ambitonierte, elektronische Musik. Sie verwenden dabei die unterschiedlichsten Stile, wobei meines Erachtens die punkig arrangierten Stücke die Besten sind: »von nichts gewuszt« und »maybe someday« (von dem auf der CD auch ein Saalschutz-Remix zu hören ist) sind für mich die Hits Es gibt aber auch viel Knarz-Pop (z.B. »Exportschlager Leitkultur«, »Die Partei«) und eine nette Zusammenarbeit mit den HipHop-Jugendlichen Kolja und Tai Phun. Ziemlich langweilig hingegen finde ich die eingestreuten »fluffigen« Popstücke, die wohl darauf abzielen, eine Sommer-Sonne-feel-good-Stimmung zu erzeugen. Am ehesten würde ich sie vielleicht noch als Warteschleifenmusik am Telefon benutzen, denn zumindest – das ist dann auch das einzig positive – sie bleiben nicht im Ohr. Das Problem ist: Die Stücke wirken unvollständig. Der sonst dominante Gesang wird meist mittels eines Vocoders auf Roboterstimme getrimmt, nur leider eher in Richtung R2D2 als C3PO… man versteht leider gar nichts, und die Texte liegen auch nicht bei, was nebenbei bemerkt einer Band mit Anspruch nicht passieren sollte. (Vocoder finde ich im übrigen ziemlich Banane. Das einzige Lied, das mir jetzt einfällt in dem ich solchen Gesang gut finde ist übrigens »is anybody home? (part 1)« von der französischen 80er Synthie Band Trisomie 21 – wie die wohl auf den Namen gekommen sind?)
Auch wenn Texte wirklich nicht geschadet hätten, das Cover und das »Miniposter« wo die zwei in einem Autoscooter posieren sind ansonsten Gold wert. Fazit: Die Platte gefällt mir sehr gut, ich empfehle sie mal leichtfertig zum Kauf und bin gespannt wie es mit Egotronic so weitergeht. Gibt es neue punky Hits oder doch eher schale Vocoder-Skizzen? Werden Egotronic ihrer Rolle im internationalen Musikbusiness gerecht und zukünftigen Releases Texte, auch in englischer Übersetzung, beilegen? Welchen Einfluss werden die jüngsten Experimente Torsuns im Feld des Kirmestechno nach sich ziehen? Und was ist dran an den Gerüchten, dass Torsun es seinem heimlichen Vorbild Dieter Bohlen gleich tun und sich einen Namen als Produzent drittklassiger Schlagerduos machen will?
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