ACZ, Aufstand Ost, Crass, Heldengeschichten, Kulturindustrie, Punk, Subkultur
Von Brigate
»im krieg gewinnt der tod/im leben die verzweiflung/hier gewinnt niemand/und wo gewinnst du?«
Eine Hommage an ACZs »Aufstand Ost«
Aus der gegenwärtig herrschenden Perspektive erscheinen die späten 70er und frühen 80er Jahre als das »goldene Zeitalter« des Punk. Aber warum ist das so? Ob nun musikalisch, modisch, lebensweltlich – hier bildet sich anscheinend mit wenigen Abstrichen bereits der Stil heraus, an dem sich für die folgenden 30 Jahre Generationen von vor allem Jugendlichen und jungen Erwachsenen getreulich abgearbeitet haben. Sei es, um dazuzugehören, sei es, um sich abzugrenzen, sei es, um sich die Furchtlosigkeit vor dieser Gesellschaft zu suggerieren, in dem sie die Symbole des gefürchteten Lebenszusammenhangs als Trophäen trugen.
Wie heute vermutlich nicht mehr viele wissen, war zum Beispiel die Verwendung des Totenschädel-Symbols noch bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein machistischen Rockerbanden und faschistischen Kameraden vorbehalten – stark wog die Assoziation mit SS-Mann, Freikorpsler, preussischem Husaren und ebenso stark schien in dieser »guten, alten Zeit« der Symbolsprache, die mit der klassischen Moderne assoziiert wird, die gesellschaftliche Übereinkunft: der Faschist trägt Runenschrift, Hakenkreuz, Blitz und eben auch Totenschädel. Er bringt damit zum Ausdruck, dass ihm weder das eigene Leben, noch das des Feindes der Schonung wert ist. Demgegenüber trägt der Christ ein Kreuz, und den roten Stern tragen jene, die von der welthistorischen Mission des Proletariats für den Aufbau des Kommunismus überzeugt sind.
Heute ist das bekanntlich anders. Ein Kreuz darf tragen, wem gelegentlich der wohlige Schauer der Friedhofsromantik lieb ist (freilich: früher waren solche Leute ohnehin meist Christen), einen roten Stern darf eigentlich jeder tragen (was aber nicht der Fall ist) und den Totenschädel tragen im Jahr 2007 alle, mit löblicher Ausnahme jener wenigen, die aufmerksam genug sind, um bei der Auswahl ihrer Garderobe darauf zu achten, dass auf den Kleidungsstücken sich nicht doch irgendwo einer eingeschlichen hat.
Unmittelbar schuld daran sind, davon kann man sich in der BRAVO überzeugen: Punk-Mode und Piratenlook, maßgeblich befördert durch die strunzdämliche Filmreihe »Fluch der Karibik«. Natürlich sei damit nicht behauptet, dass die »gute alte« Symbolwelt wirklich genau so gegeben hätte oder dass es ohne weiteres möglich und gut wäre, in irgendeiner Weise zu ihr zurückzukehren.
Anschaulich zeigte beispielsweise Robert Kurz in seinem »Schwarzbuch Kapitalismus« auf, wie viele Begriffe der reaktionären Massenbewegungen der Moderne, bis hin zum Nationalsozialismus selbst, im geistigen Milieu des Liberalismus und eines arbeitsfetischistisch »verhausschweinten« Sozialismus gebildet wurden. Eine ähnliche Verrücktheit stellt die Hakenkreuzfahne als eine deutsch-völkische Adaption der roten Fahne der Arbeiterbewegung dar. Das Gejammer heutiger Linker über den Symbolklau der Neonazi-Banden, der sich überdies im wesentlichen auf nicht gerade inhaltlich überbordend zu nennende Parolen im jeweils angesagten Layout und das Tragen von dunklen Baseball-Kappen und hässlichen Sonnenbrillen kapriziert, erinnert einmal mehr an Marx bekanntes Diktum aus dem »18. Brumaire«: »Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine mal als Tragödie, das andere mal als Farce.«)
Aber ist diese mehr oder weniger ausgeprägt anzutreffende Vorstellung eines Zeitalters der Klassik auch richtig, d.h. einerseits auf die Ereignisse zutreffend, vor allem aber auch eines denkenden Menschen würdig?
