03.12.2007 / 6:25 pm
Asien, Bishkek, Islamismus, Karakol, Kirgisien, Kyrgyzstan, Osh
Von Max
Nach bald vier Monaten war ich es satt. Den ständigen Lärm, das Geschrei, eine Stadt hässlicher als die Andere. Ästhetik unerwünscht. Genug Chinesen gesehen. Dummerweise lag mein Rückflugstermin noch gute vier Wochen entfernt und so bemühte ich eine Landkarte um nachzusehen, welche Länder an Chinas äußersten Westen angrenzen und für Entspannung sorgen könnten. Kasachstan, Pakistan, Afghanistan, Turkmenistan, Usbekistan oder Kyrgyzstan. Für letzteres sprachen drei gute Gründe: Die Existenz des Landes war mir bis dato völlig unbekannt; es ist das liberalste bzw. am wenigsten islamische der »Stan-Länder« und mein japanischer Zimmergenosse fand lobende Worte über seinen kürzlich absolvierten Besuch dort. nnerhalb weniger Tage hatte ich einen günstigen Flug und ein Visum besorgt und schon erhob ich mich in einer klapprigen Maschine aus Mao’s Moloch hinaus Richtung Hoffnung.
Angekommen in der Hauptstadt Bishkek wurden meine primären Wünsche nach Ruhe (und Milchprodukten wie Käse) gebührend befriedigt. Die Stadt scheint zu großen Teilen aus Baum-Alleen und kleinen Parks zu bestehen, unterbrochen von breitflächigen Plätzen, die von recht schicken Statuen aus sozialistischen Zeiten bevölkert werden. Bishkek gehört zum »reichen« nördlichen Teil des Landes, in der die russische Minderheit des Landes eine große Rolle spielt. Der südliche Teil dagegen ist sehr islamisch geprägt und das wirtschaftlich wesentlich abgeranztere Stück, doch dazu später mehr.
Wirklich viel los oder zu tun war nicht in Bishkek und so fragte ich den jugendlichen Sohn meines Guesthousebesitzers nach Möglichkeiten, die Nacht mit kulturellen Leckereien zu versüßen. Jaja, es gebe da einen Laden, der genau das richtige für mich sei, »der beste Rockerladen der Stadt mit live-Shows aus der Underground-Rock-Szene«. Allerdings sollte ich gut aufpassen, da man nach Einbruch der Dunkelheit mit ziemlicher Sicherheit überfallen und/oder zusammengeschlagen würde. Meine Erwartungen in einer schäbigen und verrauchten Spelunke von kuttenbehangenen Whiskey-Typen mit Springmessern ausgeraubt zu werden, erfüllten sich aber leider nicht. Kaum dem Taxi entstiegen wurde ich auf einem überraschend noblen Parkplatz mit den Worten »Are you alone here? I’m a punk!« von einem sympathisch wirkenden Adoleszenten an die Hand genommen. Sogleich bekam ich erklärt, gleich den besten Club des Landes zu betreten, da hier nur die oberste Elite verkehre.
Und tatsächlich, ein solch auf neureich getrimmtes Etablissement mit blankpoliertem Marmorplatten-Boden hatte ich als letztes erwartet. An den Wänden hingen riesige Flat-Screens die mit einer Robbie-Williams-live-DVD der Atmosphäre den obskuren Rest gaben, während an den Tischen reiche Russen biertrinkend darauf warteten, dass die mit teurem Equipment vollgestellte Bühne bald mit Leben bevölkert werde. Und so geschah es, dass eine halbe Stunde später die russische Rockband glasklaren CD-Sound der Marke Bon Jovi trifft Nu-Metal über die Boxen ans Publikum schickte, welches es tanzenderweise dankte. Ich unterhielt mich weiter mit meinem neu gewonnen Freund, der vom spannenden Leben in Bishkek berichtete: »There’s not much to do here. We play Frisbee a lot. I’m very good!«. Dann erzählte er mir, wie oft er schon zusammengeschlagen und ausgeraubt worden war und dass es schwer angesagt sei, sich auch mal mit so exotischen Ausländern wie mir im Kampf zu messen. Um das zu unterstreichen rempelte mich kurze Zeit später ein angetrunkener Russe an und lud mich herzlich schreiend auf eine Schlägerei ein, was ich dankend ablehnte. Da er dennoch auf sein Angebot zu bestehen schien und sich durch meine Zurückweisung gekränkt fühlte, vermied ich weitere Begegnungen und fuhr mit dem Taxi zurück ins Guesthouse.
