Von Dennis
in Montreal berufsbedingt am Telefon
»Wieviel Geld braucht Ihr noch, um glücklich zu sein?« Ich sag mal so: mehr als ich gerade habe. Zum ersten mal nämlich bin ich ganz und gar von der so ungeliebten Lohnarbeit abhängig und habe weder Vergütungen meines Daseins seitens der elterlichen Erzeuger zu erwarten noch, dass mir der Staat mit seinen dreckigen Händen finanziell unter die Arme greift. Da dieser Zustand ohne »Eigeninitiative« kaum Besserung verspricht, gehöre ich ab jetzt auch zur Arbeiterklasse.
Und was für eine erlesene Position von mir mit Leben gefüllt wird: ich verkaufe Papierrollen für Kreditkartenmaschinen übers Telefon nach Deutschland! – ho, ho – und das Ganze auch noch zu einem exorbitanten und in keinster Weise angemessenen Preis, dessen Betrag sich durch die verschwiegenen und nur auf Nachfrage zu nennenden aber natürlich trotzdem zuzüglichen Steuern aufs Lächerliche erhöht. Das ist blanker Betrug, oder eben Bauernfängerei – was auch alle, vom Chef bis zum Pförtner, wenn auch nicht mit der gleichen Deutlichkeit, zugeben. Telemarketing heißt sowas hier und das kann fast jeder machen, der weiß wie ein Telefon zu bedienen ist. Der Ablauf ist leicht erklärt: Man muss endlose, schlecht recherchierte Listen abtelefonieren, seinen bescheuerten Satz aufsagen, um dann zu hoffen, dass die andere Seite des Hörers soviel Unwissenheit und Dummheit aufbringt, einem die Scheiße freiwillig aus der Hand zu nehmen. Eine unausgesprochene Demütigung für alle Beteiligten.
Auch das Arbeitsumfeld lässt für Freunde der Realsatire an sich nichts zu wünschen übrig. Eine Aura völliger Gleichgültigkeit umgibt das Feld von Schreibtischen, deren Anzahl in unserem Trakt, äh, Zimmer schüchterne 70 beträgt, wovon aber nur neun mit Angestellten dieser – meiner – Firma besetzt sind. Die Figuren scheinen alle dem Szenario eines Bukowski-Romans entnommen zu sein. Da ist z.B. Sabine aus Berlin, die – mit ihren schätzungsweise 60 Jahren Lebenserfahrung, blond hochtoupiertem Haar, einem Minirock (Leder, manchmal Wildleder), den sie ausgesprochen selbstgefällig zur Schau stellt, ordentlich hochhackigen und weit über die Knie herausreichenden Stiefellettos, die – Gott sei dank – fast mit dem erwähnten Minirock abschließen – irgendwie nach Strich aussieht, und zusammen mit Hannelore, ebenfalls Berlin, hier schon zweieinhalb Jahre die Tasten tippt.
Oder der Dicke, der anscheinend Haustechniker ist und mir meinen persönlichen Telefoncode zugewiesen hat (den ich absolut vertraulich behandeln muss, im Leben nicht weitersagen oder auch nur meinem Schreibtischtäternachbarn ins Blickfeld legen darf – und der 15566 lautet), der wirklich grotesk dick ist und vergleichsweise ganz kurze Arme hat. Dann wären da noch die gewalttätige Macho-Abteilungsleiterin von Gegenüber, ein Gruftie mit knallroten Haaren, jede Menge abgenutzter Persönlichkeiten, die allmorgentlich wie Zombies ihrem Lebensende entgegen telefonieren, und Herr Fuchs. Alles brutalst realistisch, leider.
Ich habe zwei fünfzehnminütige, bezahlte Pausen, die ich wie den Rest meiner Arbeitszeit mit $11 vergütet bekomme. Das ist zwar nicht schlecht, aber auch nicht wert eine ernsthafte Macke von diesem Job zu bekommen. Abgesehen davon, dass man sich auf moralisch-gewerblichem Dünneis bewegt, kann ich schon jetzt sagen: diese Stelle und ich werden keine gemeinsame Zukunft haben. Dieser Quatsch kann nur vorübergehend sein. Es geht nicht anders. Kauft bloß nichts am Telefon!
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