Beatpunk Webzine

Internationale Fernseh-Anfasserei. Berlin.

Mal wieder der Versuch einer Fortsetzungsreihe. Mit diesem Beitrag startet unsere Artikelserie »Hölle Arbeit«, in der die unschönen Konfrontationen unserer AutorInnen mit der Welt der Lohnarbeit nachgezeichnet werden. Es geht um absurde, menschenfeindliche, geistfreie und vollkommen unnütze Tätigkeiten oder um an sich nützliche Tätigkeiten, die aber unter den konkreten Verhältnissen zum größten Schwachsinn zusammen schrumpeln. Janette macht den Anfang und war putzen.

Meine Freundin K. und ich brauchen Kohle, wir brauchen sie schnell, wir sind bereit einiges dafür zu tun. Seit Jahren arbeiten andere Freunde für eine Cleaning Organisation. Das sagen die so, weil »putzen gehen« scheisse klingt. Jene Organisation macht Event Management, Vor‑ und Nachbearbeitung von internationalen Veranstaltungen. Weltweit. Einer dieser Freunde hat von einem Bekannten gehört, dass der sogar schon in Amerika war. Wir bewerben uns. Wir bewerben uns ständig. Wir vergessen, dass wir uns jemals beworben haben, weil nie eine Antwort kommt. Dann scheint es irgendwie plötzlichen Mangel am Cleaning Markt zu geben und wir bekommen eine Zusage für die IFA, wir arbeiten 12 Tage, wir arbeiten von 20:00 Uhr bis 8:00 Uhr und haben eine Stunde Pause. Wir haben genug Infos.

Eigentlich klingt das alles so dermassen ungeil, dass ich mich noch heute frage, warum zum Teufel wir das gemacht haben. Bei Freunden wird tagsüber gepennt und abends geht’s ab auf die Arbeit. Schön die Ringbahn zum ICC nach… wie heisst das da hinten überhaupt?

Zum Glück ist dieses ICC-Gelände super übersichtlich, besonders bei so einer Messe. Eine Millionen Sicherheitschecks, hundert Mal »Keine Ahnung, wo ditte sein soll…«. Viel zu spät finden wir dennoch das Headquarter. Das Headquarter ist ein alter Schuppen voller Putzkram, vor dem ca. 30 Leute rumstehen und über vergangene Einsätze oder ihr Excitement reden, endlich auch mal dabei sein zu dürfen. Wir hassen jetzt schon alle Menschen.

Nachdem wir endlich in einer Excel-Tabelle erfasst sind, bekommen wir unsere Outfits und jeweils Eimer, Lappen und Schrubber… ach ja und unseren Teamleiter, den Anführer, den mit der Verantwortung quasi. Unser kleines Grüppchen wächst auf sechs Personen an (ohne Leithammel) und man weist uns eine riesige Halle mit ca. 200 Büros und einem noch mal so grossen Ausstellungsraum zu. In den Hallen steht die Luft, die Klimaanlage läuft erst ab Messebeginn, meine Wasserflasche ist halb leer, auf den Hähnen im Bad steht »Kein Trinkwasser«. K. und ich bekommen die Büros. Wir saugen, wischen Staub, wischen Staub und wischen Staub, wir putzen Fenster, Telefone, Türen und Trockenbauwände und wir schwitzen wie blöde, denn in diesen Kabuffs sind mindestens 28 °C. Wir hassen alle, besonders hassen wir jetzt den Leithammel. Der kommt stündlich vorbei und gibt uns Tipps zum Staubwischen, dabei lehnt er mit seinem Schwitzerücken gegen die eben geputzte Glaswand und lässt uns von seinem reichen Erfahrungsschatz in der Cleaning Branche kosten. Dabei trinkt er Wasser. Wasser mit Kohlensäure. Trotz einsilbigen Kommentaren unsererseits geht er erst nach 30 Minuten.

Gegen vier sind wir mit den ganzen Büros durch. Wir brauchen Luft und irgendwie finden wir, das wir fertig sind. Aber der Boss hat natürlich noch was für uns, also schrubben wir im Ausstellungsraum weiter. Der Rest unserer Crew schiebt völlig lethargisch Staubsauger auf der Stelle hin und her. Der Boss findet, dass die »Afrikaner faule Hunde sind«. Wir finden der Boss hat einen kleine Kopf, sagen wir ihm aber nicht. K. muss die ganze Sache analysieren: der Typ hatte noch nie viel Verantwortung und geht in seiner Rolle auf. Er liebt es, Sachen zu regeln, Probleme zu lösen und dabei immer einen lockeren Spruch auf den Lippen zu haben. Er trägt Fantasymetal-Shirts, das sehen wir nach der Schicht, sein Brillenmodell war auch vor zehn Jahren nicht cool und die Haare gehen ihm aus, einen Bierbauch hat er auch schon und scheinbar wenig Sozialkontakt, denn er redet, als hätte man ihm acht Jahre das Sprechen untersagt und zu dieser Veranstaltung die Pforten wieder geöffnet. Wir finden er solle weggehen, aber dann nervt er die »Afrikaner«, also lassen wir ihn labern. Morgen nehmen wir iPods mit.

