Von Dennis
Eigentlich hab ich nichts gegen Arbeit; bei meiner letzten konnte ich stundenlang zuschauen. Aber täglich um 4:30 Uhr aufstehen, um pünktlich zur Schicht zu erscheinen, um dann mit Deutschland zu telefonieren war nach genau 5 Arbeitstagen nicht mehr erträglich.
Außerdem hab ich natürlich nie etwas verkauft, weshalb man in der Chefetage auch nicht so traurig war, als ich mein sofortiges Ausscheiden aus dem Unternehmen verkündete. Vielmehr wurde mir gesagt, auf Grund meiner schlechten Verkaufszahlen (0) hätte man den Druck auf mich in der kommenden Woche sowieso erhöht. Aha. Wie das wohl ausgesehen hätte? Vielleicht Waffengewalt? Oder den Stuhl wegnehmen? Dann doch lieber einen Scheck und die Arbeitslosigkeit, bitte.
Wegen meiner prekären finanziellen Lage hab ich mich entschlossen als Küchenkraft in einem mexikanischen Restaurant namens »Los Tios« anzuheuern. Das ist einigermaßen unstressig und verspricht ja der Legende nach, dass ich bald Millionär sein werde. Das wäre gut. Aber hoffentlich nicht in Pesos. Das wäre dumm. Aus der Tatsache heraus, dass die Arbeit nicht riesig Laune macht und getreu des Leitfadens eines NOFX-Songs, dessen Name mir nicht einfällt, »you gotta get high to work, when you gonna get paid low«, verdrücken Enrique, zweiter chef de la cuisine, und ich uns manchmal in den Hinterhof und rauchen Haschisch von »me casa«. Er kann dann besser kochen und ich besser abschalten. Als außerdem gesicherte Vergütung meiner Arbeitskraft gilt mir ein original mexikanisches Essen pro Schicht, aus dem auch schon mal zwei werden können. Tacos, Enchiladas, Burritos. Welch schöne neue Welt für jemanden wie mich, dessen kulinarische Sozialisation gut mit dem Wort »Stulle« beschrieben ist.
Aber nicht alles ist in Butter: meine Finanzlage verschärft sich neuerdings wieder, da der Mensch mit dem ich eigentlich nach Kanada gekommen bin, seine egoistische Arschloch-Seite rausgekehrt hat, aus unserem Apartment ausgezogen ist und Curtis und mich auf der, nun natürlich viel höheren, Miete hat sitzen lassen. Das Schlimmste daran, er hat auch noch den Laptop gestohlen. Allerdings gehört der ihm.
Neulich war ich mit Curtis, dem bunt-tattoowierten Australier auf dem Weg zum Konzert von Born Dead Icons in einen Laden der keine Bar hat, weshalb man seine eigenen Getränke mitbringen kann und soll. Nachdem wir einiges erstanden hatten und auf den geglückten Einkauf anstoßen wollten, stehen wie aus dem Nichts 5 Uniformierte vor uns und bilden einen formschönen Halbkreis, der uns die Sicht auf den weiteren Strassenverlauf versperrt. Trinken in der Öffentlichkeit sei nicht gestattet, sagt einer, und nimmt Curtis die soeben geöffnete Flasche aus der, von uns als zum Schutz der Offentlichkeit für ausreichend angesehenen, braunen Papiertüte und gießt den unangetasten Inhalt einfach so in den Gulli. Von den übrigen Coppers ernten wir böse Blicke. Ich versuche die Sache mit der Touristenmasche herunter zu spielen, behaupte, wir wussten von nichts und ergänze unüberlegterweise, dass das mit dem Ausschütten ja wohl nicht nötig gewesen sei, da man den Deckel auch wieder hätte draufschrauben können. Erfreut über so viel konstruktive Kritik, schlägt der Bulle vor doch mal meinen Pass vorzuzeigen und eröffnet mir danach, dass er mich beim nächsten Vergehen auf der Stelle $140 Strafe zahlen lassen könnte. Fein. Das sind ja schöne Aussichten.
Ähnliches dachte ich letzte Woche, als mein Blick an einem Plakat in der Metro hängen blieb, auf dem in etwa zu lesen stand: »Es stimmt. Immer noch gibt es viele Menschen in Kanada, die nicht lesen und schreiben können und deshalb von zahlreichen Informationen und Bildungschancen ausgeschlossen sind. Wenn Sie auch Analphabet sind, wenden Sie sich vertrauensvoll an uns! Telefonummer … , Montréal College XY …« Smartasses!! Dafür von mir ein anerkennendes Augenzwinkern an die Metro-Betreiber STM für ihren dezenten Sinn für Humor. Die Auftraggeber des Plakats sollten sich allerdings überlegen, ob es nicht noch bessere Vermittlungswege für das durchaus unterstützenswerte Anliegen gibt. Vielleicht ein Medium, das der vermeintlichen Zielgruppe etwas zugänglicher ist?
Da freu ich mich doch gleich doppelt über die Service-Wüste Ostdeutschland: Zu nennen wäre die Sparkasse Leipzig, deren Mitarbeiter mich immerhin zwei Monate gut unterhalten haben, bis ich schließlich fürs Online-Banking freigeschaltet wurde. Die nehmen es mit der Arbeit auch nicht so ernst, legen aber großen Wert auf nette Korrespondenz, freundliche Telefonate (»Ach, bei Ihnen ist es jetzt 5 Uhr morgens? Das ist ja lustig.«) und waren sich nicht einmal zu schade, mich mehrfach in die Geschäftsstelle einzuladen, was mir aus eindeutigen Gründen aber nicht möglich war. Und das alles um dann letztendlich zu erfahren, dass ich kaum Geld habe. Kalte Welt. Es gibt keinen Ausweg. Arbeite um zu leben heißt die Devise. Knechte dich selbst, dann wirst du ein Herr sein, sagt irgend so ein Lied. Blödsinn, sage ich. God save the Queen.
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