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Heldengeschichten Pt.1: Refused

Von Chris

Jeder kennt sie. Jeder hat sie. Platten, die das Leben veränderten – auf die man zurückblickt und sagen kann: die waren wichtig. Mit ein bisschen Wehmut. Mit etwas Scham und Selbstkritik. Und mit viel Pathos, wie man das gerne tut, wenn man sich an »alte Zeiten« erinnern mag. Eine Revue von Alltime-Fave-Scheiben wird – wie in den repressiven Strukturen der eigenen Szene – häufig als Expertenbeweis und Hörkanon betrieben. Wir wollen das nicht. Bei unseren »« handelt es sich um Kolumnen, die prägende Platten nicht zur Beweihräucherung vorbeiziehen lassen – also eher als Anti-. Chris beginnt den Reigen mit .

Rather be alive!

Ohne gute Musik scheint die Welt um mich herum noch trister zu sein, als sie es eh schon ist. Umso mehr bereitet es mir Spaß, einmal wirklich Fünfe gerade sein zu lassen und Lieblingshits zu hören. Ganz schnell lösen sich da Probleme und Nickligkeiten, die der Alltag für alle bereitstellt zwar nicht in Wohlgefallen auf, die Best-Of-Songs gestalten aber den Umgang mit den verschiedensten Situationen erträglicher, weil man anfängt zwischen wichtigen und unwichtigen Problemen zu unterscheiden – zumindest aber sie für eine gewisse angenehme Zeit in den Hintergrund zu stellen.

Vergessen der Stress der Arbeitshetze, der Schule, des Studiums, um sich einerseits wirklich eine kleine Auszeit von dem ganzen Scheiß nehmen zu können, während man sich andererseits aber durchaus immer und immer wieder bewusst sein muss, dass eben jene Freizeit mit ihrem kulturellen Angebot, eben diese Verschnaufpause wissentlich in ihr Konzept integriert hat. Das geschieht, um sich nachher doch nur wieder mit einem vielleicht besseren Gefühl aus dem Bett quälen zu können, weil man »den Kopf wieder frei hat.«

Dennoch, man kann den unromantischen, kapitalistischen Alltag etwas zur Seite schieben, der uns doch so schwer daran hindert, wissentlich und leidenschaftlich unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, abenteuerlich und spontan sich treiben zu lassen, weil der Weg zur befreiten Gesellschaft – wie Marcuse einmal sagte – ohne ein wenig Abenteuerlichkeit nur im Establishment enden wird.

Nun schickt es sich in der heutigen Zeit keineswegs so richtig an, einmal inne zu halten mit sich selbst, um in guter alter Manier das zu machen, wonach einem gerade der Sinn steht. Auch, weil uns die Zwänge des Kapitalismus in all ihrer Totalität der verwalteten Welt daran hindern.

Bei Rotwein, Bier oder meinetwegen gerne auch Schnaps und den richtigen Tracks im Ohr in alten Erinnerungen zu schwelgen, an verflossene Liebschaften zu denken, das komische Bauchgefühl nicht richtig überwinden zu können, aber immer noch ein Lächeln in den Mundwinkeln zu haben, weil man weiß, dass im Blick zurück die Dinge erst entstehen, wie Tocotronic vor kurzem treffend feststellten – das ist eigentlich ein wirklich nettes Gefühl. An die vermeintlich leichtfertige Zeit der Jugend sich zurückzuerinnern, die Dinge, die man gemeinsam mit guten Freunden angestellt hat, um sich nachher die tollsten Geschichten darüber erzählen zu können, weil einem alles so einfach erschien. Und dabei muss es noch nicht einmal die Erinnerung an Verflossenes sein, die sich gut verträgt mit schöner Musik. Schließlich lohnt es sich natürlich ebenso über Gegenwart und Perspektive nachzudenken. Nichts tun und einfach mal Denken – das wäre ein Anfang, der gar nicht so unproduktiv ist, wie es die falsche Gesellschaft einem immer suggeriert. Es scheint fast so, als wäre unter den betriebsamen Deutschen, die immer gern etwas zu tun haben – und wenn es nur um der Sache selbst Willen ist – ein solches Hantieren unrühmlich, weil Denken als eine Kategorie erscheint, die sich widersprüchlich zu dieser Betriebsamkeit verhält. Wer denkt, stellt in Frage, der könnte vielleicht sogar jene Betriebsamkeit und jenen Eifer in Frage stellen, der den Laden am Laufen hält; und das tut man eben nunmal nicht. Umso besser, wenn man es doch tut – unterstützt durch gute Gespräche, angestossen von äußeren Einflüssen, wie einem guten Buch oder einer hübschen Platte. Nun verhält es sich aber nicht immer ganz so wie man immer meint, wenn man sich in jenen vereinfachten Schemata die Welt erklären und sich dabei gänzlich auf die Intervenionsfähigkeit der Musik beispielsweise verlassen will.

