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Als was geht Gott an Karneval?

Abrechnendes zur »fünften Jahreszeit«

Der noch nicht einmal witzige Spruch vom Leben, das kein Ponyhof sei, ist mittlerweile zu einem der beliebtesten Zitate vor allem junger Erwachsener geworden. Er kann als infantile Verlängerung eines Humors gelten, in dem die verbissene Drohung gegen all jene schon angelegt ist, die nach dem Gutdünken der Zeitgeister als untauglich und zu weich für dieses Leben gelten. Wer sich aber das gute Leben bloß als Ponyhof vorstellen kann, lässt selbst keinen Zweifel daran, wie es um seine eigene geistige Tauglichkeit bestellt ist.

Weil das richtige Leben also kein Ponyhof ist, doch – so viel Küchenpsychologie ist mittlerweile in jeden Haushalt eingezogen – ein bißchen Dampf ablassen nicht schaden kann, sollen demnach wohl wenigstens die Karnevalstage dafür sorgen, sich endlich einmal aller inneren und äußeren Zwänge entledigen zu können und so richtig die Sau raus zu lassen. Nicht nur in den allseits bekannten Hochburgen lässt sich dann beobachten, wie jede Regung von spontaner Freundlichkeit und distanzierter Zwanglosigkeit mit dumpfer Bierseligkeit und kalauernder Mobilmachung erstickt wird. Ob man die folgende Zeit nun als Fasching, Fastnacht oder Karneval bezeichnet, sich dafür also in Köln, Basel oder Rottweil befindet, macht bei allen traditionellen Differenzen solcher Veranstaltungen nur einen graduellen Unterschied aus. Der Hang zur Selbstabstumpfung, der gerade im deutschen Sprachraum schon immer nicht nur groß-, sondern auch kleingeschrieben wurde, kommt im Karneval als liederlichster Form des Lachens auf Kosten anderer zur Geltung – weswegen an solcherlei Veranstaltungen und dem, was dort als Humor verstanden wird nichts mehr zu retten ist. Wer sich den Fasching der Gegenwart als Umkehrung geschichtlicher Hierarchien zurechtschustert, in denen all die vom Leben betrogenen wenigstens für kurze Zeit zum Lachen kommen können oder die stattfindenden Karnevalsumzüge gar als Vorboten eines subversiven Spektakels interpretiert, an die sich immerhin positiv anknüpfen lassen könnte, hat nicht mehr alle Bonbons in der Tüte.

In der Tat finden sich, etwa bei dem sowjetischen Literaturwissenschaftler Michail Bachtin, zwar nicht zu Unrecht historische Rekonstruktionen des Karnevals als dezidiert antiautoritärer Veranstaltung. Doch Bachtin ging es wohl weniger um die ritualisierte Form des Karnevals, sondern um die selbstbewusste Sichtbarmachung eines tatsächlich dahinvegetierenden gesellschaftlichen Bodensatzes dieser Zeit, der sich im positiven Bezug auf den Schmutz und die Hässlichkeit, der ihn umgab, sowie im Lachen über die Autoritäten, die dafür verantwortlich waren, darstellte – davon abgesehen, dass diese Rekonstruktionen vielleicht auch als subtile Chiffre seiner persönlichen Kritik an Stalin gedeutet werden könnten, dem er immerhin eine jahrelange Verbannung zu verdanken hatte. Bachtin begab sich in seinen Rabelais-Studien auf die Suche nach einer zwar volkstümlichen, aber explizit nicht völkischen Feierkultur. Er deckte die Elemente einer Lachkultur auf, die eng mit dem Karneval verbunden war und die den damaligen Herrschern mit dem gesellschaftlich ausgeschlossenen »Anderen«, »Schmutzigen«,»Geächteten« tatsächlich auf eine bis dato seltsam unkonventionelle Art konfrontierte. Zu dieser Zeit schien der Karneval eine reale Außerkraftsetzung der herrschenden Ordnung zu sein, die damals noch nicht als allumfassendes Gesellschaftsverhältnis in die psychische Struktur der Menschen hineinverlagert war, sondern vor allem von außen an diese herangetragen wurde.

