Von Brigate
An early to mid 80s HC/Punk compilation
Als ich die CD bekam saß ich ein paar Häuser weiter in der Küche und sah auf »Das Vierte« eine Sendung namens »Echt Hart – Menschen am Limit«, so ein Format, das mir nach spätestens 10 Minuten Kopfschmerzen macht. In Endlosschleife konnte man z.B. den spektakulären Sturz eines so genannten »Extremskifahrers« nach verfolgen. Dazu gab eine Stimme aus dem Off Nachhilfe in Logik: »Ich hatte unheimliches Glück, und habe überlebt. Hätte ich Pech gehabt, hätte ich nicht überlebt.« Im nachhinein verrückt, weil sich die CD als echte Wunderwaffe gegen die miese Stimmung erweisen sollte, in die mich das Fernsehen versetzt hatte.
»Network Of Friends« ist ein aus alten Tapecomps neuzusammengestellter Sampler europäischen und amerikanischen HC/Punk-Bands Anfang/Mitte 80er, einer Zeit die ich mir schon allein deshalb schöner als unsere vorstelle, weil es damals noch kein Myspace gab, wo jeder Larry 12425 »Freunde« hat und trotzdem jeden Tag dumm vorm Bildschirm hockt und sich »witzige« Kommentare postet, wenn er nicht gerade auf die Idee kommt, an seiner eigenen, schwerstens mit subkulturellem Bezug ausgestatteten Kleidungsmarke herumzudesignern. Auch sowas gabs mal nicht, und es war nicht schlechter. Wer keine Band T-Shirts trug, hatte immer noch die Möglichkeit, ganz normale einfarbige zu tragen, und es war ja niemand gezwungen, bei diesen abgründigen Funshirt-Katalogen zu bestellen, wo eine ausgesuchte Kollektion von »Bier formte diesen Körper« über »Kampftrinker-Leistungsklasse (mit Donald Duck am Tresen)« und diverse mehr oder weniger explizit sexuell dahermetaphernde T-Shirts auf ihre verdiente Kundschaft warteten.
Wer’s trotzdem tat, na da wusste man dann, was man davon zu halten hatte. Heute dagegen schwappt alles durcheinander, jedes Shirt hat eine »Message« und doch irgendwie keine, weil jeder glaubt, in Symbole seine eigene kleine »persönliche Bedeutung« hineininterpretieren zu dürfen, und auch bitte nicht danach gefragt werden möchte. Sei es nun Hartz-4-Tribal, Germanengeraune im Nazipopperstil oder der mittlerweile unüberschaubare Motivkomplex Totenkopf-Erdbeere und was weiss ich noch alles.
Auch eine Pest unserer Zeit: Buttons! Früher trug’s ja eh nur der Punker, oder halt der Öko, der dann aber mit 5 cm Durchmesser und Anti-Atom-Sonne. Warum auch nicht, aber heute? Da hat jeder Bollo mindestens zwei am Spassbeutel, aber die garantiert so klein beschriftet, dass auch mit der Lupe nix zu erkennen ist – und man kann sich ja schließlich auch nicht runterbeugen und am Hosenlatz schnuppern, das machen nur Hunde! Vielleicht soll man’s aber auch gar nicht lesen können, weil der Träger halt so individuell ist, dass er’s nur für sich macht? Aber so kriegt man eben nie raus, ob da jetzt »Good Night White Pride« oder »Good Night Left Side« stand, oder vielleicht sogar »Bier formte diesen Körper«, mit einem am Boden liegenden Männchen, dass aus dem Fuss einer riesigen Bierflasche in Form eines tretenden, stehenden Männchens trinkt? Naja, die Fronten werden sich auch ästhetisch bestimmt wieder klären, spätestens wenn eine Studie nachweist, das diese ganzen Plastikfunktionsklamotten nicht nur völlig überteuert und/oder total hässlich, sondern auch irgendwie gesundheitsschädlich sind.
Aber zurück zur CD. Wie gut die Auswahl im Vergleich zur Gedacht-Bestmöglichen ist, das weiss ich natürlich nicht, aber soviel ist klar, ich finde sie großartig! 41 Stücke schwanken zwischen Rumpel und Geballer, wobei jede Band ein oder zwei Lieder hat. Dabei werden auch einer Reihe Tapereleases und Liveaufnahmen verbraten, also Sachen, die man nur schwer findet. Neben einigen Bands die ich schon länger in mein Herz geschlossen habe, Wretched (Mailand), Negazione (Turin) und Pandemonium (Venlo), die hier mit ihrem auf etwas eigenwilligem Deutsch verfassten Anti-Nazi-Hit »Wir fahren gegen Nazis« vertreten sind, kannte ich auch einiges musikalisch noch gar nicht, und freute mich über Knaller, wie die Gruftrosen (Wien), Siege (Boston) oder Upright Citizens (Bottrop). Da man nicht alle versteht, habe ich ich natürlich die Texte vermisst, auch wenn die zusammenzustellen vermutlich eine ziemliche Aufgabe dargestellt hätte. Denn die Stücke verdienen Beachtung ja nicht nur als Geballer, das Myspacelarry in sein Profil einbauen kann, sondern vor allem auch als ästhetischer Ausdruck der antifaschistischen und sozialkritischen Kultur. Verdientes Rerelease einer tollen Compilation!
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