Von Lehni
Boy Sets Fire und der Irakkrieg‑ ein Ärgernis in Einzelheiten.
Das Problem kennen wohl auch andere. Man steht im Konzertsaal x in der Stadt y hört sich eine seiner Lieblingsbands aus den USA an, bis es endlich kommt: Die Aussagen über Bush (»short dick«, »biggest terrorist«), Sharon (Israeli und »Kriegsverbrecher«) und das Geschwafel über irgendwelche Völker die noch bereit sind, für ihr Volksein zu sterben. Gut man hat schließlich Eintritt gezahlt, die Band sind halt antinationale Amis, das johlende Publikum war mir auch vorher schon unsympathisch und überhaupt, haben Musiker nicht auch das Recht einfach nur blöde zu sein?
Das wahre Problem beginnt aber, wenn diese Band sich irgendwie ermutigt fühlt, den Hass des Publikums auf die USA und Israel zu bedienen oder sich mittels dubioser politischer Erklärungen zum Weltgeschehen zu äussern. Ersteres geschah beim Boy Sets Fire Konzert auf dem Berlinova Festival 2003 als die Aussage, es gäbe absolut keinen Unterschied zwischen den Selbstmordattentaten auf das WTC und dem Bombardement von unschuldigen Ländern mit tosendem Applaus quittiert wurde. Das zweite BSF‑Ärgernis soll hier Gegenstand meines Angriffs sein, nämlich das Statement zum Irakkrieg von Matt Krupanski (25.3.03), mit dem der Drummer der Emorocker aus Delaware die Welt »beglückte« und das einen schon etwas stutzig werden lässt. So eine dümmliche »wenn die Amis nur nicht so böse wären«-Interpretation hinsichtlich antisemitischer und antiamerikanischer Formierung weltweit, ist mehr als befremdlich und kann auch nicht unter us-amerikanischen Antinationalismus kommentarlos abgeheftet werden. Es mag auch sicher für manche etwas seltsam anmuten, wenn ausgerechnet ich Deutscher einer amerikanischen Band ihren Umgang z.B mit dem 11.9. oder dem weltweiten Antiamerikanismus vorwerfe. Aber BSF sind nun mal eine bekannte Band, die das Label „politisch“ angeheftet bekommen und sich mit diesen »politischen« Statements vor linksdeutschen Amerika-Hassern auf bundesdeutschen Bühnen äußert. Wenn solche Statements in einem völkisch-deutsch und antiamerikanisch aufgeladenem Klima (und einem eben solchen Publikum) vorgetragen werden, ist ihnen auch Kritik entgegenzubringen.
Das vollständige Statement ist angehängt, alle Zitate von Matt befinden sich im Fettdruck, Hervorhebungen von mir)
»Wieder ist unser Miltär im Krieg. Wieder unter den selben Vorzeichen wie vor 12 Jahren (…), wieder steht das Wohl der Menschheit auf dem Spiel (..)wieder versuchen sie die Welt ’von einem bedrohlichen Regime’« zu befreien (…) »das sind die Lügen mit denen die amerikanischen Öffentlichkeit gefüttert wird.«
Bevor Matt es überhaupt schafft, den Kern seiner Kritik zu erörtern, beweist er schon das völlige Unvermögen, den derzeitigen Konflikt in einer sachlichen Weise einzuordnen. Der Irakkrieg wird mit dem zweiten Golfkrieg gleichgesetzt und wieder soll dabei »nur« ein Regime gestürzt werden, während erneut das Volk Lügen ausgesetzt ist. Zur Erinnerung: Der Nato-Angriff auf den Irak 1991 war eine direkte Reaktion auf die Annexion Kuwaits durch irakische Truppen und kein Versuch der Absetzung des Hussein Regimes. Die damalige Behauptung »die USA« (und nicht etwa Nato, Uno oder alliierte Kräfte) führten einen »Krieg für Öl« hätte sich angesichts der Tatsache, dass das Baath-Regime (leider) nicht beseitigt und somit ein direkter Zugriff auf die irakischen Ölressourcen nicht hergestellt wurde, zumindest im Nachhinein als haltlose Friedenspropaganda herausstellen müssen.
