Von Chris
Dass Freude und Schmerz, oft jeweils umschrieben mit dem abgedroschenen Wort »Melancholie«, unwahrscheinlich nah beieinander liegen, mag jeder bestätigen können, der sich schon einmal auf die ein oder andere tragische Weise im Leben zurechtfinden musste. Zum Beispiel, weil man verlassen wurde. Oder, weil man verlassen musste. Weil man verloren hat, was einem immer noch viel bedeutet und weiß, dass einerseits ein Gefühl von Befreiung, andererseits eine bittere Traurigkeit einen überkommen wird. Dass einem dabei richtig komisch zumute sein kann, hilft im Moment der Einsamkeit auch nicht weiter, weil man getroffen ist und überwältigt von der eigenen Position.
Album Leaf zitieren genau diese Spanne zwischen Emotion und Zerbrechlichkeit, spielen dieses Bauchgefühl, das sich aufstaut und eine Ewigkeit anzudauern scheint. Sie verarbeiten es auf ihre charmante Art und weisen über dieses Gefühl hinaus, indem sie es durch ihre Art der Interpretation durchlässig, greifbar und nicht mehr ganz so schlimm machen. Genau diese Momente verleihen Album Leaf den ergreifend Charakter. Sie packen den Schmerz dieser Welt in zarte Songs, begleitet von dezenten Streichern, die zusammen mit der elektronischen Genauigkeit und epischer Breite in den richtigen Momenten für Gänsehaut sorgen können und damit sagen: jawohl – es gibt dich noch, also weiter machen!
Jimmy LaValle, bekannt von Gogogoairheart, The Locust und Liveauftritten von Black Heart Procession, hat seit geraumer Zeit schon seine andere musikalische Seite entdeckt und geht ungeniert diesen Weg mit seinem Solo-Projekt The Album Leaf, für das LaValle fast alle Instrumente selbst eingespielt hat, live dann aber auch mit Gastmusikern aus seinem Umfeld aufwartet. Zu diesem mittlerweile weiten Umfeld gehören auch Sigur Ros, die man sicherlich als einen großen Einfluß auf LaValles musikalisches Experimentieren ansehen darf. Mit ihnen ist er ins Studio gegangen und machte mit dem isländischen Producer-Team einen schweren Fang. »Into the blue again« erinnert hier und da an die Unterkühltheit der Skandinavier, ohne die Eigenständigkeit zu verlieren, die Album Leaf versprühen – auch, weil LaValle seine Gedanken umsetzen kann, ohne Kompromisse einzugehen.
Dabei geht es bei auf der Platte vornehmlich instrumental zur Sache, manchmal unterlegt mit LaValles Gesang, dessen Texte die Schwere der Musik bis ins Detail begleiten können; vor allem dann, wenn die rauchige Stimme vom Schmerz der Liebe und doch an deren Festhalten erzählt. Wenn man Refrains hört, wie »Wherever I go – your shadow follows with me – I don´t want to see you leave« mag man Jimmy LaValle glauben, dass er es Ernst meint mit seinen anteilnehmenden Worten, mit der Stimmung, die um Wut, Trauer und Verzweiflung weiß, allerdings ohne die Hoffnung aufgeben zu wollen, dass es bestimmt einmal besser wird. Nicht aus identitärer Chause oder sentimentaler Zwickmühle will man ihm dies abnehmen, sondern weil man insgeheim weiß, dass er recht hat. Das alles hört sich unglaublich verstaubt und kitschig an. Mit Kitsch hat diese neue Platte trotzdem nichts zu tun. Mit Gefühl und Tiefgang umso mehr.
XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Keine Kommentare
Zum Kommentar - Formular | Kommentare als RSS-Feed [?] | trackback uri [?]