Von Chris
Schaut man sich die meisten Menschen heutzutage an, so bleibt einem nicht mehr viel übrig als Verachtung. Die tägliche Fahrt mit der Straßenbahn wird zum Desaster, weil man sich umgeben fühlt von stumpfen, abgedroschenen und oberflächlichen Automaten, denen es scheinbar nur darum geht, einen geregelten Ablauf ihres Lebens zu organisieren, der sie bis ans Lebensende aus allem Ärger heraushalten soll. Die Spontaneität, die nicht bedeuten muss, sich völlig einer willkürlichen und entscheidungsscheuen Vehemenz hinzugeben, wird ausgeschalten.
Es scheint so zu sein, wie es Adorno einst formulierte: »als ob der Menschentypus, der heute auf die Welt kommt, vorweg schon zu einem außerordentlich weiten Maße in die verwaltete Welt hineinpasst, dass er gleichsam in sie hineingeboren wird.« Starr seien sie, diese Menschen, »weil sie eigentlich keine Spontaneität mehr haben, weil sie eigentlich gar nicht mehr ganz leben, sondern, weil sie selbst sich bereits als die Dinge, als die Automaten erfahren, als die sie in der Welt verwendet werden.«
Kälte und Emotionslosigkeit sind der Effekt eines solchen Umganges mit sich selbst und den Mitmenschen, die sich nur noch in ihrer warenproduzierenden Beziehung und durch Vermittlung ihrer Arbeitskraft austauschen können – gerade so, als wäre Leben etwas, das nicht abseits von instrumenteller Vernunft vollzogen werden könnte. Wem mag man es da übel nehmen, nicht den Drang zu verspüren, Amok zu laufen und dem Frust freien Lauf zu lassen?
Graf Orlock sind der Reflex auf dieses objektive Grau und dessen Langeweile. Sie sind der Revolver, dessen Geschosse im metaphorischen Sinne die Antwort auf solch ein Leben sein könnte. Sie kotzen sich mit ihrer Musik die Seele aus dem Leib und halten den Verhältnissen den Spiegel ihrer eigenen Destruktivität vor. Mit einer Mischung aus Hardcore, Thrash und jeder Menge Mut zum Ärger. Das Besondere an dieser ganzen Sache ist, dass sie sich dabei nicht in abgefuckter Gestik üben, sondern mit Selbstironie und Stil ihr Brett herunterspielen, als hätten sie ihr ganzes Leben noch nichts anderes gemacht. Die Gitarren hängen mit einem Bein im Metal, um dann doch wieder Richtung Hardcore zu kicken, während der markante Doppelgesang zwischen Screamo und Grind sich nicht so recht entscheiden mag. Die Double-Bass wummert präzise, wie die ganze Rhythmus-Sektion dem Beat sehr viel Schliff verleiht und so alles in allem ein sehr einheitliches Gesamtbild entsteht. Ehrlich gesagt ist das musikalisch nicht ganz my cup of tea, aber: vielleicht bin ich ja gerade deswegen so beeindruckt.
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