Von Max
‘cos I’m a Seoulman
Mal wieder den Ausbruch wagen. Die letzen Jahre hat es kaum weiter als in die gängigen deutschen Vergnügungsländer gereicht, Saufen in Italien, Sonne in Spanien. Doch diesmal durfte es mehr sein. In das Land, das mir bislang nur durch hervorragende filmische Ergüsse bekannt war, Südkorea, sollte die Reise gehen. Wirtschaftsboom, gewalttätige Studentenproteste, Politiker die handgreiflich aufeinander losgehen und nicht zuletzt Hundesuppe als Nationalgericht – um mal eben die bekanntesten Klischees aufzuzählen. Was es in der 14 Millionen-Stadt Seoul sonst noch zu sehen gibt, sollte innerhalb von drei Wochen erkundet werden.
Nachdem ich auf dem elfstündigen Flug die Vorzüge der Business-Class ausgekostet hatte, landete ich planmäßig zur frühen Mittagszeit auf dem Incheon Airport Seoul. Jetzt galt es zunächst dem ersten Urlaubsstress zu begegnen, also Geld wechseln, den richtigen Bus nehmen, zum Guesthouse finden, dort ein Bett bekommen, fertig. Gut drei Stunden später saß ich auf dem Stockbett meiner Jugendherberge und hatte damit den Arsch erstmal ins Trockene gebracht. Das Zimmer teilte ich mir mit Kanadiern und Australiern, die schon seit sechs Monaten hier »wohnten« und sich ihren Unterhalt mit Englischunterricht verdienten. Elf Euro die Nacht, dazu kostenlos Internet, Waschmaschine und Frühstück. Der Chef des Hauses ist in etwa Mitte 20, spricht gutes Englisch und hört Brit-Pop. Nachts arbeitet er im Supermarkt , tagsüber regelt er den Ablauf des Guesthouses, das gleichzeitig seine Wohnung ist. Arbeit und Freizeit fallen so zusammen oder besser: die Freizeit fällt komplett weg.
Um dem aufkommenden Jetlag angemessen zu begegnen, beschloss ich erstmal die nähere Umgebung auszukundschaften. Als erstes Anlaufziel wurde die Subway-Station ausgemacht, die laut Aussagen meiner Zimmerkollegen leicht zu finden und nur 15 Minuten entfernt wäre. Mit Karte und gutem Willen bewaffnet machte ich mich auf den Weg, um zwei Stunden später froh zu sein, überhaupt wieder zu meinem Ausgangspunkt zurückgefunden zu haben. Der U-Bahnstation bin ich dabei nicht begegnet. Dafür war ich um die Erkenntnis reicher, das es in Korea so gut wie keine Straßennahmen gibt und man auch auf eine logische Nummerierung der Häuser verzichtet hat.
In der ersten Woche wurde dann langsam klar, dass ich in Sachen Orientierungsfähigkeit durchaus lernfähig bin, mein Koreanisch trotz verzweifelter Versuche aber weiterhin nicht von den Einheimischen verstanden wird. Die koreanische Küche ist nämlich reich an vegetarischen Beigerichten, doch das Hauptgericht konzentriert sich auf Fisch, Meeresfrüchte und Fleisch. Das könnte man allerdings auch gut weglassen. Meine Versuche, die Sätze »Ich bin Vegetarier« oder »Bitte ohne Fleisch« in koreanisch aufzusagen, wurden von den Adressaten mit freundlichen aber fragenden Gesichtern bedacht. Der Chef der Jugendherberge hat mir dann ein paar Sätze in Landessprache aufgeschrieben und das Vorzeigen des entsprechenden Zettels zauberte mir schließlich doch noch die richtigen Leckereien auf den Tisch. Immer dabei beim koreanischen Essen ist übrigens Kimchi, ein in scharfer Soße eingelegter Kohl. Dazu beispielsweise scharfe Tofu-Suppe, frittierte Pfannkuchen, Reis oder Nudeln. Essen deluxe für kleines Geld.
