Vor 20 Jahren rottete sich in der sächsischen Kleinstadt Hoyerswerda ein Mob aus Nazis und Bürgern zusammen und belagerte über Tage ein Wohnheim für ehemalige Vertragsarbeiter aus Vietnam und das örtliche Asylbewerberheim. Für den amtierenden Bürgermeister Stefan Skora Grund genug, am 20.09.2011 in einem Deutschlandfunk-Interview eine Initiative zu diskreditieren, die sich der Erinnerung an die Pogrome verschrieben hat.
Es ist die typische Reaktion eines Resonnanzkörpers, dumpfe Töne in alle erdenklichen Kanäle hinauszutragen, wenn er durch einen Schlag von außen zum Schwingen gebracht wird. Nicht anders bei einem offiziellen Lautsprecher der Mehrheitsgesellschaft. Im Falle von Stefan Skora, Oberbürgermeister des sächsischen Städtchens Hoyerswerda, das im September 1991 aufgrund tagelanger Pogrome in die Schlagzeilen geriet, lässt sich dieses eherne Gesetz des politischen Lebens recht hörbar nachvollziehen. Denn obwohl »diese rassistischen Ausschreitungen des Jahres 1991 zu unserer Geschichte gehören« hat man etwas dagegen, wenn Auswärtige in kritischer Absicht die heimelige Stille stören.
Schaut man zurück auf die Septembertage 1991, springt einem die hässliche Fratze der postnazistischen Gesellschaft ins Auge. Als Nazis auf dem Marktplatz von Hoyerswerda vietnamesische Straßenhändler angriffen und von der Polizei vertrieben wurden, suchten sie sich als Ersatzobjekte ihres Hasses das örtliche Vertragsarbeiterwohnheim und die Asylbewerberunterkunft. Sie belagerten ersteres und lieferten sich Straßenschlachten mit den verzweifelten Bewohnern der Asylbewerberunterkunft. Die Bilder gingen um die Welt, die hinreichend geschockt auf ein wiedervereinigtes Deutschland schaute, dessen Lehren aus der Geschichte in einem Anflug nationalistischen Taumels darin bestanden, sich unter allen Umständen nicht mehr gängeln lassen zu wollen: erst recht nicht von schmarotzenden Ausländern.
Eine besonders ausgeprägte Art der Missgunst gegenüber Fremden, ressentimentgeschwängerter Neid und eine bornierte Paranoia, die sich als pathische Projektion auf die »Anderen« kaprizierte, bildete die Grundlage für die in Hoyerswerda marodierenden Nazis. Zu ihnen gesellte sich spontan die ganz normale Bevölkerung, um – wenn nicht tatkräftig selbst mitanzupacken – dann doch zumindest zu klatschen, zu jubeln und anzufeueren. Hoyerswerda war der erste manifeste Versuch seit 1945, Deutschland wieder völkisch homogen zu gestalten. Jeder bekam sein Stück vom Kuchen und erfüllte seine Pflicht: die Nazis taten das, was sie am besten konnten, die Bevölkerung trug ihre Wertschätzung für die Exzesse auf der Straße spazieren und die verantwortlichen Politiker präsentierten zynische Erklärungen und Problemlösungen. Anstatt den brandschatzenden Mob mit exekutiven Mitteln daran zu hindern, Menschen zu drangsalieren oder totzuschlagen, gaben die politisch Verantwortlichen den sich handfest entladenden Ressentiments der Bevölkerung nach und ließen die Ausländer »im Namen des Volkes« und unter dem Jubel des Mobs aus der Stadt karren.
Ein Jahr später sollte sich diese deutsche Erfolgsstory auf der großen Bühne der Bundespolitik fortsetzen. Als in Rostock, Mannheim und anderswo Brandsätze in die Fensterscheiben sogenannter »Asylantenheime« flogen und man als Migrant vor seinen deutschen Nachbarn nicht mehr sicher war, revitalisierte die Politik das seit 1945 schlummernde Bündnis aus Mob und Elite, um sich missliebige Eindringlinge vom Hals zu schaffen. Die Brände waren kaum gelöscht, als man sich daran machte, das Lauffeuer des ostzonalen Bandenpöbels einzudämmen, indem man die rudimentärsten und nur mühsam abgerungenen Reste politischer Zivilisation im damaligen Deutschland bis zur Unkenntlichkeit wegkokelte: es folgte die faktische Abschaffung des Asylrechts. Der damalige Innenminister Seiters rechtfertigte diesen politischen Schritt mit dem »Argument«, dass seinem Missbrauch des Asylrechts vorgebeugt werden müsse, um rassistische Exzesse zu verhindern. So wurden Migranten kurzerhand selber schuld daran, von Nazis gejagt, verprügelt oder getötet zu werden.
