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The Decemberists »Picaresque«

Von Sebastian

Nicht alle MusikerInnen lassen ihr Werk in wenigen Momenten fassbar werden, so dass es nach einer handvoll Tönen hektisch auf dem Konsumenten-Radar aufblinkt. Ein kleiner zuckender grüner Punkt auf dem schwarzen Bildschirm, dem alle erdenklichen Informationen in Pixelschrift beigefügt sind. Technische Wartung, Höhe, Treibstoff – okay. Und selbst das Assietten-Essen ist den Erwartungen entsprechend.

umgehen im Tiefflug die musikalische Früherkennung. Im geschäftigen Tower macht sich zumindest Ratlosigkeit breit, so als ob dort etwas die Bildfläche betritt, für das man nach Worten ringt und dabei ahnt, sie längst vergessen zu haben. Was ist das noch gleich, was dort leichtflüssig aus den Boxen tröpfelt? In elf Stücken, denen Chris Walla von Death Cab For Cutie im Studio den letzten Schliff gegeben hat, wühlen sich die Decemberists durch Zitate und Jahrzehnte.

Ohne zu zerfasern, haben sie behutsam Notizen aneinander gelötet und mit Melodie überzogen. Viel Folk, ein wenig Beat, hier und da Morrissey, hier und da Simon & Garfunkel – alles in allem hätte man damit eine Ahnung womit »Picaresque« bespielt wurde, aber letztlich auch eine falsche. Jedes Stück unterscheidet sich fulminant von dem vorhergehenden. Vielseitige Arrangements stechen hervor, die auch Bläser‑ und Streichersätze mit einschließen, um an anderer Stelle dem Minimalismus einer Akustikgitarre zu weichen. Man wird beim Hören zwischen Tanzfläche und Kopfkissen hin und her geworfen. Diese Monotonie-Antithese macht es unmöglich, musikalisch exakt zu verifizieren – wäre da nicht der Gesang von Colin Meloy, der grundschöne Geschichten von verliebten Agenten, Matrosen oder Sportskanonen vorträgt. Seine Stimme erkennt man immer wieder.

Schelmisch – so die Übersetzung des Albumtitel – gebärden sich schliesslich auf charmante Weise: in der Routiniertheit Popmusik zu verhandeln, tauchen sie Hände-reibend an der Straßenecke auf und pflanzen ein überlebensgroßes Stoppschild neben die Musikautobahn. Sie regen eine Beschäftigung mit sich an, ohne sie aufzudrängen. »Picaresque« bleibt auch dann hörbar, wenn einem das durch die Popgeschichte Reiten auf der Suche nach den hier verwandten Stilelementen und Klangfarben zu mühsam erscheint. Für mich – ganz ehrlich – bisher die wichtigste Platte in diesem Jahr.


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