Vielleicht muss man sich dem phänomenalen Phänomen John Maus über Umwege nähern. Der direkte Zugriff ist verweigert, funktioniert nicht, die Musik entzieht sich, auch wenn sie ins Ohr geht: die Überlagerungen in den Stücken Maus’, der Ariel Pink-verwandte LoFi-Sound, das Verschwinden der Stimme im Hintergrund, die überraschenden Brüche und das wagemutige Jonglieren mit der Ohrwurm-Melodie einerseits und ihrer Sabotage und Vernachlässigung auf der anderen Seite – das alles macht das Werk John Maus’ zunächst ungreifbar. Einzelne Stücke bleiben direkt, da sie wissen, wie man die Leute kriegt, manche wirken in den ersten Hörversuchen überfordernd. Hinzu kommt die Figur John Maus selbst, jener in Interviews wild durch die Welt des Geistes trabende, aufgeregte und depressiv-gebrochene Euphoriker, dessen athletischer Körper – auch, wenn er wohl nie Quarterback war, sondern eher ein Typ à la Star Trek – The Next Generation im Sinne der Eigenbrödlerei – nicht still hält, zittert, mit den Armen rudert, die Hände öffnet, den Kopf schüttelt wenn er »Ja« meint, die Welt erklären will (oder vielmehr die Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens).
Ganz abgesehen von seinen Performances, in denen Maus zur abgespielten Platte seine Texte mitsingt, umsingt, schreit, brüllt und ganz entrückt ekstatisch wirkt. Hier zeigt sich: Musik ist und bleibt in ihren schönsten Momenten der Umsetzung reine Energie. Das alles macht den Mauskrokosmos recht komplex und erleichtert den Zugang nicht gerade: Maus kann auch erschrecken, selbst Katzen. Doch eine solche Musik besitzt über ihren eigenen Umweg ein bestimmtes Potenzial: wenn man die Zeit aufbringt, die es erfordert, in den Mausspace (so auch der Name seiner Homepage) einzutauchen, ist es eine Musik die bleibt, da sie nicht im ewigen Vergleich der Referenzkataloge untergeht. Wo etwas alleine dasteht (von der Nähe zum Frühwerk Ariel Pinks, in das Maus als Freund und Mitmusiker selbst eingeschrieben ist, einmal abgesehen), leuchtet es in der Einzigartigkeit – was nicht bedeuten soll, dass es keine vergleichbar aufregenden Künstler in der Nähe zur einer Mausschen Lo-Fi-Affinität gibt, wohl aber, dass seine Sound-Entwürfe einer selten gehörten Konsequenz verschrieben sind. Neben drei bisher veröffentlichten Studioalbum gehört aber noch viel mehr zum Œuvre Maus’, bringt der 1980 geborene Amerikaner, zwischenzeitlich Student der Europeen Graduate School in Saas Fee (Schweiz) oder wechselweise Philosophie-Dozent auf Hawaii, doch seit jüngsten Jugendjahren CD-Roms und Tapes heraus, beteiligt sich an Samplern, erweitert sein eigenes Archiv. Um sich auch diesen Teilen seines Werkes zu nähern – ein völliges Erschließen aller Stücke des Künstlers wäre vielleicht doch ein kleiner Overkill –, empfiehlt sich nun eine dieser Tage erscheinende Compilation mit dem einfachen und bezeichnenden Titel: »A Collection Of Rarities And Previously Unreleased Material«, die den Albenproduktionen in nichts nachsteht.
Die 16 Stücke aus den Jahren von 1999 bis 2010 erlauben, über Repräsentanten den jeweiligen Status der Soundstudien Maus’ zu beobachten. Ohne jegliche Chronologie lernt man so nach vorne gehende Stücke wie »Castles In The Grave« von 2010 kennen, ein Song, der sich aufdrängt und musikalisch den Höhepunkt Mausscher Komplexität markiert, ein unglaublich dreistes Gitarrenriff aus den Membranen der Boxen schmettert, gleich neben »Angel Of The Night« (2010) aus dem gleichen Jahr, das in aller Kürze vielmehr eine Nähe zur »World Of Echo« von Arthur Russell aufmacht. Hier zeigt sich auch, dass es Maus – auch wenn sich eine solche nachvollziehen lässt –, nicht vorrangig um Entwicklung geht: der sympathische Hüne hat seine feste Vorstellung des Sounds, über den er sich ausdrücken möchte, sein klangliches Universum ist für ihn vollkommen und wird so zum Werkzeugkasten der Variablen. Einzige Ausnahme: »Fish With Broken Dreams«, aufgenommen schon 1999 und somit das älteste Stück der Compilation. Hier lässt sich der später so einzigartige John Maus bereits klar erkennen, wirkt aber in mittelalterlicher Liedtradition, die nur gegen Ende auf Maus’ Science-Fiction trifft, noch etwas rückständig.
Die auf Ribbon erscheinende Zusammenstellung lohnt sich aber auch nicht zuletzt wegen des Artworks, so bildet die das Cover zierende Fotografie Wolfgang Tillmans eine Zeitlosigkeit ab, die in Komplizenschaft des sowohl in Vergangenheit als auch Zukunft weisenden Klanges einfach perfekt zur Mausschen Erscheinung passt (die Cover der drei Studioalben hingegen sind alle für sich – Entschuldigung! – vollkommene Manifestationen der Hässlichkeit): das Bild der zwischen Erde und Sonne hindurchziehenden Venus vom Venus-Transit 2004 verortet auch Maus’ Musik, genau wie seinen Geist: irgendwo da draußen, irgendwo im Weltraum.
»A Collection Of Rarities And Previously Unreleased Material« erscheint am 16. Juli 2012 via Ribbon auf LP (limitiert Auf 3000 Kopien) und CD.