An der Wertschätzung (übrigens auch im buchstäblichen Sinn) die allgemein dem Output der frühen Tage entgegengebracht wird, kann jedenfalls keinen Zweifel mehr hegen, wer die nach Jahreszahlen sortierten Einträge von MP3-Blogs wie »Killed By Death« oder »7inchpunk« einmal als Statistik liest; wer die Preisentwicklung alter Punk‑ oder Hardcore-Platten bei ebay oder die zahllosen Band-Reunions und Dokumentationen, Neuauflagen und Retrowellen verfolgt.
Dass das auch eine amüsante Seite hat, konnte ich selbst zuletzt auf einem Ausflug nach Antwerpen in Erfahrung bringen, doch darüber hat Dennis ja bereits geschrieben und darum soll es hier auch gar nicht gehen. Interessanter erscheint es mir, auf den schauerlichen Konservatismus hinzuweisen, der in dieser Bewegung »ad fontes« – »zurück zu den Quellen« – mitschwingt. Beständig generiert der subkulturelle Betrieb die Vorstellung, jene sei die authentische Produktion, die sich am dichtesten um den musikhistorisch bestimmten Zeitraum der Entstehung eines bestimmten Genres gruppiert. Der »spirit« einer jugendkulturell codierten Musik – von dem ich ohnehin stark bezweifele, dass es ihn überhaupt in der Form gibt, wie ihn die der jeweiligen Kultur sich Zuordnenden vorstellen – wurde unter den Bedingungen der massenproduzierten Musik zum ersten Verkaufsargument. Dies umso mehr, da die kulturindustrielle Standardisierung der Musik auf eine zunehmende Ununterscheidbarkeit der Produkte der jeweiligen Segmente hinausläuft. Stimmung, Instrumentierung, Akkordfolgen, Liedaufbau und Länge, Covergestaltung, Darbietungsrahmen und nicht zuletzt Distributionsform müssen ja zum Zweck der Identifizierbarkeit vereinheitlicht werden. Wer kennt nicht die Enttäuschung, wenn ein Cover nicht hält was es verspricht und statt obskurem Punk handfester Rock aus dem Lautsprecher gähnt?
Die dem sich vornehmlich aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen rekrutierenden Produktions‑ und Konsumptionskomplex entsprechende Tendenz einer ansatzweisen Überwindung der Trennung von Zuschauer/in und Künstler/in wäre gleichbedeutend mit einer punktuellen Überwindung der bürgerlichen Kultur mit ihrem Genie‑ bzw. Starkult gewesen, hätte sie eine wirkliche, i.e. eine Überwindung der Produktion von warenförmigen Tonaufnahmen als eine Überwindung der Möglichkeit einer raumzeitlichen Trennung des Musizierens des Musik-Anhörens bedeutet. Die Aporie der Punk-Musik besteht nun womöglich darin, dass ein solches Ende der Musikkultur – Kultur verstanden als eine Ansammlung von Verknöcherungen in Form assoziativ belegter Bilder, Tonfolgen etc. – unter den Bedingungen der Massengesellschaft nicht möglich ist, denn man kann die Warenform ja nicht einfach wegdenken.
