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You »Neon Rauch«

Angeblich sagte mal Elvis Costello, dass Musik zu beschreiben genau so kompliziert ist, wie zu Architektur zu tanzen. Und genau so geht es mir. Denn um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Diese Platte ist die beste und bewegendste, die in den letzten Jahren in Leipziger Proberäumen entstanden ist. Das ist mein Ernst. Aber wie soll ich das erklären? You überraschen mit einem Füllhorn von Melancholie und Optimismus, den sie in Kaskaden aus den Hifi-Boxen über uns ausschütten. Ihre Musik hat vielfältige Verweise in Richtung Dreampop-Soundwände ala Ulrich Schnauss, frühe Neunziger-Shoegaze-Sachen, erinnern manchmal an Friendly Fire bis hin zu gitarrenlastigen Vollaufdiezwölf-Britpop-Einflüssen der letzten Jahre. Den zur Zeit viel genutzten 80er-Jahre-Sound, den z.B. die ebenfalls aus Leipzig kommenden Here Is Why erst kürzlich exzellent auf Platte gepresst haben, sucht man hier vergebens. Gerade weil die Band sich in verschiedenen musikalischen Schubladen bedient hat, klingt die Scheibe so angenehm frisch und unbeschwert, trotz allem Schwermut, der über dem einen oder anderen Song schwebt.

Mit ihrem Albumtitel »Neon Rauch« spielen sie nicht zufällig mit dem Namen des bekannten Leipziger Malers. Sie verorten sich im leider eher nichtssagenden Bandinfo bewusst in der Stadt und deren Kunst. Der gleichnamige Song zum Albumtitel mit unbedingter Radiotauglichkeit bohrt sich schon nach dem ersten Hören unaufhaltsam in die Gehörgänge und fordert nach dem Ende der drei Minuten treibender melancholischer Glückseligkeit sofortige Wiederholung – immer und immer wieder. Und tanzbar ist er obendrein. Da ist sie wieder: köstliche Popmusik mit Zuckerguss und Schokosoße wie ich sie mag.

Fünf Jahre haben Rafael und Remlaja Weisz nach Bandinfoangaben an diesen elf Songs gearbeitet. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Rafael hatte 2006 eine hoffnungsvolle Band mit dem zweifelhaften Namen des französischen Diktators »Napoleon« in der Gitarren-Indie-Fraktion, welche bereit für die große Karriere war. Doch diese kam nicht und die Band ging viel zu schnell auseinander. Einige Songs aus dieser Zeit sind glücklicherweise auf »Neon Rauch« wiederzufinden, wie das genial-rockende »Client Dilemma«, welches ebenfalls die Dauerrotation fordert.

Bedauerlich ist, dass You nach Fertigstellung dieser außerordentlich hochwertigen Platte nicht noch mehr Zeit und Muße in die Labelsuche bzw. Vertriebswege investiert haben. Die Platte ist nur direkt über die Bandhomepage zu beziehen. Immerhin kann man drei Songs auf Soundcloud hören. Ich kann You nur alles Gute wünschen, aber ich fürchte… Sie ist leider auch die typischste Platte die je aus Leipzig gekommen ist. Denn seit den zweifelhaften »Prinzen« Anfang der 90er Jahre hat keine Band den großen Sprung geschafft. Städte im Umland waren mit mehr Glück gesegnet: Magdeburg hatten Scycs und Tokyo Hotel, Dresden Polarkreis 18, Chemnitz den Kraftklub, aber Leipzig… Offenbar machen alle Talentscouts einen Bogen um die Stadt und das nagt am Selbstvertrauen der heimischen Musikszene. Aber auch für die sogenannte Indieszene reichte es bislang nicht für bundesweite Aufmerksamkeit. Ich erinnere nur an die sagenhaften A Heart Is An Airport. Nach wie vor fehlt es in der Stadt an Vertriebswegen und Leuten, die sich um solch hoffnungsvolle Bands kümmern, denn das DIY-Konzept stößt bei den MusikerInnen leider immer schnell an seine Grenzen. Darum kommen und gehen seit Jahren in Leipzig großartige Bandprojekte, ohne dass diese wenigstens mal am großen Kuchen des Erfolges knabbern konnten. Und dennoch: bitte dranbleiben an dieser wunderwunderschönen Musik.

1 Kommentar zu diesem BeitragAuch was zu sagen?
  1. Neon Rauch ist – im Hinblick auf den Vernunftdiktator Napoleon – ein mindestens ebenso zweifelhafter Name, für den Ernst Jünger der neueren deutschen Malerei.

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