Mittlerweile ist es sechs: zwei Stunden trennen uns von der Heimfahrt mit der Ringbahn. Unsere Haut fühlt sich an wie Sandpapier und wir könnten alles saufen, ja saufen, aber weit und breit gibt’s nichts. Staubsaugen scheint uns die entspannendste Arbeit zu sein, also saugen wir einen Quadratmeter Teppich bis es acht ist. Von den 30 Leuten ist nur noch die Hälfte da, viele sind einfach abgehauen, weil »sie wohl noch nicht so oft gearbeitet haben«. Der Boss weiss echt auf alles ‘ne Antwort, deshalb nennen wir ihn jetzt Bummi.

Die ganze Rückfahrt müssen wir darüber reden, wie unglaublich das war, während wir uns drei Liter Wasser in den Kopp kippen. »Wenn das morgen wieder so ist, dann hauen wir ab. Scheiss auf die Kohle!« Weil es so super mit uns war, ist Bummi auch am zweiten Arbeitstag (haha) wieder unser Chef, die »Afrikaner« hat er abgegeben – das was wir die nächsten Tage zu säubern haben, schaffen wir zu dritt. Wir fragen uns wer Nummer 3 sein soll und wissen, dass wir wohl zu zweit schaffen müssen, was für drei bestimmt ist. Unsere Halle ist riesig, ein Ausstellungsraum, ganz weiss, weisses Plaste an Boden und Wänden und ca. 500 Plasma-Fernseher, Designer-Möbel, Boxen, Anlagen und eine Mensa mit Küche und Tresen und ca. 200 Tischen mit jeweils vier Stühlen. Wir hassen alle Menschen, die auf Messen gehen, um dort Plasma-Fernseher anzugrapschen, sich auf Boxen zu stellen und in Mensen zu essen und das Essen fallenzulassen und Getränke zu verkippen.

Da auf so einer Messe natürlich geklaut wird wie bekloppt, wird unsere Halle von fünf Russlanddeutschen bewacht. Ich sage mal, rechts ziemlich weit offen und leider Gottes ziemlich gesprächig. Die hängen mit ihren Riesen-Schuhen auf den Designer-Couchen rum und schauen bekloppte Ballerfilme auf russisch oder zocken bekloppte Ballspiele auf deutsch. Einer von denen ist gar kein Russlanddeutscher, er kommt aus Mahrzahn. Auch schön. »Haste das gelernt?« fragt er mich, als ich grade Staub vom Plasma-Fernseher wische. »Was jetzt? Putzen?« »Na… ja.« »Nee!« »Achso.« Der Bummi schliesst bald Freundschaft mit den Securitys, kann man mal schön daneben stehen und bisschen quatschen, Film schauen oder einfach nur stehen.

Damit wir nicht wieder verdursten haben wir diesmal zehn Liter Wasser mit. Das Gute am Cateringbereich ist das Catering, wir können alles Trinken und Essen, was da rum steht. Offiziell natürlich nicht, aber der Bummi ist ‘ne richtig coole Sau, der macht das nämlich immer so und das ist noch nie aufgefallen. Ich hab nach vier Stunden so’ne Überdosis Koffein, das ich viel zu schnell putze und K. mich ausbremsen muss. Der Plan ist so lahm wie möglich zu arbeiten, damit der Bummi nicht auf verrückte Ideen kommt. Irgendwie wird’s Morgen und wir haben nur noch eine Stunde bis die Türen aufgehen. Wir sind nicht mal halbwegs fertig und jetzt wird auch dem Bummi bange und er nimmt den Schrubber in die Hand. Wir müssen hetzen und bekommen noch »Afrikaner« zur Unterstützung. Ich bin froh und als einer von ihnen in Bummis Richtung nickt und »Arschloch« sagt, bin ich ganz froh, dass uns hier nicht wieder soziophobe Xenophobie unterstellt werden kann. Die Sache wird verdammt tight und K. und ich beschweren uns im Headquater, dass wir zu wenige sind, um dieses Riesen-Ding zu putzen und wir können die Afrikaner, also M. und R. behalten.

Wir hassen trotzdem alle Menschen und die Messe geht erst jetzt los. K. vermutet, dass wir mit unserer weissen Arena echt den Zonk gezogen habe. Ich sage, dass ist Plaste, das wird schon gehen… nach hause, schlafen, aufstehen, zur Ringbahn. Wir hassen alle Menschen.

