Beatpunk Webzine

PTTRNS »Love Quest I & II«

Vor ein paar wenigen Jahren kam ich selbst einmal zu dem Vergnügen, mit den (damals noch) drei schnieken Burschen von den PTTRNS auf Tour zu gehen. Das »damals noch« bezieht sich im Übrigen auf die Größe der mittlerweile zum Quartett gewachsenen Gruppe, schnieke sind sie immer noch.

Zu dieser Zeit, an jedem Abend und egal wo, beschworen sie die pure Ekstase herauf – die Crowd tanzte im Osten wie im Westen. Das ist auch heute noch so, nur dass es ein paar hundert Leute mehr sind, die so auf einem PTTRNS-Konzert die Hüften schwingen. Der untrennbare Anschluss ans Publikum, der in verkrampften und gekünstelten Integrationsversuchen im üblichen Setting eines Rockkonzerts oft Peinlichkeiten herstellt, funktioniert bei ihnen ohne sichtbare Schweißnaht, wenn auch, beschleunigt durch den groovenden Rhythmus, das salzige Wasser nur so aus den Poren der drei multitalentierten, zuckenden Körper auf der Bühne fließt, genau wie aus denen der Zuschauer davor: PTTRNS live bedeutet einen heißen Tanz auf dem Vulkan; eine entrückte Situation, voller Vibration für die Gruppe auf der Bühne wie für die Menschen davor – die Grenzen verwischen. Und selbst die praktische Überführung des Publikums in den Sound durch Rasseln, Tamburins, Kuhglocken, die während der Songs verteilt werden, sowie die ein oder andere Karambolage von Drumstick und Bierflasche, wirken unpeinlich und zwanglos.

Die PTTRNS stehen für eine Idee von Techno ohne elektronische Musik, und vielleicht auch für Weltmusik in der Tradition eines David Byrne – eines steht jedoch sicher fest: ihre Konzerte funktionieren für die Spieldauer des jeweiligen Sets wie der perfekte Abend im Club, wie die Symbiose von DJ und Jüngerschaft. Der kaum aussetzende Beat entspricht dabei dem Takt auf einem ekstatischen Rave. Das Außergewöhnliche daran ist jedoch, dass die PTTRNS in ihrer Performance nie Anstalten machen, den Gestus und das Handwerk des DJs zu besetzen, sondern dass sie es als Souveräne an ihren stetig untereinander ausgetauschten Instrumenten vielmehr verstehen, den hypnotischsten Rhythmus aus dem Zusammenfluss von Gitarre, Schlagzeug, Bass und Gesang zu treiben, den man sich nur vorstellen kann. Nicht einzig die Grenze zwischen Künstler und Rezipient wird live durchbrochen, sondern auch die zwischen Clubkultur und Punkkonzert.

Mittlerweile ist das Trio mit dem Percussionisten Hendrik Frese zum Quartett gewachsen und hat es, den Bühnen der kulturellen Freiräume und Kellerlöchern hippiesqer Wohngemeinschaften in Industrievierteln treu bleibend, auf deutlich größere Bretter geschafft. Sie bringen so gesehen in einem integren Hüftschwung das Autonome Zentrum mit der Quasikommerzialität von Juicy Beats, Melt! und Fusion zusammen.

Und diesen modernen Entwurf einer konventionsflüchtigen Band gibt es natürlich auch in konservierter Form: vor gut einem Jahr kam nach einer Hand voll beschaulicher 7’’es, Splits und EPs ihr Full Length-Debut Science Piñata auf Altin Village & Mine heraus. Die guten Kritiken explodierten und im Schlagschatten der aufsteigenden Rauchsäule der Popkritik tanzten die vier weiter, inmitten einer kunterbunten Menge manisch-discoider Konzertgänger. Dann zog man sich ein wenig zurück, spielte Lieblingsplatten in Radiosendungen oder kleine Live-Sets im Fernsehstudio. Zudem entstanden neue Songs, die über die viel zu lange anhaltende kalte Jahreszeit im Proberaum wohl das Feuer der Motivation anfachten, wieder nach draußen zu gehen. Nun wird das Wetter immer schöner, am Rheinufer ihrer Heimatstadt sammeln sich des Morgens die leeren Kölschflaschen; die PTTRNS sind wieder da und die Schallwellen eines neuen Soundtracks für den Sommer breiten sich aus: Love Quest und Love Quest II, wieder auf Altin Village & Mine (wo diese Gruppe auch wirklich gut aufgehoben scheint) treten an, den harten Winter vergessen zu machen. Die A-Seiten der beiden getrennt erscheinenden 12’’es sind jeweils mit einem neuen Song bestückt, auf den B-Seiten befinden sich Remixe von Stücken aus den Science Piñata-Sessions.