Deutlich verschieden ist auch Bush Jr.’s Rhetorik von der seines Vaters. War es im letzten Golfkrieg noch Prämisse der US‑ Außenpolitik eine »Neue Weltordnung« zu schaffen, müsste mittlerweile jedem aufgefallen sein, dass die derzeitige Argumentation (einschließlich der ersten zaghaften Bemühungen) in eine andere Richtung deuten: Sie stellen den Versuch dar, ein Mindestmaß an bürgerlichen Freiheiten zu gewähren, indem man nach der Steinzeitdiktatur in Afghanistan nun einen der gefährlichsten Massenmörder erledigte. Dass im gleichen Atemzug die Kapitalverwertung bzw. der »freie Handel« in der Region gesichert wird, ist dabei auch keine wirklich neue Erkenntnis.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Sicherung der Kapitalverwertung stellt natürlich kein »emanzipatorisches« Ziel dar und es wäre lächerlich der US-Aussenpolitik zu attestieren, sie würde das Glück der Menschen als oberste Prämisse ihres Handelns festlegen. Aber ist es so schwer, einfach festzustellen, dass die USA genauso wie alle anderen Nationalstaaten nur ihre Interessen vertreten, dabei aber (und das ist der entscheidende Unterschied zum Vietnam-Krieg), wie Gremliza es 1991 formulierte, endlich einmal, aus den falschen Motiven das Richtige tun. Kurz: das Ziel ist die Sicherung der Kapitalverwertung, das Beiprodukt ist die Aufhebung eines faschistischen Regimes.
Natürlich verliert er in diesem Zusammenhang auch kein Wort über die Bedrohungslage der USA seit dem 11.9, aber dazu später mehr. Statt dessen werden zwei Kriege mit unterschiedlichen Vorzeichen, Ursachen, und Allianzen, unterschiedlichen Verlauf und Ausgang der Interventionen gleichgesetzt. Das Ganze wird darauf reduziert, dass »George Jr. den Schlamassel, den sein Vater niemals beendet(e)« jetzt zu Ende bringt. Also bringen wir die selbe stupide und heuchlerische Friedensretorik ins Spiel, die schon im zweiten Golkrieg völlig an der Sache vorbeiging − es wird schon keiner merken. Dass er dabei den Begriff Imperialismus nicht ausspricht, ist fasst schon verwunderlich, denkt er doch fasst 1 : 1 in den gleichen Schemata. Wahrscheinlich kann man nicht oft genug darauf hinweisen, dass diese Einteilung in böse, starke Raubtierkapitalisten und gute, weil schwache und autochthon lebende, Völker nicht kommunistisch, nicht revolutionär, sondern einfach nur völkisch, also reaktionär ist. Wer dennoch an diesem antiimperialistischen Denkmodell festhält, bemerkt auch nicht, wie dieses ihn zwingt, sich zwar antikapitalistisch zu geben, dabei aber Bewegungen und Organisationen zu unterstützen, denen ganz offensichtlich gerade die positiven Errungenschaften der Aufklärung der eigentliche Dorn im Auge ist.
Ein weiterer wahnhafter Reflex des aufrechten Antiimperialisten stellt die Präsentation eines möglichst einfach zu verkaufenden Kriegsgrundes dar. Waren es in Afghanistan noch die Pipelines und nicht etwa das Mörderregime der Taliban, so hat Matt auch hier wieder scharfsinnig die ökonomischen Kriegsgründe im Visier. Sein zweiter haarsträubender Vergleich sieht in etwa so aus: Matt glaubt scheinbar ernsthaft, der Irakkrieg stelle eine »ähnliche Situation« wie der Vietnamkrieg dar. Doch, ein entscheidender Unterschied sei auszumachen: der »Irak hat etwas, was Vietnam nicht hatte. Es hat Öl«. Weder versucht er auch nur ansatzweise die völlig unterschiedlichen Inhalte und Beweggründe der US-amerikanischen Außenpolitik in den 70ern und heute zu erfassen noch liest man auch nur ein Wort über den (Wegfall der) Blockkonfrontation oder den Kalten Krieg.