Warum soll dies die Aporie ausgerechnet der Punk-Musik sein? Weil »Punk«, so man den bereits vermarktungsschlau entwickelten Begriff für ein bestimmtes Bündel kultureller Phänomene ab der Mitte der 70er Jahre akzeptiert, zu diesem Zeitpunkt unter anderem meint, das ebenso klang‑ und zeichenhafte wie verblödende System der rebellischen Jugendkultur als integralen Bestandteil der kapitalistischen Misere zur Implosion zu bringen: die Punkmode stellt ein einziges Sammelsurium von Verweisen dar. Die Lederjacken der Rocker, die Kreppsohlen der Teds, Uniformen und sexuelle Fetischgegenstände aus den »forbidden zones« der bürgerlichen Rationalität finden sich ebenso, wie das Jackett und der Schlips des Spießbürgers, zu einem schillernden Ensemble von Erbeutetem zusammengewürfelt, wie man es klischeehaft mit den native americans des späten 19. Jahrhunderts assoziieren darf – die lieferten der Szene in Gestalt des »Iro« ja auch den bekanntesten frisurentechnischen Impuls. In ihrem tribalistisch angehauchten Eklektizismus dürften die »Punks« übrigens mehr mit den verhassten »Hippies« gemeinsam gehabt haben, als ihnen lieb gewesen sein dürfte. Die entsprechende Musik, der »Punk Rock«, formulierte blasphemische Hymnen des Dilettantismus, der Gemeinheit, der Langeweile und der Frustration und die Musiker/innen – jede/r konnte das nun sein wenn er/sie bloß Lust hatte – ernteten ihren Applaus nicht selten in Form von Bierdosen oder Spucke. Doch wie lang sollte diese unglaubliche Mixtur vollendeter Negativität und kreativer Energie innerhalb einer auf Verwertung zielenden Gesellschaft bestehen? 1977 erschien mit »Damned Damned Damned« die erste LP des englischen Punk (dessen Abgrenzung von älteren nordamerikanischen Phänomenen wie der Garage-Musik der 60er wohl vor allem über den sozialen Resonanzraum gerechtfertigt erscheint. Dies meint insbesondere die in England deutlich geläufigere kulturelle Reflexion auf ein proletarisches Klassenbewusstsein und der damit stärker implizierte Charakter der Musik als auf das Engagement in einem im eigenen Leben präsenten sozialen Kampf drängender Protestsong). Die marktwirtschaftliche Urbarmachung des Punk begann, das sahen auch einige Protagonist/innen der Szene, als er »auf den Begriff gebracht« war. Mit der Identifikation der Summe der Phänomene als einer neuen »Kultur« war der Grundstein zu ihrer Kommodifikation gelegt.
Darum ist die Parole »Punk is dead« auch irreführend. Die Band Crass, eine der wohl spannendsten und einflussreichsten Punkbands, formulierte dies 1978 in einem Song auf ihrer ersten Platte »The Feeding Of The 5000«. Die in existenzialistisches schwarz gehüllten Anarchopazifisten ließen der Wut freien Lauf; auf die Kommerzialisierung und inhaltliche Beliebigkeit einer Szene, die lediglich einen neuen blöden Trend kreiert hatte, anstatt auch nur einen Gedanken zuviel darauf zu verschwenden, dass man außer musikalischem Könnertum und teuren Klamotten auch den gesellschaftlichen Verhältnissen mit einer negativen Grundhaltung auf die Pelle rücken könnte. Crass hatten für den Marxismus (aus teilweise nachvolliehbaren Gründen) nicht allzu viel übrig und so entging ihnen das ideologisch-identitäre Moment ihres eigenen Tuns. Die trotz des frühen Ablebens des vermeintlichen »Punkideals« in den Jahren darauf veröffentlichten Releases von Crass und anderen Bands auf den »hauseigenen« Labels Crass Records und Corpus Christi zeichneten sich nicht nur durch eine, aus freundlicher Perspektive überaffirmativ zu nennende, Einheitlichkeit in Gestaltung und Inhalt aus, sondern sind vor allem ein Meilenstein in der Entstehung der subkulturell verbreiteten ökonomischen Praxis des »do it yourself« (diy). Diese hat zwar zweifellos einige Vorzüge wie Erschwinglichkeit und Demokratisierung, trägt aber zu schwer an ihrem eigenen Mythos: wer fabriziert schon selbst Tonbänder, Instrumente, Verstärker, Vinyl, CDRs und Papier zum verpacken? Es ist wohl eine Ironie der diy-Geschichte, dass Crass Records ins Leben gerufen wurde, nachdem sich katholische Arbeiter eines Plattenpresswerkes auf Grund des blasphemischen Inhaltes weigerten, das erste, »Reality Asylum« betitelte Stück der zunächst auf Small Wonder erschienen »Feeding…«-LP zu pressen. Dank der katholischen Arbeiter beginnt die Erstpressung der »Feeding Of The 5000« daher mit einer Minute stille. Überflüssig zu erwähnen, dass sie heute ein Sammelobjekt ist.