Für eine Handvoll Dollar (bzw wenige Som) zog es mich am nächsten Tag per Bus in die Berge, nach Karakol. Neben den günstigen Fahrpreisen und der Möglichkeit eigentlich jedes Auto anhalten zu können um dann mit dem Fahrer einen Mitfahrbetrag auszuhandeln, hält Kyrgyzstan eine prima Idee bereit, Backpackern das Reisen angenehmer zu gestalten: Community Based Tourism, kurz CBT. Praktisch in jedem noch so kleinen Dorf findet sich ein Büro oder einen Ansprechpartner des CBT. Dort bekommt man Adressen von Familien, die ein oder mehrere Zimmer in ihrem Haus für Gäste bereithalten um sich etwas dazuzuverdienen und auch mal andere Gesichter zu sehen. Während ich in China ständig in rein funktional eingerichteten Schlaf-Zellen nächtigte, durfte ich es mir in Kyrgyzstan in meist liebevoll eingerichteten Zimmern gemütlich machen. Dazu wird man von den »Gast-Familien« äußerst lecker bekocht und hat einen Ansprechpartner, der sich vor Ort gut auskennt. Karakol selbst erinnerte mich an ein altes bayrisches Dorf, dessen noch nicht befestigten Strassen von leicht verblichenen (Holz)Häusern gesäumt werden. Mitten im anschließenden Wald thront ein alter Soviet-Panzer von seinem Beton-Quader und schaut dem liegengebliebenen Vergnügungspark neben sich beim langsamen Zuwachsen zu. In Karakol bestätigte sich dann auch meine Vermutung, dass es erste Bürgerpflicht eines jeden Kyrgisen ist, spätestens ab dem 30.Lebensjahr den Mund zumindest zur Hälfte mit Goldzähnen auszufüllen. Der zweiten Bürgerpflicht nach hat man den eigenen Garten mit einem angeketteten Hund zu schmücken, dem man grade soviel zu Essen gibt, dass er nicht komplett verhungert, aber auch nicht mehr als ganz lebendig bezeichnet werden kann.

Wer sich oder sein Gepäck ohne eigene Muskelkraft auf den Berg bringen will, kommt an Valentine und seinem Jeep nicht vorbei. Beide sind russische Originale, beide haben die 50 schon überschritten. Beide meistern die Tücken des täglichen Lebens (bzw der Bergauffahrt) mit der Ruhe eines störrischen alten Hundes, der in seinem langen Leben ohnehin schon alles gesehen hat. Der steile Weg den Berg hinauf besteht vor allem aus riesigen Felsbrocken mit Schlamm dazwischen. Weder der Jeep noch sein Fahrer zeigt sich von diesem Fakt sehr beeindruckt, nur die ängstlichen Ausländer hinten auf der Ladefläche rechnen fest damit, dass das wild schaukelnde Gefährt nun jeden Moment auseinanderbrechen oder umstürzen müsse. Irgendwie scheint es dennoch immer irgendwie zu klappen und so verbrachte ich eine wunderbare Woche im Altyn Arshan, einem alpinen Tal dessen höchste Spitzen die 4000m durchbrechen. Wenn man abends etwas verfroren vom schneebedeckten Berg zurückkehrt, wartet neben der Holzhütte schon eine heiße Quelle im Fels darauf, die müden Glieder wieder aufzuheizen.
Nach den Bergen machte ich mich auf den Weg zum Issyk-Kul, dem zweit größten Bergsee der Welt. Ich war mit einem netten Australier von Karakol nach Korumdu unterwegs, als mich in der Marschroutka (Mini-Bus) plötzlich starke Magenschmerzen befielen. Nachdem wir ausgestiegen waren machten wir uns auf die Suche nach einer Schlafmöglichkeit. Neben den Magenschmerzen konnte ich vor Schwäche auf einmal meinen Rucksack kaum noch tragen und daher quartierten wir uns ohne lang weiter zu Suchen in einem direkt am Weg gelegenen Hotel ein. Dieses stellte sich als ein Luxus-Bunker eines libanesischen Geschäftmannes heraus, das mit 30 $ die Nacht das sechsfache meines gewöhnlichen Schlaf-Budgets verschlang. Da ich inzwischen so gut wie gar nicht mehr laufen konnte, waren wir gezwungen zu bleiben. Im Hotelzimmer legte ich mich erstmal hin, was mein Körper mir mit Krämpfen in Armen und Beinen dankte während meine fiebrige Wahrnehmung die sorgenden Worte meines australischen Begleiters nach Belieben verzerrte und nachhallen ließ. Sogleich meldete sich ein pfiffiger Durchfall zu Wort, der sämtliche Gegenmittel mitsamt den eingenommenen Flüssigkeiten schnurstracks wieder in die Kloschüssel blies. Die ganze Situation schien mir inzwischen äußerst bedrohlich, da der nächste englischsprechende Arzt mehr als 100km entfernt lag. Ich war aber kaum fähig, die wenigen Meter zum Bad zurückzulegen, ohne umherzuschwanken und mir ordentlich die Hosen vollzuscheissen.