Wer beim Gedanken an den Irak unter dem Baath-Regime Begriffe wie »starke unabhängige Nation« ins Spiel bringt, dem ist sein moralischer Pazifismus anscheinend wichtiger als die grundsätzlich Möglichkeit der Befreiung des »unterdrückten und belogenen Volkes« (von dem ja so gerne gesungen und gefaselt wird), nämlich in dem Fall, des irakischen. Es ist fasst als Drohung, denn als aberwitzige Forderung aufzufassen, wenn BSF-Matt sich ernsthaft auf die amerikanische Verfassung beruft, um dem Baath Regime Stärke und Unabhängigkeit zu wünschen. Origial Matt: »Seit wann ist es so etwas schlimmes, eine starke, unabhängige Nation zu sein? Ist es nicht das, worauf sich die USA gründen, aber jetzt zählt das nur hier und nicht für den Rest der Welt?« Der Irak unter Hussein hatte mehrfach erklärt, dass der Hauptfeind Israel sei, der Irak hat bewiesen, dass er fähig und willens ist, Israel anzugreifen und Hussein hat aber auch jeden suicide-bomber abgefeiert und deren hinterbliebenen Familien Prämien gezahlt. Ein irakisches Regime, dass nicht von Außen und mittels Gewalt kleingehalten wird, ist eine direkte und existentielle Bedrohung für den Staat Israel. Dass die Beseitigung des Regimes ein Mehr an Sicherheit für die israelische Bevölkerung bedeutet taucht in Matts »Analyse« nicht einmal als Randnotiz auf. Man könnte zusammenfassen, dass der Kommunist Matt sich empört, wie der unabhängige Nationalstaat Irak in seinem Selbstbestimmungsrecht verletzt wird. Dies wiegt offensichtlich schwerer als die systematische Unterdrückung der Menschen im Irak, die hunderttausenden Toten, die völlige Unmöglichkeit auch nur der primitivsten Verbesserungen für die Menschen unter dem damaligen Regime. Und wie es sich für linksradikale Amerikaner wohl gehört, kein verdammtes Wort über Israel und die historische Notwendigkeit seiner Existenz und Sicherheit.
Doch auch Saddam Hussein kriegt sein Fett weg. Es wird nämlich sehr wohl festgestellt, dass er kein »nice, pleasant man« sei. Während Matt die US-Regierung als Kriegsverbrecher entlarven will, finden sie einen Massenmörder (der wohlgemerkt keinen Hehl aus seinem systematischen Töten machte) »nicht so wirklich nett«. Das was, laut Matt, die entscheidende Kriegsgründe der US-Propaganda waren: »dass der Irak Massenvernichtungswaffen hat, Terrorismus unterstützt, von einem Mann kontrolliert wird (…) der nicht vom Volk des Landes« gewählt wurde, dass »klingt schrecklich vertraut« in Matts Ohren. Aber er geht noch nicht so weit, den Blauhelmeinsatz gegen die USA zu fordern. Statt dessen müssen »die wahren Verbrecher dieses Konflikts der Justiz überführt werden«. Solange Matt sich in dieser »Krieg böse – Frieden gut«-Dichotomie bewegt, solange steckt er in der gleichen Falle wie die restliche Antikriegsbewegung. Wer sich aus moralischen oder pazifistichen Gründen kategorisch gegen den Krieg stellt, muss sich eine Frage gefallen lassen: Ist es etwa möglich, die Befreiung der Welt von Nazi-Deutschland in irgend einer Weise zu kritisieren? Jeder Mensch, der Krieg grundsätzlich ablehnt, macht sich schuldig nichts, aber auch gar nichts, von der Geschichte und vor allem nichts von Auschwitz gelernt zu haben. Oder, wie es ein kluger Genosse kürzlich formulierte: »im schlechtesten Sinne ahistorisch« zu sein. Jeder ernstgemeinte Vergleich zwischen NS und Baath-Regime führt in eine gefährliche Sackgasse, aber die Argumente und das Vorgehen der Friedensbewegung weisen schon auffällige Parallelen auf.
Man ist unfähig die mörderische Ideologie, den aggressiven, größenwahnsinnigen Pan-Arabismus und vor allem den offenen Antisemitismus, kurz: die Systematik des Terrors unter Hussein an sich, als das zu brandmarken was es ist: ein faschistisches Regime, das für Tod und Terror steht. Das Beharren auf dieser vermeintlich linken Antikriegshaltung angesichts eines viel größeren Übels, (welches die Möglichkeit einer Verbesserung aus dem Inneren heraus bereits ausgeschaltet hat) ist ein Fehler, den die Kommunisten von BSF genauso begehen wie ihre anarchistischen Genossen, die sich gegen einen Kriegseintritt der USA im zweiten Weltkrieg aussprachen. Es gibt eben sehr wohl schlimmeres als Krieg, nämlich Faschismus. Dass das Erste zu vernichtende Ziel eines »unabhängigen und starken« Baath-Irak der Staat Israel gewesen wäre kommt ihnen entweder nicht in den Sinn oder sie halten es für nicht erwähnenswert. Dass Hunderttausende von Menschen, unter ihnen auch unzählige irakische Kommunisten, ihr Leben gelassen haben, ist ihm ebenfalls kein Wort wert.