Das Lachen in einer Zeit einzufordern, in der es noch weniger als heute zu lachen gab, mag damals vielleicht noch wohlwollend als subversives Anhängsel gedeutet werden können – spätestens seit der Universalisierung der Kulturindustrie in Gestalt von ständig vereinnahmender guter Laune, bei der jeder mitzutun hat, gilt gerade für den deutschen Fasching, wie überhaupt für nahezu jede öffentliche Form von deutschem Humor, vielmehr jenes »oberste Gesetz«, das Adorno und Horkeimer in der Dialektik der Aufklärung so treffend formulierten: »dass sie [die Menschen] um keinen Preis zu dem Ihren kommen, und daran gerade sollen sie lachend ihr Genüge haben.«

Gerade die Nazis erkannten schon früh, wie sehr der deutsche Karneval gar nicht mehr von außen im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie diszipliniert werden musste, sondern die Gleichschaltung schon in ihm selbst angelegt war. Die anfängliche Skepsis der Nazis gegenüber den unterschiedlichen karnevalistischen Traditionen – sie befürchteten, dass der Karneval zu Widerspruch und Verhöhnung der nationalsozialistischen Bewegung führen könnte – wich schnell einer instrumentellen Begeisterung, weil schon früh jene anderen Elemente des Karnevals erkannt wurden, die der Nazi-Ideologie verwandt waren. Gerade die im Karneval angelegte Rigidität, der Hang zum Lachen über vermeintlich altbackene Institutionen waren seit jeher auch die tragenden Impulse nationalsozialistischer Ideologie. Schließlich waren auch die Nazis alles andere als selbst nur konservative Bürgerliche, sondern sahen sich mindestens zu gleichen Teilen als anti-autoritäre, anti-bürgerliche, anti-konservative Revolutionäre. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich der repressive Kern der oft als Zeichen von Subversivität oder Anarchie missverstandenen Konventionsverachtung des deutschen Karnevals begreifen, die diesen mit dem Nationalsozialismus bei näherer Betrachtung so eng verbindet. In ihrem Hohn über die alten, verklemmten Autoritäten, die im Namen von vermeintlicher, vor allem rheinischer Lebensfreude und schwäbischer Bauernschläue in den Reden drangsaliert wurden, klangen die Karnevalisten kaum anders als die Nazis, deren Vorstellungen von autoritärer Vitalität, anti-moderner Erneuerung und chauvinistischem Spott über das Alte von den Faschismusanalysen immer noch zu wenig beachtet werden. Das oftmals eingestreute Argument, dass sich diverse Karnevals‑ und Faschingsgesellschaften zur Wehr setzten, als es an die Eingliederung dieser in die »Kraft durch Freude«-Organisationen ging, schließt deren ideologische Nähe zum Nationalsozialismus nicht aus. Ganz im Gegenteil: auch die SA, lange Zeit treibende Kraft der Faschisierung der deutschen Jugendlichen und Heranwachsenden, ließ sich schließlich trotz ihrer nationalsozialistischen Grundlage auch nicht von den alten »Parteibonzen« gängeln, die ihnen ihrerseits zu konservativ und träge waren.

Dementsprechend mussten sich die wenigsten Karnevals‑ und Faschingsvereine gleichschalten lassen. Am Zusammenspiel von volkstümelnden Traditionen und niederträchtigem Humor fanden die Nazis einige Versatzstücke ihrer Ideologie wieder. Der Kölner Rosenmontagszug beispielsweise – das berichtete die Taz vor einigen Jahren – »entsprach den Erwartungen der neuen Machthaber: ‚Der Zug hatte nichts Improvisiertes, Volksfremdes, wie das in den Nachkriegsjahren unter den mannigfachen Einflüssen liberalistisch-marxistischer Strömungen der Fall gewesen war. Kein überladener Schmuck, kein verlogener Prunk, sondern urwüchsiger Humor, volkstümlich in der Darstellung, passte er sich ganz natürlich in den Rahmen des Volksfestes ein’, zog der Westdeutsche Beobachter am 1. März 1933 eine positive Bilanz.« Begeistert konstatierte das NSDAP-Blatt: »Der Kölner Karneval war wieder ein echter Volkskarneval und keine Massenfabrikation, keine Konfektionsware aus dem jüdischen Warenhaus.«

Mit zivilisierter Freude und geistreichem Witz, beides eher englische Angelegenheiten, hat der Fasching und der Karneval auch heute noch nichts zu tun. Denn hielte man es mit einem Humor, der auch den gegenwärtigen Wahnsinn nicht nur angemessen kompensiert, sondern ihm ans Leder geht, müsste man schließlich zu allererst über sich selbst lachen. So lange man aber lediglich die »Großkopferten« in obszönen Gesten verunglimpft, »Heuschrecken« zum Abschuß frei gibt und sich darauf beschränkt, irgendwelchen Politikern die Krawatten abzuschneiden, ist der Karneval nichts anderes als ein Beitrag zur weiteren Verschärfung des jämmerlichen und stets grinsenden Zeitgeists.

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