Für unsere Style-Rubrik riskiert unser Autor einen Blick auf die schöne neue Apple-Welt, Facebook, Prothesenhippster und zentralasiatische Diktatoren.
»Kann nur den erstnehmen, der über sich selbst lachen kann« sangen …But Alive irgendwann in den 90er Jahren. Ich musste dabei immer an verbissene Politkader antifa‑ oder antideutscher Prominenz denken, deren Humorverständnis einzig darin bestand, genüsslich Spott und Häme über den politischen Gegner auszuschütten, während über den eigenen Geifer vor dem Mund zu witzeln nicht erlaubt war. Auch in grösseren Zusammenhängen ist das Zur-Schau-Stellen der eigenen Selbstüberschätzung erste Vorraussetzung, um Menschenmassen zu begeistern und sich international als ernstzunehmende Führerfigur zu empfehlen – grade wenn man tatsächlich vor allem an Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist. Ein schönes Beispiel ist der 2006 an Herzversagen dahingeschiedene Saparmyrat Nyýazow, besser bekannt als »Turkmanbashi«, exzentrischer Architekturfan und langjähriger Diktator Turkmenistans. Nachdem er sich zum Prophet ernennen liess, gab er allen Wochentagen und Monaten neue Namen (der April heisst nun nach seiner Mutter), übergrosse goldene Statuen seiner Selbst drehten sich mit der Sonne und eine von ihm verfasste »Bibel«, randvoll mit allerhand Trivialitäten zu den Themen Liebe und Glauben, mussten auch zur Führerscheinprüfung wortgetreu rezitiert werden. Da »Turkmenen nicht krank werden« liess er ausserhalb der Hauptstadt alle Krankenhäuser schliessen und nachdem er im Zuge einer Herz-Operation vom Nikotin lassen musste, wurde auch allen Einwohnern des Landes das Rauchen verboten.
Wichtiger aber noch als solche persönlichen Schrullen ist ein himmelschreiendes Versagen in allen Belangen der Mode, Geschmacklosigkeit muss stolz-dreist präsentiert werden, möchte man als zukünftiger Führer oder Guru noch zu etwas kommen. Ob Hitler, Mao, Gadaffi oder Dalai Lama – Beispiele für Blut in die Augen treibende Frisur‑ und Bekleidungsunfälle finden sich in der Geschichte mehr als reichlich. Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg gilt den Deutschen nicht trotz sondern grade wegen des albernen Namens, den lächerlichen Feldherrenposen und seines Bierzelt-Casanova-Haarschnitts als erstzunehmende Kompetenz und »bestgekleideter Politiker«. Da muss es auch nicht mehr gross wundern, wenn die Massen ausgerechnet einen mit Reinhard Mey-Nickelbrille bewaffneten Berufsjugendlichen, der das Stopfen seines Rollkragenpullovers in Karottenjeans für ästhetisch wertvoll hält, als Verkünder eines »neues Zeitalters« auf dem Gebiet der zurecht-designten Gebrauchswaren feiern. So kaufen die Schäfchen dem »charismatischen« Apple-Guru Steve Jobs nicht nur jede kitschige Show und Selbstinszenierung als neue Heilsbotschaft ab, sondern vor allem jeden neuen Apple-Auswurf sofort freudig ein.
Aktuell werde ich in der U‑ und S-Bahn überall mit überdimensionierten Werbetafeln für das neue iPad belästigt, das jungen hippen Menschen mit bunten Hosen und Schuhen lässig auf den Oberschenkeln liegt, um ihnen per youtube die wilden Videos von Juliette Lewis oder per Facebook das neuste Geschwätz ihrer zahlreichen Freunde in den Schoss zu liefern. Wie schön, endlich immer und überall nicht nur von Anrufen und SMS sondern zusätzlich von Mails, Videos und allerlei App-Spielereien belangt werden zu können. Der Hohn über gehetzte »Business Punks« mit Blackberry wird bald dem Neid auf den lässigen iPad-Pendler weichen. Musste man den Menschen vor ein paar hundert Jahren noch mühsam per Fabriksirene und Stechuhr einprügeln, dass sie sich dem durchgehenden Zugriff auf ihren Körper und seine Sinne zu beugen haben, trägt der moderne Hippster seine elektronische Fussfessel, die ihn aus seiner engen Arbeitszelle entlässt und dafür die ganze Welt zum Knast macht, stolz als schickes Designerbrettchen vor sich her. Idealerweise hat der Konsument dabei die Werbebotschaft geschluckt, einer Gruppe exklusiver und non-konformer Individualisten anzugehören – ein Selbstmissverständnis, dass er mit TrägerInnen von Arschgeweih-Tattoos oder Bionadetrinkern teilt. Die haben es allerdings nicht auf eine stolze Masse von 50 Millionen gebracht, wie die Käufer des iPhones.
