27.07.2007 / 12:32 pm
Von Max
Um von der reichen und doch recht touristischen Ostküste in den eher weniger befahrenen Westen Chinas zu kommen, durfte ich mich ganze zwei Tage einem schweißtreibenden Stressmarathon unterwerfen – Fight for your Ticket! Ein Schlafwagen-Ticket von der Hauptstadt Peking in die Hauptstadt der westlichen Provinz Xinjiang, Ürümqi, zu ergattern, erfordert souveränen Umgang mit dem kafkaesken Kartenverkaufssystem, dessen Logik auch den meisten Chinesen verschlossen bleibt.
Das Problem: Normalerweise kauft man seine Tickets über eine Agentur, zahlt dort 50 Cent Aufpreis und muss sich nicht weiter kümmern. Da die Agenturen allerdings keine Tickets nach Xinjiang verkaufen, muss man sich ins Handgemenge am Bahnhof stürzen. In einer Reihe anstellen ist den Chinesen wesensfremd, ohne Ellenbogen erreicht niemand den Schalter und wenn man erstmal vorne ist, drängen ständig weitere Massen von der Seite heran. Ärgerlicherweise versickern schon im Vorfeld rund 80 % Prozent der verfügbaren Tickets auf korrupten Wegen in die Taschen der Bahnmitarbeiter und vor allem höherer Parteikader. Um den Rest schlägt sich dann der Pöbel am Schalter. Die Verkäuferinnen der Tickets haben eine unglaubliche Masse an Menschen abzufertigen, von denen sie den ganzen Tag angeschrieen und beschimpft werden, da keine Tickets verfügbar sind. Dementsprechend gut gelaunt sitzen die Damen an ihren Schaltern und haben grade noch auf einen dummen Ausländer wie mich gewartet, der den Namen seines Zielortes auf einen Zettel geschrieben überreicht und nichtmal chinesisch versteht. Letztendlich hab ich irgendwie ein Ticket zu einer Stadt bekommen, die zumindest auf dem Weg liegt, um dann dort nach 30-stündiger Fahrt noch mal dasselbe Spiel zu durchlaufen um nach weiteren 30 Stunden in Ürümqi anzukommen.
Ürümqi ist also die Hauptstadt des automen Gebietes Xinjiang, der grössten Provinz Chinas. Die herrausstechende Besonderheit hier ist die große Vielzahl verschiedener ethnischer Bevölkerungsgruppen, d.h. neben den »normalen« (Han)Chinesen leben dort Kasachen, Kyrgisen, Mongolen, Russen, Tadschicken und Uiger. Letztere stellen die größte Minderheit im Gebiet und sollen hier mal salopp zur besseren Verständlichkeit als die »Türken Chinas« vorgestellt werden. Die Uiger sind rein äusserlich durch mehr Bartwuchs und längere Nasen (das klingt ja wie Volkskunde bei den Nazis) von den Chinesen leicht zu unterscheiden. Ausserdem preist man hier Allah und nicht Mao. Die Uiger haben im ganzen Land ihre Nudelküchen, die von außen leicht durch arabische Schriftzeichen und Mekkakitsch zu erkennen sind. Die Uiger sind das beliebteste Objekt des innerchinesichen Rassismus – noch jeder Chinese musste mir Hetzgeschichten über die kriminellen und faulen Uiger erzählen, wenn meine Reiseabsichten in diese Region zur Sprache kamen. Es sei hier aber schon mal darauf hingewiesen, dass die Xinjiang Provinz das meiner Meinung nach bereisenswerteste Stück China ist.
(An dieser Stelle möchte ich kurz darauf hinweisen, dass ausschweifende Landschaftsbeschreibungen aus gutem Grund in diesem und anderen meiner Reiseberichte nicht zu finden sind. Weder habe ich das rhetorische Rüstzeug zur Hand, etwa der Schönheit der Seidenstrasse auch nur annähernd gerecht zu werden noch bin ich der Meinung, dass dies überhaupt wünschenswert wäre. An die Vor-Ort-Erschütterung aller Sinne reichen Worte kaum und Fotos gleich gar nicht heran. Bestenfalls kann ich hier ein paar Superlative heranklotzen, die den Leser zum eigenen Rucksackpacken motivieren…)
Nachdem mich die Hauptstadt der Provinz durch ihre freundliche Basar-Atmosphäre, gutes Essen und die billigsten Taxis in ganz China (kaum eine Fahrt mehr als 1,- Euro) für sich begeistert hatte, buchte ich einen Bus der mich weiter in ländliche Gegenden bringen sollte. Genauer gesagt über die östliche Seidenstrasse direkt bis an die pakistanische Grenze. Wie gewohnt macht man in Zug oder Bus meist die interessantesten Gesprächspartner aus, so auch hier. Außerdem ist in den Schlafbussen trotz 28-stündiger Fahrt an Schlaf nicht zu denken: Die fest eingebauten »Betten« sind für erwachsene Europäer nur im eingefalteten Zustand zu besteigen und ein Aufsetzten im Bett ist zwecks Platzmangel auch nicht möglich. Dazu laufen rund um die Uhr indische Trashfilme, bei denen eine (!) Synchronstimme den Uigerdialekt drüberspricht, alles komplett übersteuert und bis zum Anschlag aufgedreht. Ohropax nützen gar nichts. Zum Glück machte ich schnell Bekanntschaft mit einem überaus netten und Englisch sprechenden Physiklehrer aus Kashgar, selbst Uiger, mit dem ich die Zeit über angenehm plaudern konnte.