Die Identifikation von »Punk« und die beginnende Verknöcherung des so Identifizierten fallen in der Praxis in eins, »Punk« ist insofern weder tot im Sinne von etwas nicht Existentem, noch lebendig im Sinne von etwas sich aktiv Veränderndem, sondern bezeichnet einen Prozess der Stilllegung durch Begriffsbildung. Trotz aller Kritik am Punk-Begriff besteht meines Dafürhaltens jedoch bislang nicht die Notwendigkeit, sich von dem damit diffus assoziierten Laboratorium ästhetischer Subversion abzuwenden. Denn das Problem besteht nur in zweiter Ordnung in den jeweiligen mehr oder minder spannenden Produkten selbst, sondern in erster Linie darin, dass viele Rezipient/innen sie aus der Perspektive eines Denkens »in Klassikern« erschließen – »muss man kennen«, »klingt wie XY in der Z-Phase«, usw.
In der Realität der Kulturindustrie sind diese beiden Ordnungen, das Produkt und der Diskurs über es, nicht zu trennen, da das gesellschaftlich vermittelte Wissen über die Konventionen dem künstlerischen Ausdruck immer einen Schritt voraus ist. Bevor der/die Punker/in bewusst Punk-Musik spielt, weiß er/sie, dass es Punk-Musik gibt und welchen Formgesetzen er/sie Folge zu leisten hat, damit die Musik als Punk-Musik identifiziert werden kann: Länge des Stückes, Zahl der Akkorde, Rhythmik, Themen, usw.
Und weil das so ist, überrascht es nicht, wenn manche der erinnerungswürdigsten Produkte gerade dort entstehen, wo die Anhänger/innen einer Klassik-Ideologie zuletzt auf die Idee kämen nachzusehen, sozusagen in den raumzeitlichen Peripherien der Szene, dass heißt für »Punk« gegenwärtig: irgendwann Mitte der 90er Jahre, die kaum mehr zu bieten haben, als wohlige Erinnerungen an die Chaostage in Hannover (die ich damals leider nur mit großen Augen am Fernseher verfolgen konnte).
Aber sonst? Der Zusammenbruch des Ostblocks hat für Punk wahrscheinlich mehr als nur das Wegfallen des zentralen lyrischen Motivs der 80er gekostet, das Eingeklemmtsein zwischen »westlicher« Markt-Pest und »östlicher« Staats-Cholera und der Perspektive eines Atomkriegs. Das Ende der Systemkonkurrenz bedeutete nicht nur den bedauerlichen Erfolg der, in diesem Denkbild auch in den 80ern zumindest subtextuell vorhandenen, europatümelnden oder nationalistischen Mobilisierung quer durch alle kulturellen und politischen Sphären.
