20.09.2007 / 1:13 pm
Von Dennis
»Impossible to bring it back«
Ich komme aus einer gar nicht mal so kleinen ostdeutschen Stadt, die seinerzeit vermutlich von notorischen Langeweilern gegründet wurde und an Inhaltslosigkeit kaum zu überbieten ist. Ein architektonisch höchst ambivalenter Verwaltungsmoloch, der eigentlich nur durch gezielte Sprengungen großer Teile aufgewertet werden könnte. Irgendwann muss ein unendlicher Schlaf diese Stadt übermannt haben, denn es scheint so, als hätte sich dort nie wirkliches Leben abseits von kleinbürgerlichem Muff und zonaler Volksbelustigung entwickelt. Wer mal hinfährt, sollte sich nicht von den wenigen schönen Ecken täuschen lassen. Sofern er oder sie nicht aus einem noch pampigeren Dorf kommt, wird sich recht schnell ein gewisser Grad an Verachtung beim Betrachter einstellen und auch der Drang schnell wieder zu verschwinden. Diese Stadt ist höchst provinziell und frustrierend, insbesondere wenn man nicht weg kann, z.B. weil man dort wohnt.
Die Plattenbausiedlung in der ich wohnte war eine wenig lebensbejahende Umgebung, daran besteht kein Zweifel. Auch und gerade weil die Stadtplaner die Betonwüste räumlich weit weg vom Stadtzentrum angelegt hatten, war ein Wegkommen umständlich. Zwar ist heute nicht mehr Neonazi die allgemein vorherrschende Jugendkultur auf der Straße, aber vor 10, 15 Jahren wurden dort noch leidenschaftlich Ausländer gejagt und Asia-Imbisse brannten in erschreckender Regelmäßigkeit. Ab Mitte der Neunziger waren die Ausländer und Asia-Imbisse weitestgehend verschwunden und es wurde nur noch Zeit totgeschlagen, aber außer einer Hand voll nicht-rechter Jugendtreffs, war ein wie auch immer gearteter Gegensatz zum Terror des Alltags im ostdeutschen Neubaugebiet kaum zu finden. In meiner direkten Nachbarschaft gab es einen Club, um den sich Legenden von Punk-Konzerten samt den damals dazugehörenden Auseinandersetzungen mit anwohnenden Nazis rankten. Miterlebt hatte ich diese allerdings nicht, denn die besagten Kleinkrawalle lagen einige Jahre vor meiner Zeit und der Großteil der vermuteten Punks und Linksorientierten war bereits in die ansehnlichere und friedlichere Innenstadt gezogen. Andere Indizien für alternative Kultur auf der Straße waren nicht erkennbar. In diesem Umfeld der vollendeten Tatsachen war ich also zur Jugendlichkeit herangewachsen, ging zur Schule und harrte der Dinge die noch kommen würden.
Die befreite Gesellschaft hatte ich sicher nicht im Sinn. Ich bezweifle sogar, dass ich damals überhaupt ein bewusstes Verhältnis zur Gesellschaft hatte, eher suchte ich nach Orientierung in einer mehr als tristen Umgebung. Ich musste mich arrangieren, mit der indirekten Gewalt des Plattenghettos und der unmittelbaren der Faschos. Antifa war mir kein Begriff, Antifas nicht bekannt. Die verhasste Schule tat ihr Übriges – hier gab es nichts mitzunehmen, sondern nur zu ertragen. All das schien mir unabänderlich und ich fand mich ab mit meiner Außenseiterstellung in dieser Schmierenkomödie aka meine Jugend. Bloß nicht an der Oberfläche kratzen; das abgegebene Bild der Gegenwart in dieser Imitation einer Stadt, das ich ständig ansehen musste, war furchteinflößend genug und bestätigte sich zudem jeden Tag aufs Neue.
»Just because we’re young, doesn’t mean we can’t decide«
Manchmal ernte ich vorwurfsvolle Blicke, wenn jemand durch meine Plattenkiste stöbert und dort den kompletten Ryker’s-Katalog findet. Ich muss allerdings nicht besonders tief in die Nostalgieschatulle greifen, um den Sachen auch heute noch etwas abzugewinnen. Natürlich schrecke ich nachts nicht hoch und brülle »Hardcore wannabe – that’s what you are for me« – und habe das auch vor zehn Jahren nicht getan – aber wer will schon bestreiten, dass der Ryker’s-Nachlass mit unzähligen, ernst gemeinten Klassikern übersät ist? Ich kann nicht einmal sagen, dass ich mich in übermäßig vielen der Texte wieder gefunden hätte, oder dass die Ryker’s den besseren Hardcore gespielt hätten, aber meinen »kulturellen Scheinaufstand« vertonten sie damals so fühlbar wie niemand sonst. Einige Lieder dienten mir als vorbildliche Zeugnisse der Selbstbeurteilung und der Verhandlung der Rebellion gegen sich selbst – die natürlich nicht meine eigene war, aber das Aufbegehren gegen das ganze abscheulich Gewohnte für mich rechtfertigte – und waren damit viel mehr als bloße Abgrenzung ins musikalische Extrem. Nämlich auch Soundtrack für den Ausbruch aus meiner subkulturell komplett ahnungslosen Umgebung, hinein in die Exklusivität einer lokal nicht für möglichen gehaltenen Szene, die mir neben Konzerten auch politisch neue Anstöße versetzte.