Ich habe ihn dann hauptsächlich zum Verhältnis Chinesen – Uiger befragt und welche Rolle der Islam hier eigentlich spielt. Über die Diskriminierung seitens der Chinesen haben die Uiger dabei zu Recht einiges zu meckern. Staatlich verordnete Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt und allgemeiner Rassismus sind dabei die häufigsten Probleme. Dass in manchen ländlichen Gegenden das Tragen von Bärten und der Besuch von Moscheen unter 18 Jahren verboten ist, brachte mich dann aber doch ein wenig zum Schmunzeln. Nach längerem Nachbohren stellte sich der Islam in dieser Gegend auch als weit weniger harmlos dar, als mir mein Gegenüber zuerst weismachen wollte. Islamistische Speratisten, auch mit guten Kontakten zu Al-Quaida, hatten Mitte der 90er ein chinesisches Hotel und mehrere Busse in der Hauptstadt in die Luft gesprengt. Als Reaktion ließ die chinesische Regierung erstmal 400 Verdächtige aus der Gegend hinrichten. Für meinen Gesprächspartner hatten da lediglich »ein paar junge Radikale« dem falschen Imam gelauscht. Mein Einwurf, man solle doch bitte den eigenen Verstand bemühen und nicht das Ich gegen den Imam tauschen, verleitete ihn zu einer obskuren Verteidigungsgeschichte, die mir die Unabhängigkeit den Imamen gegenüber veranschaulichen sollte: So begab es sich, dass ein Imam auf dem Lande den falschen Vöglein ins Ohr flüsterte, nämlich dem chinesischen Staat Namen jener »jungen Radikalen«. Just als dies publik wurde, nahmen seine Schäfchen den Imam bei Nacht zur Seite und schnitten ihm Nase und Ohren ab. »Nur zur Warnung«, damit keine weiteren Muslime ihm ihr Ohr schenken mögen, erklärte mir der Physiklehrer. Der Jihad im antiautoritären Gewand der Autonomie – wie entzückend.
Dass es auch in Xinjinag Leute gibt, die auf die Regeln der Sitte scheißen und lieber ins hedonistische Horn blasen, lernte ich glücklicherweise durch die Begegnung mit Joe. Auf der elendlangen Zugfahrt nach Xinjiang hatte ich eine Studentin kennengelernt, die mir unbedingt »my hometown Ürümqi« und irgendeinen berühmten Markt zeigen wollte. Beim Marktbesuch war dann auch eben jener Joe dabei, der natürlich in echt anders heißt, und mir bei weitem sympathischer erschien als die Studentin. Joe sprach perfektes Englisch (verdammt selten in China) und machte die mysteriöse Andeutung, sein letzter Job sei »very very interesting« gewesen, er könne aber unter keinen Umständen verraten, was es war.
Jedenfalls gab er mir seine Telefonnummer und meinte, wenn mir langweilig sei, soll ich mich doch mal melden. Gesagt getan und so trafen wir uns eine Woche später zum Essen. Nachdem er erzählte, er würde seit Jahren in einem Hotelzimmer wohnen, war meine Neugier nach seinem mysteriösen Job erst recht geweckt und ich machte Vorschläge, was es wohl sein könnte. Drogenhandel schloss ich schon mal aus, da die Strafen dafür einfach zu hart sind, um solch einen Broterwerb auch nur anzudeuten. Viel bleibt ja nicht mehr übrig, was Geld einbringt und einem irgendwie peinlich sein könnte, und so tippte ich auf irgendwas im »Sex-Business«. Auf diese Vermutungen angesprochen, verneinte er sogleich schmunzelnd, er rauche ja nicht einmal und mit Sex habe seine Arbeit auch nichts zu tun. Ich ließ das Thema fallen und wir wendeten uns wieder unserem Gespräch über das Ärgernis Familie zu. Joe klagte, dass ihn seine Eltern seit er die 20 überschritten hat, ständig auf die Nerven gingen, er solle doch nun endlich heiraten. Dabei sei er doch erst 24 und jedes Mal wenn er seine Familie auf dem Land besuche, werde ihm eine neue Frau zum Heiraten vorgestellt. Als wir uns nach mehreren Stunden netten Gesprächs schließlich trennten, sagte er, er wolle mir nun doch sein Geheimnis verraten. Er stehe gar nicht auf Frauen und damit habe auch sein Job zu tun.
