Von Sebastian
Punkrockstücke müssen im Idealfall kurz sein. Sie brauchen Krach und Pogo, Dosenbier und unflätiges Benehmen – zumindest aber Dosenbier und Wut im Wanst. Alles im Zeitfenster von 2 1/2 Minuten untergebracht und dabei doch genug gesagt. Eine Rezension muss so nicht sein, sie kann aber. Heute soll sie…
Aneignung
Ausgepackt hab ich das Album nicht. Bei einem netten, wenngleich von Krankheit gezeichneten Besuch in der zonalen Ödnis, wühlte ich sie aus den stiefmütterlich verwaisten Rezensions-Stapeln unseres Postfach-Bunnies; »Neuanstrich« moderte dort inklusive eines netten, handschriftlichen Briefes an die Redaktion vor sich hin, und harrte der Dinge, die da gewöhnlich nicht kommen. Während der Tonträger ins Handgepäck wanderte, harren die liebenswürdigen Zeilen unglücklicherweise weiter.
Look & Feel
Kobayashi setzen visuell auf ein eindeutiges Symbolsystem: ein rosa Iro (Punk) auf dem Laufband (Schweinesystem), dessen T-Shirt mit einem Schraubenschlüssel bedruckt ist, den das Proletariat – wäre es nach Marx gegangen – beherzt zwischen die Zahnräder der Wertakkumulation hätte werfen sollen (Subversion). Zum emanzipierten Wegwischen der »Weltkotze« (Dietmar Dath) kam es freilich nie, wohl aber zum Schlimmsten. Unter gewöhnlichen Grausamkeiten hat der Punker auf dem Laufrad heute zu leiden. Wäre es anders, würde er wohl kaum so bedröppelt auf seiner Plattenfront dreinblicken, auf dieser wundervollen Wall Of Punkrock-Design-Klassik, nur bei den Bremern nicht in alterwürdigem schwarz/weiß gehalten, sondern in Farbe.
Der Titel
Heißt die Platte deshalb »Neuanstrich«? Kündigt sich eine Rundumrenovierung vom Punkrock an? Oder nimmt man einzig auf den rosa Iro Bezug, der aus dem grafischen Drumherum aus grau, weiß und schwarz hervorsticht – auf den rosa Iro den man mit Vehemenz als bunte Farbtupfer auf eine abgrundtief hassenswerten Welt draufpinseln muss und alles dreht sich zum Guten? Ich weiß es ehrlich nicht. Nur soviel: rein assoziativ würde ich dem Neuanstrich ja immer die Abrissbirne vorziehen.
Die Texte
Doch genug des gedanklichen Freischwimmens und rein mit dem Gegenstand der Betrachtung in den Hals der Yamaha-Heimunterhaltungsmaschine. Man möge hören und die »lyrics texte letras« lesen, die freundlicherweise im Booklet dreisprachig aufbereitet wurden. Und das nicht ohne Grund. Kobayashis multilinguales Beiwerk scheint wohl keiner spleenigen Potenzfantasie zu entsprechen, sondern dem Umstand geschuldet zu sein, dass die Band ausweislich der beteiligten japanischen und spanischen Labels tatsächlich ein internationales Publikum erreicht.
Doch zurück zu den »lyrics texten letras«: es würde verwundern, wenn sie sich anders läsen, als die Covergestaltung nahelegt. Kobayashi arbeiten sich an Phänomenen ab, die ihnen missfallen. Sei es die Verlagerung des Tauschprinzips in die Körper hinein, die Marktförmigkeit persönlicher Beziehungen, stumpfsinnige Fußballproleten, Überwachung, Vergangenheitsbewältigung, der Mythos einer Poprebellion, die Festung Europa oder alternativlinke Hippies. Man bemüht sich erfolgreich an allerlei Plattitüden vorbeizumanövrieren, ohne dabei peinlich-intellektuell Schiffbruch zu erleiden. Das liegt nicht zuletzt an der Fähigkeit, nicht immer geradezu laufen zu müssen, sondern auch Zeilen offen lassen oder mit Metaphern umkreisen zu können.
Die Musik
Was Kobayashi textlich gelingt, fehlt mir musikalisch. My cup of tea ist das nicht, da muss ich den geschätzten Kollegen von Yellow Is The New Pink beipflichten. Das Album wurde im Studio zu sehr auf 90s-Schlachtrufe-Punkrock gekämmt und wirkt hier und da mit seiner Liebe zu Double-Bass-Pogo und Gitarren-Soli fast ein wenig Stadionrock-verdächtig. Als bessere Stücke pellen sich eher jene aus dem »Neuanstrich«, die im Midtempo bleiben – wie etwa die Fußball-Fankultur-Ohrfeige »Masse«. Das musikalische Fazit beschränkt sich aber allein auf die Platte. Ich kann mir vorstellen, dass Kobayashi live prima durchstarten.
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