»Die Marke gilt als jung, wild und dynamisch.«, heisst es dazu im Finanz-Magazin Capital. Die kathedral-lichtdurchfluteten Apple-Stores schreien es in die Einkaufszonen heraus: Hier wird nicht nur eine Ware verkauft, die in China zu Hungerlöhnen produziert wird, hier treten sie ein in den Designtempel des neuen Zeitalters! Immerhin: Der fallende Riese Microsoft gehört zurecht gestoßen und im Vergleich zu den Konkurrenzprodukten wissen die Apple-Waren dem Auge durchaus zu schmeicheln. Dass die Schönheit der Form aber schon Zweck und Inhalt edelt, darf man bezweifeln.
Schon vor dem iPhone war die Richtung angezeigt: Die Hölle, das sind die anderen online. Schau, ich bin begehrenswert und sinnlich! Schau, ich bin sexy! Schau, ich bin kreativ und lustig! Schau, ich bin intellektuell und kritisch! Ich bin anders! Schau, wie ich an exotischen Plätzen Spass habe! Die Fotos der Myspace und Facebook-Profile senden deutliche Messages an die Friends. Das an Werbung geschulte Auge weiss wie es dreinzublicken hat und welche Inszenierungen wichtig sind, um die eigene Person gewinnbringend zu verkaufen und die Anzahl der Freunde zu mehren. Um für marktwertsteigernde Differenz zu sorgen, wollen alle Kaufentscheidungen in Sachen Musik und Film, jeder gewitzte Geistesblitz gepostet sein, Geschmack muss bewiesen werden, nicht in Vergessenheit geraten! Wer sich dann nur genug Zeit zur Pflege der zur Schau getragenen Identität nimmt, darf zur Belohnung auch völlig in ihr aufgehen, muss über den gesteckten Rahmen seines Bildes nicht mehr hinausmalen, ist ihm angeglichen. Einer ungeschriebenen Regel nach darf das Niveau der Mitteilungen das von SMS nicht überschreiten, häufig reicht es aber auch nicht mehr zu mehr. Zeit ist schliesslich rar, besonders wenn die Geräte während der Arbeit oder während des Gesprächs mit offline-Freunden nebenherlaufen (wobei den prekären Vorreitern im Kreativ-Sektor die Grenze Arbeit/Freizeit ohnehin stetig schwindet). Ausschalten heisst erlöschen. Ob für den Arbeitsmarkt oder gleich in der Selbstwahrnehmung – das entscheiden Sie, lieber Kunde, natürlich selbst. Menge und Format verspeisen den Inhalt, der wieder zur Werbung wird. Auf die digitale Kutte passen viel mehr Aufnäher als die Lederjacke im Schrank jemals halten konnte.