Das U-Bahnsytem in Seoul ist übersichtlich, pünktlich und mit 60 Cent pro Strecke schön günstig. Außerdem ist alles in Englisch ausgeschildert. Ich verbringe die meiste Zeit damit, in den verschiedenen Distrikten herumzuwandern und die Reizüberflutung zu verarbeiten. Seoul kommt am Tag laut, hektisch und während der heißen Sommermonate stinkig daher. Letzteres erklärt sich aus dem wahnsinnigen Verkehrsaufkommen, getrocknetem Fisch, gepaart mit schwüler Hitze. Nachts ist die Stadt wesentlich angenehmer und die immer noch rege bevölkerten Straßen werden in ein Lichtermeer aus Leuchtreklamen getaucht. Das geschäftige Treiben beobachtend, per Mp3-Player die passende Musik im Ohr und zur Krönung ein wässriges Bier in der Hand, ließen sich die Tage gut rumbringen.
Zu fortgeschrittener Stunde kann man in einem DVD-Bang (Raum) der Nacht relaxt entgegentreten. Und das geht so: Man betritt eine Art Videothek, sucht sich einen Film aus und bezahlt. Dann bekommt man sein eigenes Zimmer zugewiesen, das mit einem sehr komfortablen Zweier-Sofa, teurer Dolby-Sourround-Anlage und wandfüllender Leinwand gut bestückt ist. Hier gibt es dann auch sämtliche koreanische Filme mit englischen Untertiteln zu sehen. Wobei der Filmgenuss meist nicht der ausschlaggebende Grund für den Besuch der Räume ist. Während den Teenie-Film-Pärchen der 80er-Jahre das Autokino als geeigneter Rückzugsort zum Fummeln galt, finden koreanische Jugendliche unter laut brummenden Deckenprojektoren zueinander. Ich musste die ausgewählten Filme leider alleine genießen, aber immerhin waren ein paar Perlen darunter. So zum Beispiel Silmido, der einen Politskandal der jüngeren koreanischen Geschichte filmisch nacherzählt.
1969: Einer Gruppe von zum Tode verurteilter Süd-Koreaner wird das Angebot gemacht, ein neues Leben in Freiheit und Reichtum zu beginnen. Dafür müssen sie nur den nordkoreanischen Präsidenten Kim Il Sung ermorden. Sie willigen ein und werden auf einer geheimen Insel (namens Silmido) drei Jahre mit übertriebener Gewalt ausgebildet. Doch der Mordbefehl wird zurückgezogen, da der Süden inzwischen lieber eine Politik der ausgestreckten Hand führt. Die unfreiwillige Söldnergruppe wird damit nicht nur unnütz sondern auch zu einem unangenehmen Teil der Vergangenheit, den man gern beseitigt sehen möchte. Als die Truppe von den Eliminierungsplänen erfährt, macht sie sich schwer bewaffnet auf den Weg nach Seoul, um jetzt den südkoreanischen Präsidenten zu töten. Mit mehr als 10-Millionen Besuchern gilt der Film als bisher erfolgreichster koreanischer Blockbuster. Wer sich nicht daran stört, dass aus nahezu jeder Szene eimerweise Harte-Männer-Phatos tropft und nationalistisches Gehabe die Dialoge dominiert, kann auch durchaus mit guter Unterhaltung rechnen.