Musik per se ein gutes Verhältnis zu sich selbst und der Gesellschaft, als deren Teil sie sich äußert und veräußert, zu unterstellen, sie für wahrhaften Umsturz und Dissidenz verantwortlich zu machen, ist Schwachsinn. Doch zumindest im Privaten kann sie durchaus dazu beitragen, zumindest einmal einen Prozess des Denkens anzustoßen. Der Soundtrack zum Leben ist einer, der zu allererst die Möglichkeit besitzt, sich selbst zu finden und das Individuum zu sich selbst zu befreien – und damit zumindest die Einsicht in die Möglichkeit seiner und damit der gesellschaftlichen Emanzipation ermöglichen könnte.

Was wäre meine heutige Sicht auf die Dinge der Welt ohne bestimmte musikalische Voraussetzungen? Wo wäre all der immer noch vorhandene Punkrock-Lifestyle ohne bestimmte Platten alter Helden, die in jüngeren Jahren wichtig waren. Platten, die einen beeinflussten und die einen – trotz der eventuellen zeitlichen und kritischen Distanz zum Gegenstand – schmunzeln aber zugleich auch schwelgen lassen, wenn man sie in einer gemütlichen Stunde wieder sich selbst vorspielt. Egal, wie diffus, kritikabel und unterschiedlich die jeweiligen Protagonisten des kulturellen Scheinaufstandes jemals waren, mir ermöglichten sie die Einsicht in die momentane Unabänderlichkeit der Welt und – paradoxerweise – der gerade deswegen festzuhaltenden Uberwindung des augenscheinlich Unüberwindbaren.

Als »we will never believe that working for you will set us free« sangen, fand ich die Bestätigung, die sich in der schwäbisch Provinz nun wahrlich nicht finden ließ, aber die für mich als Punk dort wichtig war: Arbeit ist scheiße. Verpackt in einen tanzbaren Sound voller Kreischen und Tiefe. Das haute mich um. Mit 17 haut einen so etwas um. Als ich in der Straßenbahn saß und – man trug damals noch Walkman – sich die Seele aus dem Leib kreischten: das ließ mich hassen. Ich wollte der ganzen verdammten Scheiße in den Arsch treten. Das Hantieren mit Begrifflichkeiten, die Marx geprägt hatte, ließ mich aufhorchen. Das Ausbrechen aus Konventionen des Hardcore‑ und Punk-Zirkus, sowohl, was Auftreten und Musik betrafen, waren so neu, dass man sich selbst und seinen bisherigen popkulturellen Habitus in Frage stellen musste.

verbanden den Nihilismus des Punk mit situationistscher Kritik, Marx mit Hardcore-Attitüde und den Style von The Make-Up mit der Unversöhnlichkeit gegenüber dem Zeitgeist. Eigentlich eine schrecklich offensive, diffus-politische Mischung, deren Gestus mich heute bei so vielen Bands nervt, weil sie sich und ihren selbsternannten Auftrag viel zu Ernst nehmen. brachen dennoch für mich damals Konventionen der Szene auf, was vorher nur wenigen Bands ähnlich erfolgreich gelang.

Das Interview, das Carsten in einem alten Blurr führte, sprach mir aus dem Herzen. Nicht nur weil Carsten die richtigen Fragen stellte, sondern gute Antworten gaben. Reflektiert, der Zeit angemessen und für mich damit damals irgendwie heldenhaft. Der Stilbruch den mit ihrem letzten Album »the shape of punk to come« vollzogen hatten, eröffnete mir neue Betrachtungsweisen von Musik. Offener zu werden gegenüber anderen Einflüssen, weil sich die Punk und Hardcore-Szenerie immer nur gerne mit sich selbst schlägt und dabei dogmatisch bleibt. Hätte mir jemand zwei Jahre vorher gesagt, man könne auch sehr gut elektronische Elemente dem Hörgenuss beifügen, dem wäre mein Mittelfinger sicher gewesen, weil ich mir irgendwann einmal verrückterweise geschworen hatte, niemals über meinen musikalischen Tellerrand zu blicken, denn Punk und Hardcore waren damals das Nonplusultra und dazu auch noch politisch korrekt. Ein Trugschluß, den ich glücklicherweise durchschaut habe.

Schaue ich nun heute zurück, während läuft, so verspüre ich einerseits immer noch die unglaubliche Energie, die mir damals wie der erste Kuss meinen Kopf verdrehte. Andererseits ertappe ich mich dabei, die naive Vorstellung realisiert zu haben, dass morgen einfach keine Revolution sein wird. Auch nicht, wenn mittlerweile mit seinem hundertsten Polit-Zirkus auftritt und von einer Arbeiterklasse schwafelt, die sich zumindest in Deutschland mit Auschwitz selbt ad absurdum geführt hat und deren weltweites Agieren im Sinne allseitiger Emanzipation wohl mehr als zu Wünschen übrig lässt. Diese dialektische Beziehung reflektiert zu haben, verdanke ich dennoch im gewissen Sinne . Das trotzige Festhalten an der Bedingung der Emanzipation unter anderem auch. Den Rest hat die Kritische Theorie, Marx und vor allem eigenständiges Denken erledigt. Auf glücklicherweise fundiertere Art und Weise, als dies popkulturelle Erzeugnisse jemals leisten könnten.


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