Diese »Re-Ethnifizierung« im Zeitalter nach dem vermeintlichen »Ende der Geschichte« war Ausdruck einer, sich verschärfenden, kapitalistischen Krise, deren Auswirkungen auch an der Lebenswelt der Punk-Szene nicht spurlos vorübergingen. Sozial spiegelt sich das in den zunehmend bedrohten Freiräumen und sozialen Projekten, der autoritär-disziplinierenden »Säuberung« des öffentlichen städtischen Raums im kapitalistischen Interesse und der Verschärfung der Schikane gegen Leute, die das Arbeiten vernünftigerweise vermeiden und ihr Leben daher durch Arbeitslosen‑ oder Sozialhilfe reproduzieren mussten. Kulturell spiegelt sich das im entstehen einer sich zunehmend aus dem sich scheinbar anachronisierenden Punk-Kontext lösenden eigenständigen Hardcore-Szene, deren von Beginn an äußerst fragwürdiges Härtekult-Empowerment als Massenkonzept (bis heute) seinen Beitrag zur allgemeinen Misere leistet. »Punk« scheint darauf keine guten Antworten zu haben. Während Bands wie EA80 oder Dackelblut ein musikalisches Dinosauriertum pflegen, dessen Schockwert eher auf dem Niveau des britischen Pub-Rock der 70er rangiert verabschieden sich die Goldenen Zitronen vom Fun-Punk der frühen Jahre und entdecken das Collagenhaft-Schräge für sich und überlassen das Feld einem Heer von Bands, die in meiner Erinnerung vor allem mit dem Mailorder »AM Music« und der Samplerreihe »Schlachtrufe BRD« verbunden sind und den Fun-Punk der 80er teils bewusst, teilweise als Realsatire unbewusst weiter tragen. Nur der »E-Punk«, in der BRD der 80er zum Beispiel mit der Band Slime verknüpft, scheint sich weitgehend verflüchtigt zu haben.
In dieser verfahrenen Situation also entsteht die Platte, der dieser Text gewidmet sei. 1996 oder 97 erscheint die Doppel 7’’ »Aufstand Ost« der Band ACZ. Leider kann ich zur Geschichte dieser Band aus Eisenberg (das ist in der Nähe von Jena) kaum etwas erzählen und habe sie auch nie live gesehen. Aber wer eine Kopie dieser in einer Auflage von 300 Stück erschienenen Platte finden kann (ich prophezeie: sie wird wahrscheinlich nicht teuer sein), dem/der kann ich nur empfehlen nicht daran vorbeizugehen, auch wenn das in einem irreführenden Graffiti-Stil gehaltene Cover (kleinstädtisches Alternativmilieu?) nicht eben viel versprechend aussieht.
Obwohl ihnen eine außerordentlich dünne Produktion gemeinsam ist – die Gitarre klingt durchgängig eher wie eine Art Nebengeräusch – die darauf zu findenden 9 Stücke sind musikalisch wie textlich sehr heterogen. Neben 30 sekündigem Hardcore-Punk (»Police – Fuck Off!«) und den unvermeidlichen Themen Saufen und Kiffen (»Vom Sinn des Lebens 1 & 2«) bietet die Platte vor allem eine Reihe anarchistisch motivierter Midtempo-Nummern (»Vergessene Worte«, »Für Geld«, »Ohne Wohnung«). Die zeichnen sich neben einem feinen Gespür für eingängige, mehr oder weniger melancholisch-aggressive Melodien vor allem durch einen liebenswürdig unbefangenen Umgang mit den tradierten Pathosformeln sozialkritischer Lyrik aus. In mutmaßlicher Anlehnung etwa an Erich Mühsam oder Ton Steine Scherben werden Gesetze noch gemacht »weil es denen da oben recht ist, reich zu sein« (»Warum«), der Mensch sieht »nicht nur ein Sklave zu sein/für den Mensch wie du einer bist«, er wünscht sich »nur frei zu sein«, allerdings »ein Wunsch der ihn zerfrisst«; es bleibt ihm nur der Traum »einer Welt ohne Schmerz« für den er von seinen Mitmenschen, »verhasst, verhöhnt und verspottet« wird, denn für die ist die – zugegebenermassen grammatikalisch etwas holprige, dafür aber sachlich völlig richtige – Forderung »jeder Mensch ist gleich« längst vergessen.