Wem es beim pflichtbewussten Schenken zu anstrengend geworden ist, auf den anderen als besondere Person einzugehen, der kann bequem auf ein breites Angebot an standardisierten Geschenkartikeln zurückgreifen. Wer schon nichts mehr zu schreiben weiss, der postet einfach vorgefertigte Fragebögen, Smileys oder kurze Clips, nach den Attributen frech, provokant, lustig, süss, etc. Seltsam, dass es noch keinen Service gibt, der die Kontakte zu den online-Friends und die Pflege der virtuellen Identität professionell durch dauerhaftes Posten pflegt. Dazu bräuchte es nicht einmal den berühmten Computer-Inder. Ein Programm, das unter das beliebig austauschbare Geschwätz den richtigen Namen setzt, würde den Job gut genug erledigen. Wichtig ist für beide Seiten schliesslich die schnelle Befriedigung durch ein möglichst hohes Quantum einprasselnder Reize. You have a message! »Alle Menschen fallen in den Zustand der Schlauheit zurück. Schlauheit ist dem Tier näher als Einsicht. Das Tier ist klug. Im Rascheln des Laubs fühlt es nicht den Herbst und die Vergänglichkeit, sondern den herannahenden Feind.«, schreibt Horkheimer 1957 über Small Talk.1
Der moderne Protesengott giert nach immer neuen Fetischobjekten, die er dann als grandiose Erweiterung seiner Selbst und seiner Potentiale erlebt. Gleichzeitig beschneidet er seine Möglichkeiten, Erfahrungen mit der Welt und Anderen zu machen immer mehr, zwängt seine Sinne weiter in die vom Tool vorgegebenen Bahnen. Wo die Touristen früher in ihre voluminösen Stadtkarten starrten, um schnell zu den vorgeschriebenen Sehenswürdigkeiten zu kommen ohne dabei mit Unerwartetem aufgehalten zu werden, leitet heute bequem das GPS den sicheren Weg. Sich in einer Umgebung zu verlieren, Flanieren, Lustwandeln – so veraltet wie die Begriffe ist auch die Fähigkeit, dies nicht als Bedrohung, langweilig oder anstrengend zu erleben. Sei effizient! Sei schnell! Sei zweckmässig! Nach 5 Metern bitte links abbiegen! Halte dich nicht auf! Stosse dich nicht an den Dingen! Geh nicht verloren, mein Junge! Weiche nicht ab!
Dass an jedem Handy eine Linse zum Fotografieren angebracht ist, mag man für eine begrüssensswerte Demokratisierung der Bilderproduktion halten. Der zähe Dia-Abend mitsamt verwackelter Urlaubsfotos tritt in neuem Gewand zurück auf die öffentliche Bühne – Applaus ist ihm sicher. Kaum noch ein Konzert, das nicht von den Fans in der ersten Reihe verzückt durch die Linse der hochgehaltenen Camera »erlebt« wird. Kaum noch ein Augenblick kann genossen werden, wenn er nicht schnell ins geschossene Bild gebannt wird. Die direkte Erfahrung weicht einer imaginierten Vorlust, von den Anderen, die später daran teilhaben werden, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten. Auch hier darf China als Vorreiter glänzen: In den wenigen Tagen, die den chinesischen Arbeitnehmern im Jahr noch als Urlaub zustehen, muss so viel Freizeit und Spass wie möglich abgeleistet werden, damit die Batterie sich wieder füllt und die Zeit nicht ineffizient verschwendet ist. Dabei am wichtigsten: Die Hetzte von einer Attraktion zur Nächsten muss in möglichst vielen Schnappschüssen festgehalten und dokumentiert werden. Das ganze Ornament von wegen Farbstimmung, Bildausschnitt, Ästhetik hat man längst hinter sich gelassen, wichtig ist der nackte Fakt: Ich war da, ich hatte Urlaub, ich hatte Spass, ich war glücklich! Wenn die anderen, die später mit den Beweisfotos malträtiert werden, die Botschaft nur schlucken, vielleicht kann ich es ja irgendwann selber glauben. Der nostalgisch verklärte Rückblick wird mir in ein paar Jahren das Herz wärmen, das waren noch Zeiten! Wie heisst gleich nochmal dieses tolle Retro-App, wo die iPhone-Fotos so nach oldschool-analog mit verwaschenen Farben aussehen?
PS: Für das Verfassen dieses Textes hat der Autor (leider) kein kostenloses Rezensionsexemplar irgendeines neuen Apple-Geräts erhalten.
Interview mit Radio Corax zu diesem Artikel.
Anmerkungen
- Freilich liesse sich das Horkheimer-Zitat auch prächtig auf meinen Text anwenden. Mit lärmendem Ausdruck mehr Ruhe gegen das Anschwellen der Identitästhupen einzuforden – ist das schon Identifikation mit dem Angreifer?(↩)




K
29.06.2010
»Für das Verfassen dieses Textes hat der Autor (leider) kein kostenloses Rezensionsexemplar irgendeines neuen Apple-Geräts erhalten.«
Offensichtlich nicht. Der Text trifft zwar Manches, aber das hat fast alles nichts mit speziell Apple zu tun. Davon abgesehen bist Du einfach nur ein Hater, der sich in Wirklichkeit schlicht z.B. das iPad nicht leisten kann.