Navigation

Heldengeschichten Pt.4: Schleimkeim

Von Wauz

Meine erste Begegnung mit hatte ich mit etwa 13 Jahren. Eigentlich noch überzeugter Metal-Fan, fing ich schon an mit dem Punkrock zu liebäugeln. Die erste Bad Religion-CD stand schon im Regal, Slime’s Meisterwerk »Schweineherbst« sollte bald folgen und der »Gegen Nazis«-Sampler hatte es mir besonders angetan. Der letzte Song eben jener Compilation war von  – »Schläger bedrohen unser Leben«. Für jemand, der zu dieser Zeit am liebsten Blind Guardian oder Helloween hörte, die in epischen 8-Minuten-Nummern über Feen, Elfen und Hobbits sangen, glich dieser kurze, krachende Song einem Tritt ins Gesicht. Das war wild, roh und ungestüm. Das passte nicht in meine Welt. Ich war Schüler eines humanistischen Gymnasiums, spielte in meiner Freizeit Fussball und der Gipfel meiner pubertären Rebellion im Anfangsstadium waren die verzerrten Gittaren der Fantasy-Metal-Bands und die Monster auf deren Plattencovern. Der Song verstörte mich direkt, nicht nur textlich (»Ich trat ihm gleich zwischen die Knie – der Hoden platzte – so gut war ich noch nie…«), sondern alleine, wie er dargeboten wurde. Da wurde nicht einfach ein Song gespielt, das wurde herausgerotzt, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich skippte den Song bei jedem Hören.

Fast Forward: 3 Jahre später.
Der grüne Iro ist frisch ausrasiert und standesgemäß mit Seife aufgestellt, ich trage mein absolutes Lieblings-Longsleeve (»Mons-Tour« von NOFX), die Springer sind stilgerecht schwarz-rot geschnürt, Sicherheitsnadeln durch beide Ohren gestochen. Es ist Sommer, es ist Samstag, ich bin 16.
Ich laufe zur »Schreinerei«, dem Punkerschuppen unserer Stadt, um mich mit meinen Freunden Eric und Max im Park gegenüber zu treffen. Wir haben eigentlich nichts vor. Es langt uns einfach, dort zu sein, einfach nur rumzusitzen und Blödsinn zu reden. Ein paar der älteren Punks sind auch da, man kennt sich schon, bleibt aber meist auf Distanz. Ich fühle mich so unglaublich jung und hilflos neben ihnen, auch wenn sie vielleicht nur zwei bis drei Jahre älter sind als ich. Man ist halt der Kiddie-, der noch keine Ahnung hat. Höhnische Sprüche über meinen NOFX-Pulli (»doofe Kommerzpunker«) machen die Lage nicht gerade besser. Die Alten verziehen sich allerdings bald zur Tanke,um Bier zu holen und laufen dann weiter in die Stadt. Nur »Matula« bleibt bei uns sitzen. »Matula« ist etwa nur ein Jahr älter als wir, laut und ungehobelt, nicht besonders helle und ein klein wenig der Punchingball der großen Punks. Das haben auch wir mitbekommen, also ist es um den Respekt vor ihm nicht sonderlich gut bestellt und wir riskieren es ab und an sogar ihm dumm zu kommen. Wir sitzen auf der Wiese, nippen vorsichtig an unserem Bier und fühlen uns unglaublich rebellisch.

Dann kommt Schachi mit seinem kleinen, weißen Fiat-Panda angerumpelt. Schachi ist ungefähr 19, sieht aufgrund seiner maximalen 1,60m Körpergröße aber höchstens aus wie 14. Mit runder Brille, fettigen Haaren und hässlichen Karottenjeans alles in allem eine recht erbärmliche Erscheinung. Alleine die Tatsache, dass er in seinem Alter mit uns pubertierenden Gören abhängt ist deprimierend. Schlimmer noch – wir fühlen uns ihm mächtig überlegen und sehen in ihm eine Art Lakaien, der uns gefälligst durch die Gegend zu kutschieren hat. So auch an diesem Samstag. Wir entschließen uns nach Würzburg zu fahren, wo ein »Umsonst und Draußen«-Festival stattfindet. »Komm Matula, geh mit!« sagen wir, worauf er in seiner unangenehmen, quengelnden Stimme antwortet »Nääää, was soll ichn da, ey…ich bleib hier ey«. Darauf nennt Eric ihn eine »dumme Null-Bock-Wurscht« – ein Witz der noch Stunden später für Lacher sorgt – und wir vier – Eric, Schachi, Max und ich – steigen ins Auto, während sich die Null-Bock-Wurscht zurück in die »Schreinerei« zum Biertrinken trollt. (Das letzte Mal traf ich Matula übrigens vor etwa einem Jahr. Er hatte blondierte, aufgestellte Haare, Schlaghosen und Buffalo-Schuhe an – er hatte sich zu einem waschechten Discobauern gemausert. Nicht Schade drum.)