Natürlich sollte K. recht behalten, überall sind Grapschpfoten. Wer hat hier Eis verkippt? Wieso kleben hier Kaugummis und natürlich gibt’s zehn Millionen schwarze Striche auf dem Plasteboden von schwarzen Schuhsohlen. Die Dinger kann man nicht einfach wegwischen. Wir müssen auf dem Boden liegend mit Glasspray und Lappen ein Fussballfeld grosses Areal schrubben. Super. Nach drei Tagen bekommen wir Schmutzradiergummies, das sind handgrosse Schwämme. »Die sind echt super dafür« sagt der Bummi. Ich will nicht mehr, ich leg mich hinter die Designer Couch und penne ‘ne Runde. Ich habe die schlimmste Sehnenscheidenentzündung seit dem Schlagzeugunterrichtintensivkurs. Die blöden Sicherheitsdeppen haben auch schwarze Sohlen und ziehen Streifen. Ich könnte meinen Schrubber fressen, aber ich habe keine Kraft. M. hat Kippen und geht mit mir rauchen, der Bummi kommt dazu und erzählt, dass er schon einmal so krassen Fussboden hatte und dann da so mit Maschinen rüber ist und das war alles verdammt aufregend und echt so krass und ich geh wieder radieren, alles ist besser als das. K. liegt hinter der Couch und pennt. Ich warne vorm Bummi und wir radieren gemeinsam. Ab dieser Nacht sind alle Fernseher an, auf allen läuft das gleiche Programm, Filmtrailer für »Mama Mia« und so einen ausgedachten Film mit Angelina Jolie und Kugeln, die um die Ecke fliegen. Der Ton ist auch überall an, also läuft alle fünf Minuten ein ABBA-Song – das kann dich echt wahnsinnig machen. Den Sicherheitsdeppen wird auch immer langweiliger, also müssen wir dran glauben. Wir werden alles gefragt. Wir denken uns irgendeine Scheisse aus, damit die Sache halbwegs erträglich wird. Ausserdem reissen wir Kekspackungen in der Küche auf und essen frisches Obst aus dem Kühlhaus. Echte Revolution eben. Die Dämpfe aus den Reinigungsmittel leisten eben auch ihren Beitrag. Wir hassen alle Menschen mit schwarzen Schuhen und wir hassen ABBA.

Irgendwie haben wir nach drei Nächten Routine drin, wir sind gegen vier oder fünf fertig und dürfen gehen. Der Bummi ist zufrieden, muss aber immer erst alles checken. Das dauert fast eine Stunde, in der wir nur abhängen. K. muss das alles analysieren, sonst kommt sie nicht klar. Ich sag ihr, dass das nicht gut ist, man darf beim Erledigen von sinnlosen Dingen nicht über deren Sinnlosigkeit nachdenken, das ist wie ABBA aber K. hört nicht auf. Wir arbeiten für rassistische, bekloppte Ausbeuter für einen Hungerlohn. Wir befinden uns in einer Endlosschleife, jeden Tag neue Fettfinger, neue Schuhrillen, neue Kaugummis, neue Weisheiten aus Bummis Kopf. Wir hassen alle Menschen. M. sagt, wir sind negativ und das findet er gut.

Der Arbeitsrhythmus hat uns voll gepackt. Wir haben nur zu uns Sozialkontakt, alle anderen schlafen, wenn wir wach sind oder haben einfach besseres zu tun. Wir lesen manchmal E-Mails, eigentlich wollen wir aber nur schlafen. Wir haben kaum noch was zu reden, ich bin Einzelkind, ich kann nicht immer reden, ich fahre einfach in den stand-by-Modus und bringe K. auf die Palme weil ich nicht mehr mit ihr spreche. Ich verschwinde völlig in meinem Kopf und wische dabei über Bildschirme, ich habe tausend Ideen, kann sie aber nicht aufschreiben, weil ich keine Hand frei habe. ich kann sie mir auch nicht merken, denn ich bin müde. Ich funktioniere. Mehr nicht. K. findet das doof und ich finde sie hat recht, aber ich kann nicht anders. Morgen werde ich mich bessern, heute muss ich schlechte Laune haben. Würde einer kommen und sagen, »Wir demonstrieren da vorn für ein besseres Leben und brennen den Laden hier nieder!«, ich wäre sofort dabei. Der Stumpfsinn macht aus mir ein freies Radikal, ich will alles umhauen, abbrennen, zertreten. Ich will meine Freiheit wieder, ich will Tageslicht, ich will andere Leute sehen.

Irgendwann ist es soweit, die letzte Nacht, wir geben uns keine Mühe mehr. Uns können alle. Wir gehen ständig aufs Klo, wir gehen rauchen, wir essen Obst, wir trinken, wir reden von unserer nahen Zukunft in Freiheit. Der Bummi will den Abschied dramatisch gestallten, wir geben unser Equipment ab und sagen »Schüss!« während er mit offenen Armen vor uns steht. Wir lachen in der S-Bahn nach hause, die Sonne scheint und wir sind fertig.

Sollte ich jemals wieder als Cleaner arbeiten, dann so »Leon – Der Profi« mässig. Da sollte der Bummi gut aufpassen!

1 Kommentar zu diesem BeitragAuch was zu sagen?
  1. großartiger text.

Auch mal das Maul aufreissen?

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