Dass das Problem nach wie vor die Fremden sind, ohne deren Provokationen die Provinz-Idylle weiterhin garantiert wäre – davon geht man offensichtlich auch heute noch in einer der zu DDR-Zeiten geburtenreichsten, mittlerweile demographisch ältesten Ansammlungen Dunkeldeutschlands aus. So will sich auch Hoyerswerdas Bürgermeister Stefan Skora im Deutschlandfunk Interview vom 20.09.2011 den Umgang mit der eigenen Geschichte nicht von diesen Fremden, in seiem Fall mehrheitlich jüngere Antifaschisten und ihre Initiative »Pogrom 91«, diktieren lassen. Letztere engagiert sich derzeit mit Veranstaltungen, Stadtspaziergang und einer Demonstration thematisiert die rassistischen Übergriffe 1991 und wendet sich gleichzeitig gegen die städtische Gedenkpolitik und ihren Hang zum Verdrängen und Vergessen.
Skora ist angesichts dessen »natürlich auch enttäuscht darüber, dass Hoyerswerda wieder als, ich sage mal, Demonstrationsort für viele Auswärtige – das muss man ja bei dieser Demonstration ja sagen, genutzt wurde.« Dass die Auswärtigen schon deswegen keine Ansprüche stellen dürften, belege schließlich deren falsche Interpretation der Geschichte. Denn Skora findet, dass »das Wort ‚Pogrom’ nicht gut« ist, »weil ich das mit Mord und Völkermord verbinde, aus der Historie heraus.« Wörter wie »Mord« und »Pogrom« machen sich in den Annalen einer Stadt einfach nicht gut, die seit Jahren um ihre Existenz kämpfen muss, zumal die meisten Protagonisten der 1991 zuerst spontanen, danach organisierten Manifestationen deutschnationaler Nächstenliebe wohl immer noch dort leben dürften und sich Skora von ihnen wählen lassen will. Auch deswegen spricht er seiner Gemeinde aus der Seele, wenn er darauf hinweist, »dass wir die Bezeichnung ‚Pogrom 91‘ als eine Beleidigung für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Hoyerswerda auffassen.« Selbst Schuld, wenn man »gewisse Dinge auch bewusst provoziert,« sind in dieser Logik vor allem solche Leute, wie die Filmemacherin Julia Oelkers, die mit drei ehemaligen Betroffenen an den Ort der Pogrome für eine Reportage zurückkehrte und die rassistisch beschimpft wurden: »bei dem Kamerateam sage ich ganz eindeutig: So, wie ich es erlebt habe in der bedrängenden Situation auch mir gegenüber, sehe ich auch schon eine gewisse Interessenlage.«
Obwohl in den letzten Jahren ein gesellschaftlicher Klimawandel stattgefunden hat und die rassistische »Tatgeneigtheit« vor allem in ostzonalen Landstrichen vom größten Teil der Berliner Republik abgelehnt, bekämpft oder zumindest in seine Grenzen verwiesen wird, zeigen sich anlässlich des 20. Jahrestags der Pogrome von Hoyerswerda die sensiblen Bruchstellen des modernen, weltoffenen Deutschlands. Deutlich wird ein Auseinanderklaffen von Metropole und Peripherie – den halbwegs zivilgesellschaftlich eingenordeten Großstädten und unverbesserlichen Browntowns. Während in letzteren gegen halluzinierte »Provokationen« nicht mehr im Schulterschluss zwischen Mob und Elite vorgegangen werden kann, weil den gewalttätigen Rassisten die Schützenhilfe aus Innenministerium und Kanzleramt abhanden kam, sind vor allem die Zonis in Hoyerswerda und anderen Provinznestern heute ganz auf sich gestellt. Für die harmonische Ruhe im Ort müssen sie sich allein und auf allen Ebenen gegen das »Andere« wehren: gegen undeutsche Migranten, die am 20. Jahrestag der Pogrome wieder an den Ort des Geschehenen zurückkehren und rassistisch beschimpft werden, gegen unliebsame Journalisten, die darüber berichten und gegen auswärtige antifaschistische Demonstranten, die auf das Geschehene und den Umgang damit kritisch hinweisen.
Wo Ersteren eine wie auch immer geartete »Interessenlage« angedichtet wird und Letztere als »Extreme« abgekanzelt werden, finden »demokratisch orientierte Mensch(en)« wie Bürgermeister Skora in stillem Gedenken zusammen, das so trefflich ins Bild passt: über den eigenen Rassismus der Stadt damals wie heute zu reden – das wäre dann doch zu viel des Guten. Angesichts der Verdächtigung bis Ablehnung von Migranten oder ortsfremden Störenfrieden und dem großzügigen Schweigen gegenüber rechten Taten betont Skora im Deutschlandfunk kämpferisch: »(I)ch wehre mich dagegen zu sagen, dass sich bei uns nur die Rechten wohlfühlen.« Auch 20 Jahren nach den Pogromen ist Hoyerswerda redlich darum bemüht, dass sie sich auch wohlfühlen.




hannes
26.09.2011
bemerkenswert auch der unterschied zwischen diesem: http://www.youtube.com/watch?v=aS_It3GIb3U& (mdr) und diesem: http://www.youtube.com/watch?v=ryRG-M9Ijpk& (wdr) bericht 20 jahre danach. das gleiche filmteam, zwei unterschiedliche grundaussagen.