Von Philipp Larmhut
Zu Besuch bei Christen.
Bisher dachte ich, das Christentum sei in Deutschland gemeinhin passé. Spätestens der Nationalsozialismus hätte der Religion den Garaus gemacht, indem er sie nicht überwunden, sondern anstelle der heiligen Dreifaltigkeit den Führer, anstelle des Kreuzes jenes mit Haken und anstelle Jesu Martyriums die Parole »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« gesetzt habe. Als ich letzte Woche las, eine neue repräsentative Umfrage habe ergeben, dass über die Hälfte der deutschen Jugendlichen sich als »gläubig« bezeichnet, war ich etwas verdutzt. Andererseits: was heißt schon gläubig? Die einen glauben an den Lattenjupp, die anderen an Allah den Schrecklichen und seinen allerdurchlauchtigsten Propheten, den Massenmörder Mohammed, und die dritten glauben vielleicht an die Kraft von Steinen.
Der Weltjugendtag in Köln jedenfalls versammelte erstere Sorte in Massen und konzentriert in einer gar nicht mal so großen Stadt. Schon eine Woche vor dem Mega-Event waren die U-Bahnen voll von Pilgern. Diese waren leicht als solche identifizierbar, weil sie allesamt jene feschen, blauen Rucksäcke trugen, die der Plus-Supermarkt gesponsort hatte. Der Rucksack war eine Art Weltjugendtags-Survival-Package und enthielt u.a. ein Gesang‑ und Gebetsbuch, eine Wasserflasche, einen Stadtplan und einen Werbeprospekt vom Saturn, bei dem man günstig Papst-Benedikt-CD‘s sowie die offizielle Weltjugendtags-Maxi-Lichtspielscheibe erwerben konnte. Offensichtlich liess sich ein solches Großereignis nicht allein aus der Kirchensteuer finanzieren und an Jesu Vertreibung der Händler aus dem Tempel möchte heutzutage wohl auch niemand mehr so recht erinnert werden: der Weltjugendtag war ein ausgebufftes, durchkalkuliertes Kapitalunternehmen.
Für den Standort Köln war das super: nicht nur die Bedarfsartikel für die Gottesdienste wie Gewänder, Kerzen und Hostiengefässe wurden hier eigens in Massenauflage produziert, sondern auch Dixi-Klos, Rollstühle und Weltjugendtags-Kleidung benötigt. Darüber hinaus hatten am Samstag abend die Geschäfte bis 22 Uhr geöffnet (einige Supermärkte gar bis 2 Uhr) und auch am heiligen Sonntag war genügend Zeit, der Warenmetamorphose kräftig auf die Sprünge zu helfen. Bürgermeister Schramma (CDU) sagte im Namen seiner Bürger danke. Glücklicherweise haben ja Christen (zumal katholische) gegenüber Moslems den Vorteil, dass sie sich nicht grundsätzlich vor dem Alkohol ängstigen. Schon die mittelalterlichen Mönche schütteten sich bisweilen ordentlich einen hinter die Binde (durchschnittlich etwa fünf bis acht Liter täglich, so schätzt man heute) und so wurde auch der Kölsch-Umsatz in die Höhe getrieben – wenn er auch deutlich hinter den Karnevals-Rekorden zurückblieb.
Auf einem anderen Gebiet der Laster sah es demgegenüber verkniffener aus: während noch auf dem Weltjugendtag in Toronto plötzlich die Vorräte der »Pille danach« aufgebraucht waren, verbot Kardinal Meissner (ein autoritärer Knochen der seinesgleichen sucht), Kondome an die Pilger auszuteilen und Sexualaufklärung anzubieten. Man müsse die Jugendlichen ja nicht noch zu unzüchtigem Verhalten anstiften, vermeinte er. Ob‘s was geholfen hat, kann ich leider aus der Entfernung nicht beurteilen, obwohl ich in heldenhaftem Mut versuchte, extra für Beatpunk inkognito in ein Christenlager einzudringen und mich schlafend zu stellen, um besser beobachten zu können – leider scheiterte ich am schlechten Gewissen, welches der Herrgottvater eiligst in meinen Körper introjizierte: verflixte Seele. Trotzdem kann ich auch einen Erfolg bei meinen Nachforschungen verbuchen. Eine repräsentative Umfrage (5 Mädchen, 3 Jungen), durchgeführt von mir, ergab, dass die Mehrheit der Jungchristen Homosexualität gar nicht unbedingt schlimm findet. Nein, sie sind vielmehr der Ansicht, diese Krankheit sei leicht heilbar, wenn die Patienten sich auf ihr Gottvertrauen verließen. Die Kirche würde diesen armen, bemitleidenswerten Geschöpfen ihre Sexualität erfolgreich helfen zu unterdrücken. Das ist doch wohl ein Angebot, oder?
