Von Nikita
Zu spätem Ruhm kam in der deutschen Linken, die sich der Kritik an Antisemitismus und Antizionismus verschrieben hat, Jean Amérys Essay »Der ehrbare Antisemitismus«. Darüber hinaus weiß die/der eine oder andere noch darum, dass von ihm ein Werk namens »Jenseits von Schuld und Sühne« existiert. Sein vielfältiges, vor allem essayistisches, aber auch literarisches Werk, das sich mit Philosophie, Kulturkritik, Politik und Zeitgeschehen beschäftigt, ist aber in erster Linie unbekannt. Der radikale Intellektuelle und Romancier Jean Améry sollte jedoch jeder/jedem, die/der sich dem kritischen Denken verpflichtet fühlt, zumindest ein Begriff sein.
Geboren wurde Jean Améry als Hans Mayer (Jean ist die französische Entsprechung zu Hans; Améry Anagramm von Mayer) in Österreich. Er absolvierte eine Buchhändlerlehre und beschäftigte sich in seiner Jugend intensiv mit den Schriften der Wiener Neopositivisten um Schlick und Carnap. 1938 verließ er Österreich in Richtung Belgien, wo er sich nach der Okkupation durch die Deutschen einer deutschsprachigen Gruppe im antifaschistischen Widerstandes anschloss. 1943 wurde er festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Er überlebte und ging nach der Befreiung wieder nach Belgien. Bis 1964 weigerte er sich in Deutschland/Österreich zu publizieren; verlegt wurde er vor allem in der Schweiz.
1966 erschien dann „Jenseits von Schuld und Sühne – Bewältigungsversuche eines Überwältigten“ in Deutschland. Helmut Heißenbüttel hatte ihn überzeugt, für deutsches Publikum zu schreiben. Ausschlaggebend für sein spätes Zeugnis-Ablegen waren die Frankfurter Auschwitz-Prozesse zu Beginn der 1960er Jahre. »Jenseits von Schuld und Sühne« hebt sich dadurch von anderer Shoa-Memoirenliteratur ab, dass Améry vor allem in den Kapiteln »Über Zwang und Unmöglichkeit Jude zu sein« und »Ressentiments« zu einer Reflexion des Antisemitismus anhebt, der ihn als akkulturierten Juden erst wieder als Juden bestimmt; und sich darüber hinaus um die Erhellung seiner eigenen Ressentiments gegenüber der deutsch‑österreichischen Täternation bemüht.
»Ressentiments« glänzt durch eine unglaublich hellsichtige Analyse über Wesen und Funktion der deutschen »Vergangenheitsbewältigung«, die sich damals schon abzeichnete und heute mehr als bestätigt hat. Auch seine Beschreibung der deutschen TäterInnen ist brilliant. Hinzu kommt sein permanenter Widerspruch gegen alle nivellierenden Vergleiche der Shoa bzw. des Nationalsozialismus mit anderen Ereignissen in Vergangenheit und Gegenwart. »Das Reich Hitlers wird zunächst weiter als ein geschichtlicher Betriebsunfall gelten. Schließlich aber wird es Geschichte schlechthin sein,(…) blutbefleckt vielleicht, aber doch auch ein Reich, das seinen Familienalltag hatte. Das Bild des Urgroßvaters in SS-Uniform wird in der guten Stube hängen, und die Kinder in den Schulen werden weniger von den Selektionsrampen erfahren als von einem erstaunlichen Triumph über allgemeine Arbeitslosigkeit.(…) Was 1933 bis 1945 in Deutschland geschah, so wird man lehren und sagen, hätte sich unter ähnlichen Voraussetzungen überall ereignen können – und wird nicht weiter insistieren auf der Bagatelle, dass es sich gerade eben in Deutschland ereignet hat und nicht anderswo.(…) Alles wird untergehen in einem summarischen »Jahrhundert der Barbarei«.«
Améry gelingt allgemein eine unglaubliche Vergegenwärtigung des Geschehenen; weniger durch das Erwecken von Emotionen beim Leser, sondern vielmehr durch eine Reflexion, die behutsam, gekennzeichnet durch einen unglaublich vorsichtigen Gebrauch von Begriffen, versucht das Unfassbare zu erfassen. Seinen Verlust des Weltvertrauens veranschaulicht der permanente Rückbezug auf seine Erfahrungen; ausgehend von der Ich-Perspektive beschreibt er jedoch immer Objektiv-Gesellschaftliches und Zeitsymtomatisches.
