Von Max
»Der Horrorfilm zwischen Anspruch und Klischee«. Zur gleichnamigen Veranstaltung am 29.02.04 im Ilses Erika Leipzig.
Laut Ankündigung der »Fernsehen macht schön«-Crew sollte Horrorfan Donis mit dem Berliner Regisseur Jörg Buttgereit »anhand einer Diskussion, Film und Hörspielausschnitten« die Anziehungskraft des Genres, seine angebliche Gewaltverherrlichung sowie »tausend weitere Fragen« besprechen. Da ich bereits eine Woche zuvor zwei grandiose Horror-Hörspiele des Filmemachers im UT-Connewitz geniessen durfte, waren meine Erwartungen an den Abend entsprechend hoch. Schließlich hat Buttgereit, als einer der ganz wenigen in Deutschland, wirklich sehenswerte Exemplare des modernen Horrorfilms fabriziert, die zudem angenehm aus der Masse der Splattergurken anderer deutscher Regisseure, wie Olaf Ittenbach (The burning Moon) oder Andreas Schnaas (Violent Shit), herausragen. Buttgereits Filme NEKROMANTIK (es geht um Sex mit Leichen) oder SCHRAMM (Into the Mind of a serial Killer) erhielten vor allem in den USA und Japan ihre verdiente Würdigung, mussten in Deutschland dagegen zuerst verboten und dann per Gericht zu Kunst erklärt werden. Auch auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt stehen dem Horrorfan zwei extrem unterschiedliche Hefte zur Auswahl. Zum einen das alle drei Monate erscheinende »Splatting Image«, das neben ausführlichen Interviews und Reviews durch eingehende Analysen verschiedener Filme/Genres begeistert, auf der anderen Seite „X-Rated“, bei dem das Trashniveau von Layout, Filmgeschmack und Schreibstil dem quasi einzigen Schreiber Andreas Bethmann dazu dient, seine eigenen DVD-Veröffentlichungen abzufeiern. Doch zurück zum Thema…
Stargast Buttgereit zeigt sich nicht nur für die Produktion diverser Filme/Hörspiele verantwortlich, sondern ist ob seiner Splatter-Kompetenz von verschiedenen Zeitschriften als Autor gefragt (u.a. Intro), haben doch die hiesigen FeuilletonschreiberInnen den »harten Horrofilm« 20 Jahre hartnäckig ignoriert, bzw. den Splatterfilm höchstens im Zusammenhang mit diversen Teenie-Amokläufen betrachten wollen…
In der ersten Hälfte der Veranstaltung gab es Altbekanntes zur Geschichte des Genres zu hören, auch zu den Taten des 1957 gefassten Massenmörder Edward Gein, der mehreren (Drehbuch)Autoren als Inspirationsquelle diente. Gein entwickelte nach dem Tod seiner herrschsüchtigen, streng katholischen Mutter einen Fetisch für Körper‑/Hautteile und befriedigte diesen auch ausgiebig. Dutzende ältere Frauen, die seiner verstorbenen Mutter ähnelten, wurden von Gein ermordet, ihre Leichen ausgenommen bzw verstümmelt, um schließlich aus den Überresten (Knochen/Haut) Möbel, Masken oder Geschirr zu »designen«. Und natürlich war Gein der Prototyp des unscheinbaren, netten Nachbarn, von den Einwohnern Winsconsins als etwas sonderlich, aber total harmlos beschrieben. Viele dieser Motive finden sich in Mainstream-Streifen wie „Psycho“(1960) oder »Schweigen der Lämmer«(1991), aber vor allem im wesentlich dreckigerem »Texas Chainsaw Massacre«(1974) wieder. Letzter darf gut und gerne als Großvater des Splatters gennant werden, obwohl dort noch sehr mit Blut gegeizt wird. Bereits 1963 hatte Herschell Gordon Lewis in »Blood Feast« Frauen zerschneiden lassen (mit lausigsten Special-FX), doch die verstörende Atmosphäre von »Texas Chainsaw« hatte solcherlei Wundästhetik gar nicht mehr nötig. Neben den harten Fakten gabs zusätzlich einzelne Filmausschnitte und Trailer zu sehen, wobei gerade die deutschen Kinotrailer der 70er für einige Lacher im Publikum sorgten. »Der perverseste, wiederlichste Film, der jemals gedreht wurde… Sie werden diesen Film nie mehr vergessen können…« etc.