Es mag ja in gewissen Kreisen chic sein, irgendwelche Horroszenarien über die »US-Besatzer« und ihre Bestrebungen im Irak zu halluzinieren. Wer jedoch der amerikanischen oder der britischen Armee vorwirft, eine auch nur annähernd so grausame Gewaltherrschaft zu errichten, wie die, welche sie beseitigten, der ist entweder geistig verwirrt oder ein Lügner. Wer in diesem Zusammenhang mit pazifistischen oder humanistischen Phrasen über die Grausamkeiten eines Krieges ankommt, dem ist nicht einmal sein zweifelhafter Humanismus/Pazifismus abzunehmen, da er unfähig ist, sich über ein System zu empören, in dem es eine staatliche Systematik von Vergewaltigung, Folter und Mord gibt. Wem sein moralverseuchter Pazifismus diese simple Einsicht verwehrt, der kann ganz offensichtlich auch nicht die Befreiung und potentielle Chance auf emanzipatorische Entwicklungen im Krieg gegen den Irak sehen, geschweige denn gut heißen.
Nachdem die wahren Kriegsgünde aufgedeckt sind, die »wahren Verbrecher« entlarvt, der (mittlerweile‑) Nachruf auf das stolze und unabhängige irakische Regime einschließlich seines, OK, nicht ganz so coolen Diktators, beendet ist, kommen wir zum nächsten Punkt bei dem Matt die totale Verweigerung einer auch nur ansatzweisen Analyse weiterführt: der 11.September. Manchmal träumt Matt nämlich auch und wünscht sich, dass die US-Regierung etwas »vom 11. September gelernt hätte«. Mit der darauffolgenden Aufzählung offizieller Schandtaten der US-Außenpolitik im Zusammenhang mit 9/11 suggeriert er dann endgültig, dass die eigentlichen Verantwortlichen für die Taten der Massenmörder von New York und Washington die USA und ihre Außenpolitik sind. Wer sich jetzt fragen sollte, wieso jemand sich so einen Unsinn einreden und die antisemitische Ausrichtung des Anschlags verschweigen kann, bekommt einen Hinweis wenn man sich Matts Aufzählung der »wahren Probleme« der Welt (nämlich) »Krankheiten, Hunger und Obdachlosigkeit« vergegenwärtigt. Kein Wort von dem antisemitischen und faschistischen Gehalt des Islamismus und seiner Massenmörder vom 11.September, kein Versuch auch nur ansatzweise die Kapitalverhältnisse auf ihre Gesetzmäßigkeiten hin zu untersuchen. Stattdessen wird in das alte NGO-Horn geblasen und reformistischer Käse erzählt und somit unseren reaktionären FreundInnen von Attac und Co. einfach die Argumentation geklaut: Wenn man nur endlich den bösen, mächtigen Amis das Handwerk legt, anschließend noch was gegen Hunger tut um dann mittels jährlichem Im-Kreis-Tanzen in Porto Allegre Weltfrieden und den gerechten, menschlichen Kapitalismus zu schaffen.
Lieber Matt: Das ist bullshit! Du gibst dich schließlich endgültig der Lächerlichkeit preis, wenn du bei all dem Schweigen über die Verhältnisse unter dem Baath-Regime Deinen moralischen Fragenkatalog an den amerikanischen Bürger vom Stapel lässt. Eine dieser Fragen finde ich sehr schlau formuliert, weswegen ich sie an dich und die (anti‑)westlichen Freunde der Barbarei zurückstelle: »Sind die Grenzen zwischen Unterstützung von Leben und Unterstützung von Tod so klar gezogen?« Bevor du Fragen stellst solltest du dir jene erstmal selbst beantworten. Und solange du nicht der Meinung bist, dass die Unterstützung eines Regime wie dem unter Hussein einer Unterstützung des Todes gleichkommt, solange schweige doch in Zukunft bitte zu diesem Thema. Für die, die mir jetzt Arroganz oder unsachliche Interpretationen unterstellen wollen, übersetze ich abschliessend noch den letzten Absatz des Statements der dem unerträglichen vor-sich-hin-Moralisiern noch die Krone aufsetzt. »Jeder Tag ist ein Kampf um die Aufrechterhaltung der Hoffnung und des Geistes auf eine leidenschaftlichen Revolution, aber wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen uns selbst bilden, uns selbst »humanisieren« und protestieren, wenn wir fühlen, dass etwas falsch ist in der Welt. Für seine Überzeugungen zu protestieren, in der Hoffnung, dass es eines Tages eine positive Veränderung mit sich bringen wird, ist die patriotischste Tat die wir als Rasse und Volk vollbringen können. Protest ist Patriotismus.« Bleibt zu hoffen, dass BSF das mit dem self-educating etwas ernster nehmen oder aber es in Zukunft unterlassen, solch reformistischen und reaktionären Unsinn in Form von Erklärungen zu verbreiten.
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