»Jenseits von Schuld und Sühne« ist ein gelungenes Beispiel dafür, durch das Beharren auf der Irreduktabilität der deutschen Tat trotzdem Antisemitismus als eine Gedankenform (Denkform?) zu beschreiben, die im Angesicht von Judenverfolgungen im, von den Deutschen, besetzten Europa nirgendwo besondere Empörung hervorgerufen hat, sondern vielmehr auf ein gewisses Einverständnis traf. Dieses gewisse Einverständnis vermutet Améry auch bei den Alliierten, die trotz der militärischen Möglichkeit bspw. die Gleise nach Auschwitz nicht bombardierten.
Auch der sich in verschiedene Formen wie Anti-Intellektualismus, Anti-Kommunismus oder auch Anti-Zionismus bzw. aufdringlichen Philosemitismus transformierenden Antisemitismus in Deutschland, und nicht nur dort, nach 1945 wird entlarvt. Aus der Erkenntnis, dass Auschwitz gesellschaftlich determiniert war und Antisemitismus ein auch nach 1945 zu neuer, wenn auch anderer, Wirkungsmächtigkeit gelangendes Weltübel ist, leitet Améry schlüssig die Forderung nach einer Solidarität mit dem Staat Israel als realem und virtuellem Fluchtpunkt für Jüdinnen und Juden in aller Welt ab, und zielt damit vor allem auf eine Linke, die sich nicht selbst aufgeben will, der er sich verpflichtet und zugehörig fühlt.
Dies hält Améry nicht davon ab, vor allem in den Jahren 1968 ff. die deutsche Linke massiv zu kritisieren; eine Linke, die in der Entdeckung von Faschismus überall auf der Welt eine Entschuldung der elterlichen TäterInnen vornimmt und sich so ungebrochen mit dem deutschen Kollektiv identifiziert.
Philosophisch grenzt sich Améry, vor allem hinsichlich der Analyse des Nationalsozialismus, gegen Günther Anders und Hannah Arendt ab. In »Jargon der Dialektik« wendet er sich auch gegen die Kritische Theorie bzw. deren unkritische Apologeten, denen er vorwirft, Dialektik als bloßes Stilmittel zu gebrauchen und zum magischen Schlüsselwort aufzudunsen. In diesem Zuge positioniert er sich auch gegen den (Post)strukturalismus, wobei seine Kritik im Besonderen auf Foucault zielt. Ihm wirft Améry Antihumanismus vor, da hinter Sprache, Form und Struktur das Individuum zu verschwinden droht. Das Mittel gegen Irrationalität und Anti-Aufklärung ist für ihn die radikale Vernunft, die die Fähigkeit des gegen-sich-denkens impliziert.
Als zentrale Begriffe Amérys können Revolte und Resignation festgemacht werden. Revolte meint den permanenten Einspruch und Widerstand gegen eine auch nach Auschwitz schlecht verfasste und antisemitisch agierende Gesellschaft; Resignation die Erkenntnis, dass sich Vergeben, Vergessen und eine grundfalsche Versöhnlichkeit trotz der jüngsten brennenden Vergangenheit breit machen. Er als zufällig Überlebender sieht sich und seine Erinnerungen so bedroht. Als Fluchtpunkt mag da sein Bezug auf die Aufklärung gelten, der er, wenn sie zu Kritik und auch Revision eigener Positionen fähig ist, einzig eine Annäherung an Wahrheit zubilligt.
Jean Améry nimmt sich 1978 in Salzburg das Leben, jedoch nicht ohne zuvor in »Hand an sich legen – Diskurs über den Freitod« den Suizid existentialistisch als letzte freie Entscheidung des Individuums zu rechtfertigen. Améry, dem als ein kritischer, unversöhnlicher und antideutscher Denker, zunehmend das Vergessen droht, sollte so einfach nicht der Bedeutungslosigkeit preisgegeben werden. Durch die Edition seiner Schriften, mit der 2002 begonnen wurde und die auf 9 Bände angelegt ist, mag es wohl gelingen, das Werk des Autors dem Vergessen zu entreissen.
Schlimmer als alle Ignoranz ist jedoch das Verwischen von Amérys radikalen Position gegen den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit im bürgerlich-deutschen Feuilleton. So wird in »Die Zeit« Nr. 4/2004 behauptet, dass Améry in diesem, meines Erachtens zentralen, Punkt Unrecht hatte, da die Deutschen doch in puncto Integration der Vergangenheit unglaubliches geleistet hätten, was Améry noch nicht hätte wissen können.
»Was geschah, geschah. Aber daß es geschah, ist so einfach nicht hinzunehmen. Ich rebelliere: gegen meine Vergangenheit, gegen die Geschichte, gegen eine Gegenwart, die das Unbegreifliche geschichtlich einfrieren läßt und es damit auf empörende Weise verfälscht.(…)Aufklärung kann ihrer Aufgabe nur dann gerecht werden, wenn sie sich mit Leidenschaft ans Werk macht.« J.A.
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