Da Beatpunk ja in erster Linie ein Forum für unabhängige Musik ist, sollen auch die musikalischen Ergüsse angesprochen werden: Christenrock ist so scheiße wie Christen-Harfenmusik und Christenschlager. Ohne den »evil spirit« ist es einfach nichts. Hinzu kommt die üble Zensurpolitik, welche die Verantwortlichen der Stadt Köln in konspirativer Zusammenarbeit mit dem Punker-Untergrund betrieben haben. Das »Bad Religion«-Konzert in der Live Music Hall wurde auf den Kulturseiten der Stadt nicht erwähnt (obwohl alle anderen Live Music Hall-Konzerte aufgeführt waren) und der Tsunami-Club, sonst bekannt für Punk-Konzerte aller Art, veranstaltete extra zum Weltjugendtag eine Sause mit den bekloppten »Jesus Skins« (»Wir bringen Bibeln und Bier«, »Unser Kreuz braucht keine Haken«, s.o.). Eine Oi!-Messe der Extraklasse also.
Am Freitag ließ sich der Ratzepapst hernieder und besuchte die Kölner Synagoge – der erste offizielle Besuch eines Papstes in einem jüdischen Betshaus auf deutschem Boden, denn zuvor hatte lediglich Pace-Heros Johannes Paul the Second die Synagoge in Rom besucht. Es wurde allerorten als »historisches Ereignis« gefeiert und als Zeichen der Toleranz und Versöhnung angepriesen. Überhaupt schwatzte Benedikt überraschend viel von »Versöhnung« – als wäre es nicht an den Nachfahren der Opfer christlicher Missionierungs‑ Inquisitions‑ und Kreuzzugspolitik darüber zu entscheiden, ob sie Versöhnung geben können oder nicht. Ein weiterer Schlüsselbegriff des meetings in der Synagoge war der »Frieden«. Dabei fiel auf, dass in Rabbi Teitelbaums Rede der Begriff sich (zumindest auch) auf den islamistischen Terror bezog, während Ratzi weiterhin, wie sein Vorgänger auch schon, ganz allgemein den Krieg geißelte und deshalb ja in der Vergangenheit bereit war, den Krieg gegen Israel, der von Hamas und Co. geführt wird, nicht verurteilen zu wollen.
Trotzdem war Ratzis Rede (»Predigt« kann man das wohl nicht nennen) nicht so schlimm, wie von den meisten erwartet, die immerzu einen »Hardliner« in ihm sehen (was nebenbei bemerkt nicht unbedingt und in jedem Bereich zutrifft: z.B. in Bezug auf die Anerkennung der Evolutionstheorie). Wer nun schlimmer ist, die Kirchenaristokratie oder seine Anhänger, vermag ich nicht zu sagen: die einen wie die anderen haben einen Spleen. Gestört haben mich als sorglosen Kölner Einwohner jedenfalls eher die jugendlichen Eiferer, denn die machen viel Lärm (um nichts), sagen ständig Worte wie »fesch«, »knorke«, »töfte« etc., sind hässlich gekleidet (Halstücher!), tragen gerne Pace-Fahnen und sind sowieso gaaanz politisch, stehen voll im Leben und sind kein bißchen weltfremd. Im Gegenteil: diese Brut ist voll auf Höhe der Zeit: Deutschland braucht Kinder! Zurück zur Familie (dann spart man die ganzen weiblichen Arbeitslosenquoten-Drücker)! Homosexuelle sind anders, also weg damit! Für mehr Spiritualität, d.h. Vernunft auf den Scheiterhaufen! Israel begeht Völkermord! Die USA sind Kriegstreiber! Europa ist eine Friedensmacht und agiert somit im Dienste des Herrn! We need a new Fuhrer, den wir anbeten können (egal, ob der sich eignet oder nicht. Darauf kam es den Massen noch nie an)!
Erholsam jedenfalls war das verlängerte Wochenende nicht. Ich bin wirklich froh, dass der nächste Weltjugendtag komplett auf der anderen Seite des Globus, in Sydney nämlich, stattfindet. Ich muss mich jetzt erst mal von dem ganzen unfreiwilligen und aufgezwungenen Stress erholen.
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