Die Party ist vorbei

Von Bastian Bredtmann

Die Band Muff Potter hat sich aufgelöst. Ein Nachruf.

Nur die äußerste Ferne ist die Nähe und der Zwischenraum derjenige der Erfahrung. Muff Potter, diese Punkmusikgruppe aus Rheine, dann Münster, mittlerweile vielleicht Berlin, hat sich kürzlich aufgelöst, nach 16 Jahren, sieben Alben, sechs Singles, einer Kassette und unzähligen Konzerten ist nun also »auch mal Schluss«.1 Und in einem sogenannten Dritte Welt Land fällt ein Sack Reis um, mag der eine denken; was hat das jetzt alles noch für einen Sinn, die andere. Ich war, ich bin, ich werde sein, sagte Rosa Luxemburg kurz bevor sie ermordet wurde. Muff Potter, ein »Monster, larger than life«, das immer »young until i die« sein wollte und darüber hinaus, »forever«, ist nicht »unkaputtbar« – der »besiegte Sieger macht Platz« und – vielleicht ein Stück dialektische Logik – »alles endet, wo es begann?«

Es endete mitten in den 90er Jahren, diesem grässlichen Jahrzehnt der Lichterketten und der sadomasochistischen Besinnung auf Arbeit via Privatfernsehen, der Fratze von Öffentlichkeit. Zu dieser Zeit erschien die Demokassette und sodann das Debutalbum von Muff Potter – auf Perkoro, dem Label mit den L-Bands. Das Plastic Bomb werturteilte erst »Emo«, dann »intelligenter, deutschsprachiger Punkrock«; ersteres hieß seiner Zeit noch leiden, schreien und Sachen kaputtmachen, letzteres war Synonym für Blumen Am Arsch der Hölle, Boxhamsters, Ea80 und manchmal auch für die Sozialdemokraten von But Alive. Überhaupt eine seltsame Melange aus Reform und Verweigerung, die sich da zeitigte: Die APPD war noch nicht (ganz) Karikatur ihrer selbst, in selbstgemachten Fanzeitschriften im A5 Format reflektierten junge Männer wahlweise darüber, ob Masturbation Sexismus sei oder wer nun die erste Punkband war: die Ramones oder die Sex Pistols, ob Oi!-Punk Neofaschismus bedeute oder einfach die andere Seite der Medaille, die, für immer, die eigene sein sollte. Der Altpunk im AJZ oder im besetzten Haus sagte einem, gerade mal 15 oder 16, dass das alles, was doch gerade erst so richtig los zu gehen schien, auch nicht mehr das Wahre sei. Und das Urlaubsziel hieß selbstverständlich London, wenngleich man freilich Urlaub verabscheute. Lieblingsfilm: Sid & Nancy. Tut das weh? Und, zack, den Kopf gegen die Wand. Punk kam überall dazwischen. Und man war nichts anderes mehr. Es gab nichts anderes mehr. Martin Büsser hat versucht, das zu erklären und wurde gehasst dafür. Die Wirklichkeit war unwirklich von Montag bis Freitag, bis die Regionalbahn irgendwann abfuhr, irgendwohin, bloß weg, zu einem Konzert etwa. Mithin ein bisschen »Fahrtwind«. Bundeswehrrucksäcke, gefüllt mit Hansa Pils und Karlsquell, diesem Weißwein von Aldi oder Le Patron von der Tankstelle, fielen in den Jugendzentren der norddeutschen Provinz ein; in Lingen, Peine, Delmenhorst, Wittmund, Oldenburg, Kiel Aurich, Rendsburg, manchmal occupied by Punx, oftmals unter der streng-liebevollen Regie des örtlichen Sozialarbeiters. Danach immer: Theke, »Bordsteinkante«, Bahnhof, in dieser Reihenfolge und tags drauf hat man erfahren, dass man auch dort war. Die Kidpunx, Politpunx, Strassenpunx, nicht immer in dieser Reihenfolge, haben vielleicht nicht erlebt, was andere nicht mal ahnen, zumindest aber, was die anderen (Eltern, Lehrer, Mitschüler) nicht verstehen. Das war die herbeiphantasierte Avantgarde und Vorkriegsjugend zugleich; in diesen zeitlosen Zeiten war es eigentlich immer nur eine Frage der Zeit, mit der man nicht wusste, was mit ihr anzufangen sei, bis das alles zusammenbricht, dieses Schlamassel. Und Muff Potter waren der Soundtrack zum Untergang. »Es geht endlich wieder Bergab«, singen sie auf ihrer letzten Platte, scheinbar an die ersten beiden Alben in verwandelter Form anknüpfend.

Und während die Übrigen gerade anfingen, Oasis zu hören, Michael Jordan gut zu finden oder die zukünftige Karriere als sogenannte Zahnarztfrau qua Lebestil zu antizipieren, war man viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um davon überhaupt Notiz zu nehmen. Retrospektiv ist alles ein Sog: aus Abscheu, Sorge, Hoffnung, Wut. Was ist hier überhaupt noch real und was nicht? Bin ich es? Nur gleiches lässt sich mit gleichem vergleichen. »Niemand ist wie ich«. Und kein »Fotoautomat« ist in Sicht. Und, ja, es war immer schon »zu spät«. 1987 war nicht 1977 und 1997 war es erst recht nicht. Indes: man hatte hier wirklich keine Zukunft, nur die Gegenwart, dessen schönster Platz in der weißen Mittelklassehölle wahlweise die Front oder die Theke hieß. Rasend-lärmende Tage, an die zu erinnern eigentlich unmöglich ist. Man sagt, dass Hundebesitzer zusehends ihren Vierbeinern ähneln. Hier waren die Menschen wie die Dinge. Sie sahen wirklich aus wie die Doppelhaushälfte, wie das Garagentor, wie der Jägerzaun: unförmig entstellt. Das waren Kapitalsubjekte, mit Haut und Haaren von dieser Gesellschaft gefressen und wohl verdaut. Uns hingegen hat man wieder ausgekotzt.