Zum Glück gelang es meinem Körper am nächsten Tag unter der Beihilfe von Prarazetamol und anderen Tabletten, das Fieber zu senken und auch die Abstände zwischen den Attacken des »flotten Ottos« etwas auszudehnen. Wiederum einen Tag später war ich Dank meines australischen Begleiters in der Lage, den Weg in die Hauptstadt und dort in die Praxis eines Arztes zu machen. Salmonellen-Vergiftung lautete seine Diagnose und nach einer Woche Antibiotika präsentierte sich auch mein Stuhl der Öffentlichkeit wieder in handfesteren Formen. Wer also mal in kurzer Zeit mitverfolgen möchte, wie schnell der eigene Körper alle Pfunde über Board wirft, dem kann ich die Einnahme zentralasiatischer Bakterien nur empfehlen.
Dieser unschönen Episode folgte eine weitere Busfahrt über den wunderschönen Karakum-Highway, der sich bis auf 3500m hinaufquält, nur um den Augen dabei schönste Aussichten anzubieten. Allerdings befand ich mich nun in Osh, der Hauptstadt des islamischen Südens Kyrgyzstans. Wen es einmal hierher verschlagen sollte, dem kann ich nur raten, per CBT eine Privat-Unterkunft auszumachen und sich nicht das Guesthouse Osh anzutun. Dies wird von zwei anstrengenden Islamisten geleitet, die ihren Aberglauben auch ihren Gästen aufdrängen wollen. Einer der Beiden ist zu allem Überfluss Deutsch-Student und wollte ständig mit mir diskutieren und mir schließlich zwei furchtbar blödsinnige Propaganda-Hefte (»Sunna – Der Weg des Islam«) aufzuschwätzen. Selbst deutliche Ansagen, was man von seiner Religion hält, brachten ihn nicht auf Abstand.
Laut Berichten der Guesthouse-Islamisten seien in den letzten Jahren bereits drei ihrer Gäste nach Einbruch der Dunkelheit von der Strasse weg entführt worden. Die Forderungen nach 1000 $ – 2000 $ Lösegeld scheinen zwar für hiesige Verhältnisse eher albern, aber die Abendplanung sah damit in Osh ziemlich düster aus und im Guesthouse selber durfte man noch nicht mal Alkohol trinken. Der Höhepunkt meines Osh Aufenthaltes war damit der Besuch eines Kinos. Dort gab es kein festes Programm sondern 2000 DVDs zur Auswahl, davon 1998 auf russisch und zwei in Englischer Sprache. Nämlich Terminator 3 und Sleepy Hollow. Die Terminator-DVD war kaputt und so wählte ich Sleepy Hollow. In der Regel bringt man seinen kompletten Freundes/Familienkreis zum Kinobesuch mit, um den Preis möglichst klein zu halten. Als dekadenter Westler zahlte ich allein für den kompletten Kinosaal (8 €) und hatte damit zumindest meine Ruhe.
Zurück in Bishkek und wenige Tage vor meinem Rückflug habe ich es dann doch noch geschafft mir nach sechs Monaten auf Reisen meinen mp3-Player klauen zu lassen. Ich saß in einem Internetcafe, als sich in der ansonsten leeren Einrichtung jemand genau neben mich setzte und mir ständig auf den Bildschirm starrte. Ich ärgerte mich, da er doch mit großer Sicherheit ja eh nicht lesen könne, was ich da tippe und war froh, als er nach wenigen Minuten wieder aufstand und den Laden verließ. Als ich später meinen versurften Betrag bezahlen wollte, musste ich feststellen, dass mein Geldbeutel um alle größeren Scheine erleichtert war. Und der mp3-Player war auch verschwunden, wo er doch in der verschlossenen Tasche zwischen meinen Beinen sich hätte sicher fühlen können. Dem Dieb muss man dabei zumindest eine gewisse Professionalität und Umsicht zu Gute halten, nicht meine ganze Tasche bzw. den kompletten Geldbeutel mitsamt aller Karten mitzunehmen, sondern sich umständlich durch alle Reiß-/Klettverschlüsse zu quälen und nur die Scheine und den Player einzustecken. Zum Ende der Reise bestätigte sich dann auch der schlechte Ruf der kyrgisischen Polizei, die aus ihrer guten Stube höchstens hervorkommt, um (als ein Racket unter vielen) Touristen und Einheimischen Geld abzuzocken, mit der Aufnahme eines Diebstahls aber schwer überfordert ist.
03.12.2007 / 6:25 pm
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