Eine Absage an die gegebenen Zustände lieferten die Ryker’s allerdings nicht. Hatte Chris in seinem Refused-Text noch angemerkt, dass die Band Szene-Konventionen aufbrach und mit politischem Gestus verband und ihn deshalb begeisterte, so muss man den Ryker’s nachsagen, dass sie mit ihrem unumstößlichen Begriff von Hardcore und Unity eher eine Attitüde vertraten, die wenig progressiv oder sonst wie emanzipatorisch war. Trotzdem oder gerade deswegen hat in den Neunzigern keine andere einheimische Hardcoreband mehr Popularität erlangt. Außerdem würde es schwer fallen, den Kasseler Hang zur Prolligkeit wegzudiskutieren. Schon auf Grund ihres Stils und der dazugehörigen Anhängerschaft, die aus der Vorstellung von Härte ganz besonderen Wert absaugen konnten, waren Ryker’s-Shows, zumindest die die ich gesehen habe, immer auch Muskelmannlaufsteg und Bollomagnet.
»How could I’ve thought the kids would have their say?«
Was damals noch als Szene-Ausnahmen verklärt oder als übertriebene Hingabe mancher an Musik und Lifestyle verstanden werden wollte, stellt sich heute etwas anders dar. Meine Vorbehalte gegen den rituellen Rahmen in dem sich HC abspielt sind gewachsen, gegen das mehrheitlich unempfindliche Publikum sowieso. Wegen des geringen Verpflichtungsgrads innerhalb der kaum mehr zu definierenden Szene, haftet HC heute eine sehr hohe Integrationsfähigkeit an und ist zudem zu einem kommerziellen Argument im Bauchladen der Massenkultur geworden. Vieles was Hardcore genannt wird, findet in riesigen Hallen vor manchmal mehreren tausend Zuschauern statt, flankiert von vor Jahren undenkbaren Werbepartnern und in unzähligen Magazinen aufpoliert und zurechtgefeilt. Man kann nicht behaupten, daß die Entwicklung zum nicht mehr zu vernachlässigendem Musikmarktsegment rückblickend eine Überraschung ist – immerhin veröffentlichten die Ryker’s schon 1996 auf Warner Music – aber der Dogmatismus, der dieser Subkultur schon immer anhaftete, ist angeschwollen zu einem ironischen, nicht aufhören wollendem Hype, der es manchmal sehr schwer macht Hardcore neben der Musik noch etwas Positives abzugewinnen. Schließlich ist der politische Aspekt und das Wissen um diesen fast vollständig in den Hintergrund getreten und der Anspruch ans Selbermachen auch, überrumpelt vom Rhythmus der Masse, der von selbst nicht ins Stocken gerät.
Dass dieser Zustand kaum jemanden nachdenklich macht, wiegt einigermaßen schwer, beraubt man sich doch selbst der Möglichkeiten zu bestimmen, wie der eigene Anspruch an die Szene lautet. Weder geht es um das Propagieren irgendeiner diffusen Geisteshaltung noch um andauerndes Pochen auf Ideale, die Hardcore angeblich zu eigen sein sollen, es geht ganz schlicht um die Chance auf Selbstverwirklichung in einem kulturellen Kontext und dennoch die Tauglichkeit der feststehenden Verhältnisse zu attackieren, Dinge anders machen. Für die meisten ist das kein Anliegen mehr. Das Ethos des jugendlichen Widerstands ist nur ein Mythos, der Kraft der Metapher in Bahnen gezwungen wurde, in denen Identifikation leichter fällt und die Stimme der Langeweile verstummt, während man, ohne es zu merken, sich bereits den nächsten Abgrund hat verkaufen lassen. Der Dynamik, die uns alle zum Tanz treibt, ist letztendlich nichts entgegenzusetzen.
20.09.2007 / 1:13 pm
[…] nur Uniquatsch machen ist ja auch scheiße. Daher empfehle ich bei Beatpunk die Heldengeschichte von Dennis über die Rykers zu lesen. Ich habe zwar nur die „Brother against Brother“ und nicht wie Dennis alles, aber in […]
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