Ok, das gab mir erstmal wieder breiten Spekulationsspielraum. Letztendlich tippte ich auf so was wie Darsteller für schwulen Softporno oder vielleicht Arbeit in einer Gay-Sauna, doch weit gefehlt. Bei unserem nächsten Treffen erzählte Joe dann viel offener als erwartet, was in Sachen schwulem Underground in Ürümqi so ab geht. Es gibt zwei inoffizielle Szene-Clubs und einen netten angrenzenden Park. Joe selbst arbeitet zu später Stunde als »Prostituierte«. Das heißt er steht nachts professionell als Frau verkleidet (Perücke, Schminke, Kleid, Absatzschuhe, etc) inmitten einer der menschenvollen Einkaufsmeilen und fragt vorbeigehende Männer »Do you want to play?« Die, die dann spielen wollen führt er zu einem Etablissement, wo die Kunden von anderen Ladys übernommen werden. Er nimmt aber auch selber Kunden. Der Witz an der Sache ist, dass die Frauenrolle den kompletten Akt über gewahrt bleibt und die meisten Männer ohne das Wissen nachhause gehen, grade von einem Kerl einen geblasen bekommen zu haben. Wobei ich stark vermute, dass auch die meisten Freier bescheid wissen, ohne es aussprechen zu wollen. Joe sagte, wenn ihm ein Kunde zu sehr an die Wäsche wolle und der »Schwindel« aufzufliegen drohe, nutze er sein nicht‑ chinesisches Aussehen und erkläre dem Freier, sein muslimischer Glauben verbiete ihm den Einsatz von mehr als Händen und dem Mund. Meistens bestimme aber sowieso Er von Beginn an den Ablauf und dann werde der Freier schnell ohne Umwege zum Orgasmus gebracht, ohne dass kritische Situationen entstehen könnten. Freilich kommen andere auch direkt mit dem Wunsch, etwa in den Arsch gefickt zu werden, wie ein Pakistani gestern. Drei solcher Etablissements gibt es in Ürümqi, die Polizei wird wie in der Branche üblich geschmiert und kommt ab und an auch selber gerne mal zum Spielen vorbei.
Für Joe ist das ganze grade ein ziemlicher Traumjob, da er, wie er sagt, seine Lust auslebt und dafür gutes Geld bekommt. Den Grossteil der Freier hält er für »handsome boys« und da er ja für das Anquatschen zuständig ist, kann er mitaussuchen, wer kommt. Die Not schien ihn jedenfalls nicht zu treiben, da er englisch studiert hat, arbeitete er vorher gut bezahlt in der Touristenbranche. Diesen Job hat er dann aber zugunsten des Neuen aufgegeben, da sowohl Arbeitszeiten als auch Bezahlung besser sind und er von dem angesparten Geld inzwischen auf einmonatige China-Rundreise gehen kann. Bezahlt wird diese Einnahmequelle leider mit einem riskanten Doppelleben. Weder seine Familie noch sein Freundeskreis wissen irgendwas von seiner nächtlichen Maskerade und auch das Thema Homosexualität ist mehr als tabu, sowohl in der chinesischen Mehrheitsgesellschaft und erst recht innerhalb der muslimischen Uiger-Gemeinde. Sollte seine Orientierung bekannt werden, wäre er sowohl für Familie als auch für sämtliche Freunde (!) eine nicht mehr existente Person – »Dreck«. Noch dazu ist er für das Milieu ungewöhnlich hoch gebildet und der einzige Uiger im Geschäft, was ihm einen so einsam machenden wie gewinnbringenden Exotenstatus verleiht. Während viele seiner chinesischen Kollegen auch tagsüber durch gezupfte Augenbrauen und lange Fingernägel für Eingeweihte erkennbar sind, pflegt Joe seine Doppelidentität professionell genug, um vor dem Erkanntwerden sicher zu sein.
Damit dieser Text halbwegs Rund ausläuft, möchte ich abschließend die Autoren des »Lonley Planet China« für halbwegs verrückt erklären, da sie China als das beliebteste Reiseland des nächsten Jahrzehnts ankündigen. Gute Gründe kann ich dafür keine erkennen. Wenn ich auf die letzten vier Monate hier zurückblicke, spricht außer dem Essen und billigen Fake-Produkten wenig für einen Besuch im bevölkerungsreichsten Staat der Welt. Wenn es aber doch sein muss, sollte man sich schnell in den Westen des Landes verziehen – Landschaft, Leute und überhaupt im Ganzen ist es dort netter als im Rest von Mao’s Wasteland.
27.07.2007 / 12:32 pm
Geiler Bericht,
werd bei Gelegenheit auch mal die anderen lesen.
Danke.
20.08.2007 / 11:50 am
gut geschrieben, sehr interessant.
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2 Kommentare
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