Zum Thema Snuff-Filme entwickelte sich dann die erste zaghafte Diskussion im und mit dem Publikum. In diesen Filmen werden angeblich wirklich Menschen ermordet um mit dem Verkauf der Videos an durchgeknallte Sammler ordentlich Geld zu machen. Talkmaster Donis hatte auch schon von dubiosen Freunden aus der Schweiz das Angebot bekommen, einen solchen Film doch mal mit anzuschauen, was er natürlich ablehnte. Man war sich dann auch schnell einig, dass Jeder solche Filme nur vom Hörensagen kenne und deren wirkliche Existenz als sehr unwahrscheinlich betrachtet werden muss. Der Name Snuff stammt übrigens von einem erfolglosen Horror-Regisseur, der 1976 seinem neuesten Film »The Big Snuff« durch die Behauptung, es werde ein realer Mord gezeigt, zu bereiter Publicity verhelfen wollte. »Ein Film der nur in Südamerika gemacht werden konnte – wo ein Menschenleben nicht viel Wert ist« – war auf dem Werbeposter zu lesen. Zur öffentlichen Erstausstrahlung wurden diese gefakten Infos anonym einer Frauenrechtsgruppe zugespielt, die dann auch brav gegen den Film demonstrierte. Den einzig tatsächlich gefilmten Mord, der in ein paar Horrorfilmen zu sehen ist, ist der an Tieren. In einigen italienischen Kanibalenstreifen werden lebende Riesenschildkröten verstümmelt, vorgeblich um die Brutalität des Dschungels darzustellen, tatsächlich wollte der unfähige Regisseur seinen Film vollkriegen und mit dem »Skandal« für kostenlose Werbung sorgen. Buttgereit wies dazu richtigerweise auf die Doppelmoral derer hin, die sich über solche Szenen empören, doch auf ihr Wiener-Würstchen nicht verzichten wollen. Eine Publikumsmeldung machte sich daraufhin für die hiesigen Schlachthöfe stark, die man doch nicht mit der qualvollen Tötung in solch Filmen vergleichen könne. Nur macht es für das Tier keinen Unterschied, ob es für den Verzehr oder zum Abfilmen leiden muss, hier wie dort geht es um Verwertung und auf das Märchen von der humanen Schlachtung braucht hoffentlich nicht näher eingegangen werden.
Die deutsche Zensurpraxis wurde nach der halbstündigen Pause zum Thema. Wie ja bekannt ist, traut der deutsche Staat auch seinen Volljährigen keinerlei Mündigkeit in künstlerischer Fragen zu und entscheidet, was zu sehen erlaubt ist und was eben nicht. Das heißt dann konkret, dass bei der Fernsehausstrahlung von z.B. »Hellraiser« mehr als 30min Film der Zensorenschere zum Opfer fallen und so die Handlung des Streifens für den Zuschauer nicht mehr nachvollziehbar ist. Nicht nur die Goreszenen, auch ganze Film-Charaktere und vor allem Dialoge gehen auf dem Umweg durch die verschiedenen »Jugenschutz«-Instanzen verloren. Auch für den Video/DVD-Markt wird fröhlich an den Filmen herumgeschnitten. Um die vollständigen Werke zu sehen, muss dann auf teurere Auslandsimporte, z.B. aus Holland, zurückgegriffen werden.
Eine Dame aus dem Publikum warf später das Wort Psychoanalyse in den Raum und bekam die Katharsis-Theorie als Antwort. Der Horrorfilm als gefahrlose Befriedigung destruktiver Triebwünsche sozusagen. Viel mehr gab es dazu leider nicht zu hören. Auch das begrüßenswerte Aufbrechen traditioneller Rollenbilder innerhalb des Genres wurde etwas kurz abgehakt. In modernen, vor allem japanischen Werken , rennt die Frau eben nicht mehr hysterisch kreischend die Treppen rauf, sondern ist selbst die sadistische Killerin, wie im zuletzt gezeigten Trailer von »Audition«.
Etwas schwach fand ich die Vorbereitung der Leipziger Gastgeber, die sich meist als Stichwortgeber für ihre Lieblingsfilme sahen, die interessanten Fragen und Diskussionszünder dagegen vom Publikum erwarteten. Dieser Wunsch blieb leider unerfüllt, von Seiten der Zuhörer schimmerte stattdessen ein eher seltsames Verhältnis zum Thema durch. Die zum Schluss vergebenen Freikarten für das Remake des Zombieklassikers »Dawn of the Dead« wollten einige nicht mal geschenkt haben. Komisch, was hat sie dann wohl überhaupt zu dieser Veranstaltung getrieben? Sehr cool dagegen war die Live‑Übertragung der Veranstaltung auf den Fernseher des Nebenraumes. So hatten in der vollgestopften Ilses Erika alle Anwesenden einigermaßen die Möglichkeit, dem Gespräch zu folgen.
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