Um nicht missverstanden zu werden: ich versuche hier nicht eine bescheuerte Platte vermittels der altbekannten Gleichung Provinzialität-Authentizität zum viel zu lange übersehenen »Klassiker« à la Schleimkeim umzudeuten. Das geschieht ja meist in der Absicht des Autors, den eigenen Regress zu legitimieren. Im Gegenteil könnte man in Bezug auf ACZ vielleicht sogar formulieren, dass die Provinzialität der Band sich einer authentizistischen Verwurstung in diesem Sinne aufgrund ihres durchgehend politisierenden Charakters, durch eine bewusste Positionierung im gesellschaftlichen Zusammenhang, nur bedingt anzudienen scheint und punktuell eine unverhüllte Künstlichkeit des Ausdrucks entsteht: »ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit auch kein Geld, ohne Geld keine Wohnung, ohne Wohnung keine Chance!« – so übel wie real diese Lebenssituation auch für die verarmten Massen der kapitalistischen Peripherie sein mag, dass dieser Text sich aus der reichen Lebenserfahrung eines vielleicht 18‑ oder 20jährigen ostdeutschen Punks Mitte der 90er speist kann wohl ebenso getrost bezweifelt werden, wie angenommen werden darf, dass hier vielleicht die Schulbuchlektüre des »Hauptmanns von Köpenick« nicht ohne Einfluss auf die Feder unseres jungen Poeten blieb.
An anderer Stelle räsoniert man über die letzten Fragen. »Die Ungewissheit ist der Weg zur Weisheit, die Weisheit ist der Weg zu sich selbst, man selbst ist der Weg zur Vollkommenheit, Vollkommenheit heißt man wäre Gott, bist du Gott? Wer bist du? und wo ist dein Scheißgott?« (»Bist du Täter oder Opfer«) Solche Texte, noch dazu mit thüringischem Akzent vorgetragen, darf man ruhig etwas peinlich finden. Man sollte über die Augenzwinkerei aber nicht vergessen, sich vielleicht mal die Frage zu stellen, ob, wer so etwas singt, wirklich willens und dazu in der Lage ist, das Klischee des trashigen »eins zwo drei vier«-Nihilismus zur Zufriedenheit der betäubungswilligen Kundschaft zu reproduzieren, oder ob man es hier nicht vielleicht mit Leuten zu tun hat, deren »Mut zur Peinlichkeit« aus der Beschäftigung mit den eigenen Problemen resultiert – so lächerlich sie auch klingen mögen – und eben nicht aus dem abgebrüht spielerischen Streben nach einer präfixierten Form höherer Coolness, wie sie etwa die Retromoden der Röhrenhosen und Mullets ihren Träger/innen einmal in Aussicht gestellt haben. Ob man es also nicht vielleicht mit einer Band zu tun hat, die man aufgrund ihrer netten Melodien hörenswert und aufgrund ihrer anarchistischen und sich selbst so schön ernst nehmenden Pose sympathisch finden kann?
Ich finde ACZs »Aufstand Ost« gut, weil die Platte heute davon eine Ahnung vermitteln kann, wie eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Erscheinungen einer bis über beide Ohren in der Retrospektive steckenden »Punk«-Produktion, die sich zu gern auf das vermeintlich »Älteste« oder »Ursprünglichste« bezieht, den Weg hin zum realen, subversiven »Anfang« des ästhetischen Empfindens markieren könnte. Dieser Anfang ist an keinen mythisierten Ort oder Zeitpunkt gebunden. Er besteht im Moment der Reflexion auf das Verhältnis von eigenen, individuellen Wahrnehmung und ihrer gesellschaftlichen Bedingungen und kann vielleicht den historizistischen Schleier der Warenmonaden nicht nur der Kulturindustrie für einen Augenblick lüften helfen. Für die Journalist/innen der urbanen Musikpresse des Westens mag »Punk« schon 1980 aus gutem Grund eine tote Ente gewesen sein. Aber was konnte das Mitte der 90er für die Lebenswelt linker Jugendlicher im glücklich wiedervereinigten Osten Deutschlands heißen? Das Problem im Kapitalismus zu leben entsteht und verschwindet nicht binnen eines unterhaltungsindustriellen Investitionszyklus und muss sich deshalb wohl in jedem neuen reartikulieren. Es ist nur die Frage wie.
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