Der niedrige Preis der Jugendherberge wird leider teuer mit einem Verlust an Privatsphäre bezahlt. Drei Stockbetten pro Zimmer, Wände aus Pappe und da in der Nacht hitzebedingt sämtliche Fenster offen bleiben, kann man auch die Gespräche der Nachbarn verfolgen (natürlich ohne sie zu verstehen). Aber es gibt schlimmeres. Nämlich Bob. Bob kommt aus Australien, wohnt bereits seit sechs Monaten hier und verdient sich sein Kimchi mit Englischunterricht. Bob trägt ein Beastie-Boys-Shirt und hält sich für einen Surfer. Außerdem ist Bob ein großer Fan der pathischen Projektion und wähnt sich als ständiges Opfer finstrer Mächte. Als er wegen einer Kontoeröffnung Ärger mit der Bank hatte, wurde in den »gierigen Juden« schnell ein passender Sündenbock gefunden. Eine fast-Schlägerei mit einem farbigen US-Soldaten führte er nicht auf sein eigenes dämliches Gerede zurück, sondern auf dessen Hautfarbe. Die Koreanerinnen, die ihre Zeit nicht mit einem Idioten wie ihm verschwenden wollten, waren ebenso schnell als Rassistinnen erkannt.
Und als wäre das nicht genug: Der Feind unter meinem (Stock)Bett schnarcht. Auch zum Wachwerden durfte ich oft seinem Organ lauschen, erschienen ihm seine Geistesergüsse schließlich von solch mächtiger Bedeutung, dass er sie so laut wie möglich in die Welt plapperte. Hassenswerter kann ein Mensch kaum sein. Als er mir mit hochrotem Kopf erzählte, dass ihn einer seiner Schüler vor versammelter Klasse ein ’Schwein’ genannt hatte, versüßte mir die frohe Kunde den Rest des Tages.
Eine gute Möglichkeit, jetzt zum koreanischen Schulsystem überzuleiten. Das ist nämlich knallhart. Grade die jüngeren SchülerInnen verbringen nahezu den gesamten Tag mit Lernen. Es ist durchaus keine Seltenheit, auch noch gegen 23:00 Uhr nachts Horden von Kindern in Schuluniformen zu begegnen. Der Leistungsdruck ist enorm und die Prügelstrafe wird von den Lehrern als nützliches Instrument zur Erhaltung ihrer Autorität verstanden. Wer studieren will, muss horrende Studiengebühren berappen. Dieses Schulsystem und auch gleich die konservative Regierung zu stürzen, hatte sich die mitgliederstarke, linke Studentenbewegung mal auf die Fahnen geschrieben. Seit 2002 wird aber fast nur noch gegen die Präsenz der US-Streitkräfte in (Süd)Korea protestiert. Vom Abzug der Soldaten erhoffen sich die Studenten die friedliche Wiedervereinigung mit Nordkorea und den Sturz der verhassten eigenen Regierung. Nach rationaler Logik sucht man in dieser Begründung vergebens.
Im Internet stieß ich glücklicherweise auf die Seite eines koreanischen Punk-Labels, auf der für das Wochenende ein Konzert angekündigt wurde. Selbiges sollte um 19:00 Uhr beginnen und die ersten Besucher saßen auch schon vor dem Eingang des Clubs. Die Show fing dann auch tatsächlich gegen 20:00 Uhr an, schließlich sollten sieben Bands zum Tanze aufspielen. Die Opener wussten mit ihrem schlecht gespielten Mosh-HC weder mich noch das bisher spärlich erschienene Publikum zu überzeugen. Etwa 20–30 Besucher waren bisher eingetroffen. Mein schüchterner Blickkontakt mit der lokalen Szene blieb derweil unbeantwortet und ich fürchtete schon, den Abend alleine verbringen zu müssen.
Die zweite Band sollte dann mein persönlicher Top-Act des Abends werden und dank englischen Namen konnte ich mir eben diese auch merken: RUX. Mitreisender OldSchool-Punk, auch das Publikum war begeistert. Fäuste wurden gereckt, mitgesungen bzw geschrien und der ein oder andere Tanz gewagt. Dabei fiel positiv auf, dass gut die Hälfte der Anwesenden Frauen waren, die nicht nur vor der Bühne sondern auch an den Instrumenten rockten. Die restlichen Kapellen variierten von Melodic bis Crust-Metal, nicht wirklich schlecht aber auch nicht wirklich spannend. Dafür bin ich dann doch noch mit anderen Konzertbesuchern ins Gespräch gekommen. Erst mit stationierten US-Soldaten und Englischlehrern, später wurde ich von instrumentbehangenen Koreanern angesprochen. Wie sich herausstellen sollte, handelte es sich um Mitglieder der GEEKS, die grade von ihrer Probe kamen. THE GEEKS sind die erste und einzige Straight-Edge-Band in Korea und sorgen vor allem live für beste Stimmung – ohne Tough-Guy-Gehabe und Bühnenpredigten. In schlechtem Englisch kam man auf einiges zu sprechen, auch auf die Geschichte des koreanischen Punkrocks.
