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Deutscher Pop – schwere Sprache

Das neurechte Magazin »Sezession« macht sich auf ihrer Heimatseite Gedanken über Popkultur und hat sich dabei auch die von uns mitinitiierte Kampagne »I Can‘t Relax In Deutschland« angeschaut.

Deutsche Sprache ist wie deutscher Pop: schwer. Beide können sich gegenwärtig vor Liebhabern kaum retten. Dabei ist doch selbstverständlich: es gibt Worte, die klingen einfach schön. »Milch« beispielsweise. Vielleicht auch »Rumpelstilzchen« oder »Ausbaldowern«; und was wären schließlich die scharfsinnigsten Texte der kritischsten Köpfe ohne feingegliederten Satzbau und sprachliche Finesse? Gleiches gilt für deutschsprachige Popmusik: manche Platte trifft nicht nur die angenehmen Töne und Zwischenstufen, sondern auch noch den längst vergessen geglaubten Nerv eines kritischen Geistes: wie etwa das aktuelle Album von Tocotronic.

Andererseits: gibt es Popmusik und Überbetonungen deutscher Sprache, die sich weniger schön anhören. Sie stimmen nicht nur im Klang negativ nach, sind und bleiben ohne jede Ästhetik, wesen als sinn‑ und verstandslose Slogans vor sich hin – wie es Mia. einst taten, es Nena neuerdings tut und es eine Kampagne des Auswärtigen Amtes fortführt, die sich um die Sexyness der deutschen Sprache Sorgen macht. Weltoffene Musiker, die ihre abstrakte Liebe zum gemeinsamen Sprachraum in Songs wie »Made in Germany« zum Ausdruck bringen, Modemacher, die unter explizitem Verweis auf Deutschland ihr Label »German Garment« nennen oder nur allzu überhebliche Standort-Apologeten im Auswärtigen Amt sollten bei allen Unterschieden, die den genannten Beispielen innewohnen kurzum zumindest als das bezeichnet werden, was sie sind: zeitgemäße Spießer, die im kulturellen Mief ihrer ideologischen Versatzstücke dahindümpeln und statt Gartenzwergen und Bierbank-Schunkeln plötzlich Pop im Sinne haben.

Im Gegensatz dazu und doch in molliger Nähe stehen die Autoren der Zeitschrift »Sezession«, die sich für besonders einfallsreiche, widerborstige, gebildete, konservative Schnösel halten. Sie gehören zu einem besonders unangenehmen Schlag von Zeitgenossen, weil sie, im Unterschied zu Nena und anderen Pop-Patrioten – käme es darauf an – ganz sicher völkische Herrenmenschen sein wollen und demnach gefährlicher sind als der Rest der zwar bornierten, deutschtümelnden, aber ganz und gar unvölkischen Chause der Popnationalisten.

Die Betreiber jener verquerten Zeitschrift »Sezession«, Burschenschaftler, Rechtskonservative und völkische Freaks die unter dem poppigen Motto »Right is right and left is wrong« ihr Heft und ihre Heimatseite betreiben, sind jedenfalls neulich während einer ihrer szeneinternen Diskussionen auf das von uns mitinitiierte Projekt »I can‘t relax in Deutschland« gestossen und mussten alsbald dem Tenor der Initiative zustimmen, der besagte, dass Popkultur in Deutschland zu einem nicht unbeträchtlichem Maße patriotisch agitiert. Die Protagonisten der »Sezession« wenden nun die besagte Erkenntnis zu ihren Gunsten: in nachdenklich-melancholischen Tönen und mit Freudschen Begrifflichkeiten (Vorbewusstsein) wird vorgeschlagen, dass jener Deutsch-Pop, den unsere Initiative kritisierte, als politisches Modell im Sinne von »Volk« und »Vaterland« verwendet werden könne.

Statt furchtbarem Schlagerkitsch und primitiven Nazi-Rock will die selbsternannte Rechtselite der »Sezession« nun also Abstriche machen und den Pop ins Rennen im Kampf um die Köpfe schicken: es wird dabei unter anderem an den großmäuligen Patrioten-Rap von Dissziplin oder De3x gedacht, deren Wirkung man nicht unterschätzen solle: »Sie bringen Begriffe wie ’Volk’ und ’Vaterland’ einer breiten Masse an Jugendlichen zurück ins Vorbewusstsein. Unter diesem Gesichtspunkt sehe ich auch patriotische bzw. in irgendeiner Weise konservative Filme. Natürlich sind diese Produktionen keine Kunst. Man darf sich jedoch keine Illusionen machen: In breite Schichten des Volkes transportiert man über Liebesschnulzen, Actiongeballer oder Sprechgesang den Inhalt – und nicht über ein Lyrikbändchen« meint ein Autor der »Sezession« und legt damit jene Argumentation vor, die für viele jüngere Nazis, die sich sub‑ und jugendkulturell artikulieren, bereits seit Jahren en vogue ist: waren es doch die Autonomen Nationalisten, die erfolgreich linke Codes und Symboliken für sich beanspruchten und umcodierten, die Punkrock (wohlgemerkt antiamerikanischen) oder Hip Hop (wohlgemerkt patriotischen) hörten und neben den komischerweise als diffus links besetzten Klamotten-Labels sicherlich auch den ein oder anderen Pulli von Red Stuff im Kleiderschrank liegen haben, weil man als postmoderner Popper-Nazi mittlerweile auch manch linke Klassenkampf-Parole unterschreiben kann.

Finstere Zeiten also – so oder so: Mit dem Pop ist nichts mehr anzufangen, wenn sogar Lyrikbändchen-Faschisten und Hochkultur-Rechte diesen für sich beanspruchen. Er scheint trotz aller positiver Seiten zumindest fürs Erste nicht mehr zu retten zu sein in einer Zeit, in der sich altbewährte Interventionsmuster und linke Verlässlichkeiten im luftleeren Raum verlieren. Das musste die Poplinke in den 1990er-Jahren merken, als das Konzept, mit popkulturellen Angeboten Nachwuchs zu rekrutieren und die Verhältnisse wegzutanzen, in die Hose ging, das merkte die Antifa als sie erkennen musste, dass die Form zwar wichtig, aber nicht den Inhalt übertrumpfen sollte – und das bekamen wir mit »I can’t relax in Deutschland« zu spüren, als wir merken mussten, dass der Teil der Popkonsumenten, der für einen universellen, kosmopolitischen Popbegriff jenseits jeglicher nationaler Zwangskostümierung gewonnen werden sollte, uninteressiert und mißgünstig blieb.

Dass nun ausgemachte Amerikafeinde und deutschnationale Burschenschaftler gerade wegen der von uns mitinitiierten Initiative auf den Schmiß gekommen sind und nun von Hollywood und vermaledeiter Popkultur lernen wollen, zeigt gleichwohl, dass »I can’t relax in Deutschland«, dennoch mit ihrer artikulierten Kritik an deutscher Vergesellschaftung am Beispiel der Popkultur bis heute recht behalten hat. Im Vorwort zum Buch heißt es: »In gleichem Maße, in dem Pop den existenten Nationalismus abbildet, bringt er ihn zugleich von Neuem hervor.« Geschichte wiederholt sich manchmal eben doch.

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