Mit dem ersten Gitarrenton des A-Seiten-Songs, »High Hopes«, erkennt man die alten Bekannten direkt wieder: ihr Referenzrahmen aus Talking Heads, ESG, Prince, !!!, Arthur Russell und sicherlich noch ganzen Expedit-Regalen weiterer subtil verpackter Einflüsse macht ihre Musik in der Schnittmenge zu etwas völlig Eigenständigem, das den Spagat zwischen Dancefloor und Konzertbühne in der klassischen Instrumentierung einer Rockband – ohne Synthesizer oder vergleichbare Authentizitätsbeschleuniger – in schwungvoller Spreizung graziös meistert. »High Hopes« lässt sich dabei Zeit, ganze 7 : 19 Minuten, was im Spannungsbogen des Stückes auch wieder an die Wahlheimat Köln als Technostandort und die Nähe zur Clubkultur erinnert. Edgültig einordnen lassen sich PTTRNS zwischen den Elektronikern aber sicher nicht. Die Gruppe verlässt in ihren Songs das Handwerk des Analogen nicht, der schon beschriebene Referenzrahmen klassischerer Einflüsse wird dabei aber ebenso gebrochen: die charismatische Individualität der Musiker vor dem Hintergrund der endlosen Weiten der Poplandschaft zeigt sich spätestens im selbstreferentiellen Gesang, wenn das typisch-schräge Falsett in fast ironische Höhen getrieben wird (»Nothing’s wrong, …«). Hier wird im eigenen Kosmos musiziert!

Auf der B-Seite wartet dann ein deeper Remix vom Downtown Party Network aus Litauen, der dem eingängigen »Diamond Life« von der Science Piñata-LP ein klarer geschnittenes Cluboutfit anzieht: House und Minimal harmonieren mit dem eingängigen Refrain, getragen von den charmant-idiosynkratischen Stimmen, wobei die einfache Coolness des Songs auch über das leichthändig reinszenierte Gefühl der Italo-Disco hergestellt wird. Der Einschlag der 80er Jahre zeigt sich dann wieder manifest und augenzwinkernd im zitierten Motiv eines jener seit 30 Jahren durch den Äther fließenden Klassiker, deep transferiert ins 21. Jahrhundert, dessen Name mir einfach nicht einfallen will. Aber hört selbst und ratet mit!

Weiter geht’s: die A-Seite von Love Quest II eröffnet das zweite Release mit dem Song »Powder Structures«, der mit einer afrikanischen Rhytmik spielt und dadurch unter anderem frühe A Certain Ratio assoziiert. Der treibende Beat wird aber etwas zaghafter, so dass man an mancher Stelle gar eine gewisse Melancholie herauszuhören meint. Überzeugend ist hier besonders das Zusammenspiel der drei Stimmen, das die PTTRNS in all ihren Songs als Kollektiv vorstellt: »everyone plays everything«!

Die B-Seite ist dann erneut mit einem Remix bestückt, diesmal »Professional Voodoo« (was für ein Titel!), ebenfalls aus der Science Piñata – zerstückelt, verfremdet, angereichert und neu zusammengesetzt vom Leipziger Map.ache. Auch hier wieder housige Entschleunigung, sehr deep und vielschichtig. Genau wie bei der ersten der beiden 12’’es funktioniert das Konzept perfekt, der tanzbare Sound der PTTRNS wird in ein Genre überführt, das die Gruppe im Ansatz ihres Schaffens ohnehin mitdenkt und bedient, vor allem aber fühlt. Und das ist es auch, was Love Quest und Love Quest II ausmacht: die Zusammenführung der klassisch besetzten Instrumentierung einer Band mit elektronischen Stücken, im Falle der Remixe amalgamiert und je 12’’ durch die Trennung von A‑ und B-Seite mit der Bedeutung aufgeladen, als eine ihr eigenes Genre definierende Gruppe sowohl Clubkultur als auch Punk zu leben! Dieser Brückenschlag, und das gefällt mir eigentlich am besten, klingt nie wie die krampfhafte Umsetzung eines Konzepts, sondern organisch, intuitiv und dabei leichtfüßig wie die permanent tänzelnden Körper der vier Jungs im PTTRNS-typischen Step auf der Bühne. Herzlichen Glückwunsch!

1 Kommentar zu diesem BeitragAuch was zu sagen?
  1. Das Rätsel um das »zitierte Motiv eines jener seit 30 Jahren durch den Äther fließenden Klassiker, deep transferiert ins 21. Jahrhundert, dessen Name mir einfach nicht einfallen will« beim »Diamond Life«-RMX ist gelöst: Bronski Beat, »Smalltown Boy« (1984). Danke, Pascal Wagner!

    http://www.youtube.com/watch?v=jQdq5YUo_2s

1 Pingback zu diesem Beitrag
Auch mal das Maul aufreissen?

Gib deinen Namen ein

Keinen Namen?

Please enter a valid email address

Keine Email-Adresse?

Gib deinen Kommentar ein