Bevor wir uns auf den Weg machen, gehts ersteinmal in die AGIP-Tankstelle nebenan zum Bierholen. Irgendjemand entdeckt, dass es dort auch AGIP-Aufkleber für umme gibt, worauf wir uns die Taschen damit vollstopfen. Das Personal der Tanke ist aufgrund der »Schreinerei« Punker gewöhnt und reagiert deshalb sehr gelassen. Sie geben uns sogar noch ein paar Stapel Aufkleber mit auf den Weg. Bevor wir ins Auto steigen kommt jemand auf die Idee, dass es doch geil wäre, sich mit den Stickern den Iro zu stellen…gesagt, getan 5 Minuten später haben Max, Eric und ich uns die Haare mit Aufklebern verziert und auch am Rest des Körpers prangt mehrfach das schwarz-gelbe AGIP-Logo. Schachi ist wie immer etwas verwirrt von der Situation und hat von uns nur ein paar Aufkleber auf die Backen geklebt bekommen, die er mit hochrotem Kopf nun verschämt abmacht. Laut rumalbernd setzen wir uns ins Auto. Max und ich hinten, Eric mit vorne.

»Ey, ich hab ein geiles Tape dabei!« ruft Eric und zieht aus der Tasche seiner Lederjacke, auf der ungefähr 20 AGIP-Aufkleber pappen, eine Kasette hervor.
»Was is es denn?« frage ich.
»sagt Eric, holt ohne zu fragen die Kassette, die Schachi gerade im Auto hört aus dem Autoradio und schmeisst sie zu uns nach hinten.
»Was hören wir jetzt?« fragt mich Max.
»«, sage ich und erinnere mich an den alten »Gegen Nazis«-Sampler, »Die sind Scheiße!«.

Dann fahren wir los. Die 40 Kilometer nach Würzburg kommen mir an diesem Tag wie eine Weltreise vor. Aber das ist unsere Welt und wir sind da um sie zu erobern und dabei alles kaputtzuhauen. Ohne jegliche Aufsicht, jung und voller Unsinn im Kopf, angeheitert durch das bisschen Bier – Man findet alles und alle zum kotzen und möchte das einfach nur herausschreien. Ein unschlagbares Gefühl. Und dann setzt die Musik von ein. Schnell, unkontrolliert und laut rumpelt es los. Eric fängt wie wild an sein Bier rumzuspritzen und nach ein paar Takten steigen auch Max und ich ein und funktionieren die Rückbank zum Rangel-Pogo-Pit um. Schachi hat Mühe, das Auto unter Kontrolle zu behalten. Alle Fenster sind runtergekurbelt. Aus den Boxen scheppert »Habt ihr keine Wut mehr im Wanst, seid ihr wirklich schon zufrieden?« und während wir dazu im Auto wie die Irren rumzappeln und rumbrüllen, ernten wir von den Passanten entsetzte und verständnisslose Blicke. Es ist großartig. Auf einmal verstört mich die Musik von nicht mehr, denn auf einmal passt sie genau in meine Welt. Wir sind wild, wir sind roh und ungestüm…wer braucht da Songs über Feen, Elfen und Hobbits?

Ich habe selten erlebt, dass Musik in einer Situation so perfekt gepasst hat, wie an diesem Nachmittag. Das war die Zusammenfassung unseres Lebensgefühls auf dieser Kassette, die Vertonung unserer kleinen jugendlichen Rebellion. Das »Umsonst und Draussen« hatte bis auf die unsäglichen SCHWEISSER nichts annähernd in Richtung Punkrock zu bieten, also blieben wir nicht lange. Der einzige Höhepunkt war vielleicht noch Ingo Hillmann, ein Schweinfurter Punkrock-Urgestein, der uns vollkommen besoffen wegen der AGIP-Aufkleber anmaulte »Ey, da schneid ich mir den Iro ab,wenn ich euch seh…ihr macht da für den Scheiß-Konzern Werbung…da krieg ich des Kotzn ey…«. Die Rückfahrt war aber wieder toll, wegen . So langsam konnten Max und ich auch die Texte mitsingen. »Mit dem Knüppel in der Hand…« haben wir an dem Tag sicherlich 10 mal gehört. ist für mich bis heute mit die wichtigste Punkband. Und zwar genau wegen diesem Nachmittag vor 12 Jahren.