Und die ist schnell erzählt, schließlich existiert die »Szene« erst seit 1997. Den Anfang machte die Band Crying Nut, die auch als erste Indie-Band einen bescheidenen Erfolg im kommerziellen Bereich verbuchen konnte. Dieser wurde genutzt, um den ersten Punkladen namens Drug voranzubringen und zu bewerben. Aus dem Drug wurde schließlich das Skunk, welches dem gleichnamigen Label als Hauptquartier dient und seit 2003 jeden Samstag eine Punkshow auf die Beine stellt. Punk meint dabei wie auch hier verschiedenste Stilrichtungen wie Rockabilly, Hardcore, (Scr)Emo usw. Und Show heißt im Skunk mindest sieben Bands. Da gegen 23.30 geschlossen wird, spielen die erste Band bereits ab 18:00 Uhr. Um die 40 Bands gibt es in Korea, besser gesagt in Seoul und Pusan, der zweit größten Stadt des Landes. Ab dem achtzehnten Lebensjahr muss jeder Koreaner für 25 Monate zum Militär, das erklärt vielleicht das überwiegend junge Alter der meisten Protagonisten. Lediglich aus Japan kommt ab und zu Verstärkung und so ist die Abwechslung nicht all zu groß – in den drei Wochen meines Besuchs habe ich RUX dreimal gesehen. Da die Shows so früh enden, gehen die meisten KonzertbesucherInnen anschließend zusammen auf Kneipentour oder begrüßen die Nacht im nahe gelegen Park. Neben Bier gehört Soju, ein recht milder Reisschnaps, zu den meistkonsumierten Getränken. Posigen Gruppenfotos ist man dabei nie abgeneigt.
Mit individuellem Außenseitertum macht man sich in der koreanischen Gesellschaft nicht sehr beliebt, Tätowieren ist z.B. immer noch illegal. Doch gewalttätige Übergriffe auf Punks sind höchstens von betrunkenen US-Soldaten zu befürchten. Die gesellschaftlichen Zwänge wurzeln (neben dem Kapitalismus) vor allem im Confucianismus, der früheren Staatsreligion, die als ethischer Verhaltenskodex fortlebt und in der Jeder/Jede seinen festen Platz in der Hierarchie findet um sich seiner Stellung entsprechend Anderen gegenüber zu verhalten. Auch das Christentum erfreut sich wachsender Beliebtheit, grade bei Jugendlichen. Wer jetzt eine ordentliche Analyse der koreanischen Gesellschaft erwartet, sollte dazu vielleicht ein passendes Buch zur Hand nehmen und nicht diesen Reisebericht.
Leider neigte sich auch diese Reise ihrem Ende zu und das Wiedersehen mit Kaltland war noch weniger erbaulich als erwartet. Natürlich mussten genau an meinem Rückflugstag die Boardingcomputer der Lufthansa für sechs Stunden abstürzen – weltweit. Am Frankfurter Flughafen herrschte das blanke Chaos, mein Flug wurde annulliert und stundenlanges Herumhetzten zu Alternativflügen oder der Bahn, die dann auch nicht fuhr, waren die Folge. Nach 35 Stunden auf den Beinen erreichte ich Leipzig und wurde von den verbitterten, verbiesterten Gesichtern der Landleute gebührend empfangen. Der nächste Ausbruch kommt bestimmt, dann hoffentlich ohne Rückflugticket.
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