»So besoffen warst du noch nie! – Juri Gagarin«
Über dem Pissoire lacht mich ein Aufkleber mit einer selten gut formulierten Feststellung an. Stimmt fast. Ziemlich. Ich werfe einen Blick in den zerschlagenen Spiegel und wende mich wieder dem Geschehen auf der Bühne zu. Die Herren Juri Gagarin nähern sich der Mitte ihres Sets, die Flache Wodka ist im Publikum verschwunden und Säge Gagarin hat auf Automatik geschaltet und präsentiert dem feiernden Publikum den patentierten Stampfer mit dem er schon manche Bühne schlichtweg zerstört hat. Es kommt »Energia«, der Titelsong des ersten Abums der beiden Musiker aus Hamburg.
Doch widmen sie ihre visuelle Koketterie nicht den Koggen, Krähnen und Kneipen der Hansestadt, sondern dem Flecken Erde, auf dem sie geboren wurden und die ersten Jahre ihres Lebens verbrachten. Mit russischer Militäruniform, Wodka und ihrem Namen als Reminiszenz an den großen Kosmonauten der ehemaligen UdSSR, möchte man in Gedankengängen über diese wunderbar praktisch vorgetragene Kritik der Diktatur durch hedonistischen Exzess schwelgen. Doch würde man damit den Nuklearkern dieses technoiden Spaßreaktors sicherlich verfehlen. Bei Juri Gagarin wird keine Politik betrieben und das ist auch besser so. Es werden keine Parolen geschwungen oder irrwitzige Interviews gegeben wie von manchem Kollegen bei dem verantwortlichen Label Audiolith. Generell kommen die Gagarins ohne Texte aus, einzig in dem Song »Supermarkt« hört man die Simme von Bandfreundin Flicke. Geht auch, muss aber nicht. Wenig bedeutungsschwanger treiben die Musiker ab in die seichten Gewässer des Elektropops. Aber es bratzt, knarz und fiept, der Bass wummert, die Melodien knacken, der Synthie brummt, die Schwarte kracht. Juri Gagarin sind getanztes Onomatopeia (geiles Wort!).
Der einzige Wermutstropfen der sich in die Wodkaschwaden mischt, ist die Tatsache, dass hier nichts wirklich Neues präsentiert wird. Nicht die Musik, ich bitte euch. Wie vermessen wäre es von jedem Album Progression und das große Ding zu erwarten. Die Melodien, das Arrangement, der Rumsfaktor, alles 1A in Paradeuniform. Doch beinhaltet dieses Album Songs der letzen 5 Jahre und klingt dadurch nicht wirklich rund und abgestimmt gemischt. Aber vielleicht (Achtung Kurve!), ist dies auch grade das besondere an Juri Gagarin in der hiesigen Elektrosphäre, es geht um gute Melodien und einnehmende Songstrukturen, nicht um den einen Beat. Etwas, das mir besonders gut gefällt.