Und dann waren da Muff Potter. Die machten keinen Fun, auf deutsch: Stahlbad, wie die Goldenen Zitronen, die hatten auch keinen bierernsten Staats‑ und Polizeifetisch und die fuhren erst recht nicht, zu unsäglichem Offbeat, vom Flaschenpfand in Urlaub. Die hörten, offensichtlich, Jawbreaker, Slime, Cotzbrocken, A+P, Rusty James, Amen 81.

Die lasen, offensichtlich, Bukowski und Ulrike Meinhof. Die fanden, dass Fleisch Mord sei und dass das herkömmliche Einkaufszentrum einer Kleinstadt einem »Glitzer-KZ« glich, dass CDs der Untergang von irgendwas bedeuteten, dass man niemals im Leben arbeiten oder studieren würde und so fort. Punk sei Dank war das alles auch gar nicht widersprüchlich – dieser Sumpf war Realität. »Lustig und traurig« und, kurzum: unwahr. Muff Potter sangen deutsch und hassten Deutschland, was sie aber nicht extra betonen mussten, das war klar: Form und Inhalt schien das mit jeder Zeile und jedem Akkord herauszuschreien und zu bestätigen. Undenkbar wäre, was heute bei jungen Männern und zusehends auch Frauen, die Rockmusik machen, gang und gebe ist, dass sich Muff Potter in einem Interview affirmativ zur deutschen Sprache, zum sogenannten deutschen Kulturgut äußern würden. Ganz im Gegenteil: haben sie doch später einen Song komponiert, der, wie hilflos auch immer, dezidiert gegen den Quotenwahnsinn Stellung bezieht (im Vergleich: den Deutschpop-Bands, die Erscheinung für das Wesen nehmend, fiel in summa nichts besseres ein, als zu monieren, dass von einer Deutschquote im Radio doch nur die Wolfgang Petrys profitieren würden, während sie mit ihrem eigenen subkulturindustriellen Schrott weiter dahin darben müssten). Aber das politische Lied war, von einem auf die Füße gestellten »Mensch Meier« Ton Steine Scherbens abgesehen, bei Muff Potter die Ausnahme, nicht die Regel. Thematisch waren vielmehr Kleinigkeiten des sogenannten Alltags. Alles schien zerbrochen und in jedem Splitter spiegelte sich doch noch das Ganze, das bekanntlich das Unwahre ist. Hier zeigte sich plötzlich eine Haltung, die sagte: alles ist doof, alles ist Mist, ich werde getreten und ich trete zurück. Muff Potter lösten sozusagen ein, was man Slime nie so recht glauben mochte: Brüllen und Zertrümmern. Das waren Jugendliche, die nicht nur die Landjugend satt hatten.

Muff Potter – das war der unbewusste Ausdruck der Langeweile der Moderne. Die »ausgelutschten Stunden«, die mit dem »Vertrag mit dem Stumpfsinn« koinzidierten, die Entfremdung zwischen Menschen und Dingen und zwischen den Menschen konnte offensichtlich nur durch den Rückgriff auf infantilen Wortwitz zum Schein überwunden werden. Das war alles urkomisch und todtraurig zugleich. Später, zusehends unpassend, hatte das teilweise nur noch unfreiwillige Komik. Mag sein, dass das absolute Entgegensetzen von vermeintlich jugendlichem Charme gegen die böse Welt der Notwendigkeit dem Leben einer erfolgreichen Rockband einfach nicht mehr entspricht. Die Geste für einen vermeintlich kleinen Kreis von Wissenden und, mehr noch, für die eigene Gemeinschaft der »Guten«, funktioniert nicht (mehr), wenn man Publikum hat – und braucht. Campino-Prinzip. Das Ergebnis jedenfalls klingt und liest sich wie: Böhse Onkelz covern Tocotronic. »Mit Phantasie gegen Lethargie«? Das hätte auch Hartmut Engler, Marcus Wiebusch oder Robert Stadlober formulieren können. Was freilich immer schon angelegt war bei Muff Potter ist jetzt erst vollends entfesselt und ehrlich und authentisch bedeutet richtig übersetzt immer schon schmierig, »ekelig«, gruselig.

Punk war die letzte Jugendbewegung, die nie eine Bewegung sein wollte, nach Punk kam nichts mehr. Muff Potter haben sich selbst überlebt und waren vielleicht der letzte Ausdruck dessen. Und was ist »das Ende vom Lied? Die Party« jedenfalls, heißt es auf der letzten Platte, »ist vorbei«, wahrscheinlich schon seit Jahren.

Anmerkungen

  1. Kursiv gesetzte Passagen von Muff Potter, 1994–2009.()

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