Von Sebastian
Ein lausiger Tag auf der Leipziger Pop Up 2004: nach einem Rundgang auf der bunten Meile der Musikprodukte und vor einem grausamen Forum über »Heimatkult und Kiezverbundenheit« steckte mir Mirco das zweite Album seiner Band Endearment zu, die ich bis dato nur vom Namen und dem pointierten Untertitel »Revolutionary Boygroup« kannte.
Eine komische Mischung aus Spannung und Weihnachtstischatmosphäre zauberte das Präsent, das als LP im hauseigenen Label und als CD in der Meerwert-Qualitätsschmiede erscheint, bereits auf dem Heimweg aus meiner Tasche und lud zur visuellen Inspektion. Das schlichte Artwork, das ohne die Adaption linksidentitärer Ästhetik auskommt, ohne geballte Fäuste, Fahnen und revoltierende Massen, übersprang mühelos die Hürde an der »politische« Bands gemeinhin scheitern. Statt dessen ein Cover in Graustufen, auf dem die moderne Architektur das einzige Symbolsystem liefert. Kosmopolitisch statt vermufft klassenkämpferisch? Da will man ja fast schon den Terminus »progressiv« bemühen.
Allerdings kam der Gestaltungsbonus auf den sechs Stationen in Linie 11 nicht ohne eine Portion Skepsis, schlimme Befürchtungen und vorgezogenes Magendrücken aus. Ein Song namens »Israel« von einer revolutionären Jungsgruppe – im Regelfall kann man von dieser Mixtur nicht viel Erträgliches, geschweige denn die Vertonung der Notwendigkeit dieses einen Staates erwarten. Ich rief mir auf der Fahrt beunruhigt Propaghandi mit ihrem »Fuck Zionism!« oder den italienischen »Kufia – Moving for Palestine«-MP3-Solisampler ins Gedächtnis.
Eine Tasse Tee und den ersten Endearment-Lauschangriff später, blieb nur Erleichterung zurück. Keine musikalische Gegenaufklärung, sondern antigerman Popmusik, die mit einem Faible für Marx und Adorno auch ohne die gerade hippen Vulgarisierungstendenzen ins Presswerk ging. Geliefert kamen alsdann zehn catchy Emosongs plus Musikvideo, die sich mit satten Melodien in die Gehörgänge tapen. Nerviger Pathos und stumpfe Parolen blieben aus Kostengründen dankenswerterweise im Probenkeller. Allerdings stößt der Versuch das Ca-Ira-Verlagsprogramm zu vertonen, an die Grenzen der ästhetischen Form, weil sich der emanzipatorische Gehalt dieser Platte eben auf die Texte beschränkt und keine Entsprechung in der Musik findet. Kritische Theorie im durch und durch kulturindustriellen Gewand klingt zwar dennoch gut, kann aber nicht versprechen, dass in der musikalischen Austauschbarkeit noch etwas von ihr übrig bleibt. Von diesem Spagat zwischen Pop und Gesellschaftskritik abgesehen, kann man Endearment aber trotzdem ein »Thumbs Up« mit Edding ins Poesiealbum malen: Bitte mehr Musik ohne Arschlöcher und Nichts-Zu-Sagen-Haber!
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