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Rainald Grebe Und Die Kapelle der Versöhnung »1968«

Rainald Grebe sticht auffällig aus dem gewohnten Rahmen des bürgerlichen Unterhaltungsprogramms mit kulturellem Anstrich hervor. Irgendwo zwischen Kabarett und »Liedermaching« angesiedelt, erzählt er seit einigen Jahren Geschichten vom falschen Ganzen und erfreut sich wachsender Beliebtheit – zunehmend auch über das traditionelle Kabarettpublikum hinaus. In seinen Texten unternimmt Grebe amüsante Gratwanderungen entlang des (Anti‑)bürgerlichen und führt ein Genre, das die letzten 20 Jahre verschlafen hat, zurück in einen gesellschaftskritischen Diskurs, der diese Auffrischung gut gebrauchen kann.

Dabei hatten deutsche Kabarettisten und Liedermacher lange und hart an ihrem schlechten Ruf gearbeitet, und besonders die »Politischen« waren darin höchst erfolgreich. So offensichtliche Extremfälle wie der Berliner Dr. Seltsam, der dröge Hofnarr der nationalbolschewistischen Jungen Welt, sind kaum mehr als die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. Es genügen schon solche Normalos wie die Scheibenwischer-Dauergäste Volker Pispers (»Mein Antiamerikanismus ist gar nicht oberflächlich.«) oder Hagen Rether (»Früher hieß das Spiel Kanaken raus und kam aus der Unterschicht. Heute heißt das Islamkritik und kommt von ganz oben.«), um es beim Gedanken an ihre öffentlichen Spaßveranstaltungen mit der Angst zu tun zu bekommen.

Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung verzichten darauf, sich den Applaus des linksbürgerlichen Kabarettpublikums mit derartigen Ausfällen zu erschleichen. Sie spielen nicht für die Unverbesserlichen, sondern über sie – über leere Bionadeflaschen, Wellness und mehr oder weniger gescheiterte Lebensentwürfe. Das aktuelle Live-Album »1968« macht das noch expliziter als seine Vorgänger. Pünktlich zum Jubiläum der Revolte und zeitgleich mit all den anderen kritischen oder nostalgischen Rückblicken singt Rainald Grebe über ein Jahr, in dem er noch gar nicht auf der Welt war. Muss er auch nicht, denn er singt über den Mythos und über Menschen, die sich heute darin einschreiben – gegen heutige Geschichtserzählungen, auch über ’68 hinaus: »Setz dich in die Zeitmaschine und fahr/Wo steigen wir denn aus in welchem Jahr?/Scheißegal – Guido Knopp war immer vor dir da.«

Das ausdrücklich Politische versteckt sich in den Untertönen, etwa wenn Heiner Lauterbach im ZDF-Abendprogram mmit der Gustloff absäuft und Grebe lakonisch kommentiert: »mit dem Zweiten sinkt man besser«. Deutliche Statements gibt es nur im Zitat alter Demo-Parolen oder im Ratgebersprech: »Simplify Your Life«. Was ernst gemeint ist, lässt sich nicht einfach von der Comedy trennen, solange Ironie nur als simples Gegenteil der Aussage begriffen wird. Mit einem Satz, den Grebe auf die 90er Jahre textete, ließe sich auch treffend über das vorliegende Album sprechen: »Wir meinten alles ironisch – auch die Ironie«.

Die Lieder auf »1968« sind tragikomische Erzählungen, die sich konsequent jeder Erklärung und jeder Pointe verweigern. Im Interview erzählt Grebe mit größter Zufriedenheit, wie eine weinende Konzertbesucherin nach ihrem Sitznachbarn schlägt, weil er über das gleiche Lied vollen Herzens lachen muss. Mit dieser emotionalen Komplexität und seinem kaum verborgenen Zorn über halbgare Versuche, eine bessere Welt herbei zu quatschen, singt er sich in gute Gesellschaft: »Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein/Welche schlaue Band hat das nochmal gesungen?/Ich hab die ganze Zeit den Text im Ohr/hat so gut geklungen.«

Grebe sucht die Ödnis da, wo die meisten seiner liedermachenden Kollegen Angst zu haben scheinen, sie plötzlich auch zu finden: Vor dem Album »1968« in deutschen Landschaften – in seinen »Länderhits« »Brandenburg« und »Thüringen«, die er inzwischen auch dann nicht als Zugabe spielt, wenn das Publikum danach schreit. Heute singt er »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« über Klaus und seine »echt nette« Frau, die Klezmer beim Bügeln hören, ihre Elektrogeräte niemals auf Standby schalten und natürlich ein Solarpann auf dem Dach haben. »Ach Klaus, Rock ’n’ Roll sieht anders aus!« »Ich sah Trümmerfrauen mit Schokolade im Gesicht/Unter Adenauer gab es so was nicht/Ich stand in diesem Wellnesshotel/und ich hatte das Gefühl/60 Jahre Frieden sind zu viel.«

»1968« ist ein Album, das sich trotz all der liebevoll zitierten Protestsongs in erster Linie gegen eine bürgerliche Normalität wendet, die den Protest lange schon eingemeindet hat, ihn mit ihrem Müll trennt, ihn in Bio-Brause ersäuft oder in eine wahnwitzige Antiraucherkampagnen transformiert hat; es leben eben »auch die Tiere […] gern in der Gesundheitsdiktatur«.

Anders als auf den älteren Alben wird die Musik hier stärker als Träger der Textstimmung genutzt. Sie ist deutlich eingängiger geworden und fordert den Zuhörer zugleich weniger. Auch wenn das vielleicht nur ein kleiner Preis für die ironische Eindeutigkeit sein mag, ist es doch ein wenig schade um den Hörgenuss. Aber dennoch: Rainald Grebes »1968« ist ganz wundervolle Textmusik, auf verstörende Weise anrührend und in einem überraschend angenehmen Sinne bürgerlich.

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