Als ich später dann noch die unglaubliche Geschichte der Band erfuhr, mit Verrat, STASI-Haft und dem tragischen Schicksal des Sängers Otze, der vor ein paar Jahren in einer Nervenheilanstalt starb nachdem er seinen Vater mit einer Axt erschlagen hatte, wurde mir erst bewusst, was für ein Phänomen diese Band auch im zeitgeschichtlichen Kontext ist. Diese Leute gingen dafür in den Knast, dass sie Punkrock spielten und hörten trotzdem nicht auf – letztendlich sind sie auch daran zerbrochen. Wo findet man bitte noch solche Hingabe? Auch textlich ist die Band groß. Klar, gibts den ein oder anderen Ausfall, aber, das waren keine selbstreflektierenden Post--Poeten mit abgeschlossenem Architektur-Studium in ihren Mitt-Zwanzigern, das war ein Haufen ungezähmter Teenager, die herausschrien, was ihnen durch den Kopf ging und da gehörte der vulgäre Witz-Text über Potenzprobleme genauso dazu wie der tiefgründige Song über Selbstmord. Dargeboten in einer wahnsinnig authentischen Sprache und einfach umwerfenden Ehrlichkeit. Da waren auf ihre ganz eigene Art Genies am Werk. Deswegen macht es mich auch so wütend, wenn ich all die Hänge-Iro-Penner-Punks in Shirts in Bahnhofsecken rumliegen sehe. Das sind die Säue und sie lutschen an meinen kostbaren Perlen. Aber es wird der Band auch nicht gerecht, hier so über sie zu sinnieren, es kommt mir fast wie eine Beleidigung vor, sie zu analysieren, denn dann scheine ich ihr zu nehmen, was sie so großartig gemacht hat. Über diese Band sollte man nicht schreiben, man sollte sie hören, im Sommer, mit 16, wenn alles um einen rum beschissen ist – welch ein geiles Gefühl – bereit die Welt zu erobern, oder ihr einfach nur den Mittelfinger entgegenzustrecken. Dann sollte man hören. Egal wie alt man dabei wirklich ist.

P.S.:
Falls sich einer fragt, was aus Schachi geworden ist – ich weiß es nicht. Ich habe ihn vor 3 Jahren mal wieder getroffen, er sah noch genauso aus wie früher – tauchte wie aus dem nichts um 4 Uhr früh auf einer Party auf und erzählte mir ziemlich obskure Theorien zum Irak-Krieg. Er hat auf jeden Fall noch für einige lustige Geschichten damals gesorgt. Zum Beispiel, als er auf Max` 16. Geburtstagsparty mit dem Messer auf uns losging, weil wir diverse Lexika (!) und Penaten-Baby-Puder auf ihn warfen,als er versuchte zu schlafen. Oder seine Metalband namens ODIN (ohne jeglichen faschistoiden Hintergrund), mit Dominic Leber an der Gitarre und dessen Onkel, der jünger war als sein Neffe, am Bass. Sie probten in einer verlassenen Malzfabrik, in der wir in eben jenem Sommer einen Horrorfilm drehten. Das war aber vor dem Abend, an dem die Bullen kamen, nachdem wir dort Feuer gemacht haben und Marc die ganze Zeit….ich hör jetzt ne Runde .


Artikel: versenden versenden   Drucken Drucken

Technorati Del.icio.us Digg Yigg Mr.Wong Webnews Netselektor Blogmarks Linkarena Newsvine 

  1. aftershow :: Gerade gelesen: 10.01.2008 / 10:37 pm

    […] Den ganzen Text gibt es hier […]

  2. torsten 17.02.2008 / 7:45 pm

    toller text, danke dafür!

  3. der klose 10.03.2008 / 10:14 pm

    wir haben auch immer schleimkein gehört!!!was für eine geile zeit!macht fast schon ein bischen traurig……….

Reiss die Fresse auf:

XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>




Schubladen
Surftipps
  • Faites Votre Jeu!
  • Communique1
  • Kittkritik