Von Sebastian
Ein Spaziergang durch die Innenstadt hält mitunter Erfrischendes bereit. Manchmal ein geschmackvolles Eis, hier und da ein Café Latte oder antifaschistische DEFA-Klassiker im Video-Sonderangebot. Da möchte man glatt von Vorzügen des urbanen Lebens reden, wüsste man nicht genau, dass ein zonales Kaff wie Leipzig dieses Gütesiegel nicht verdient.
Der soeben beendete Besuch der City hat unter diese Weisheit seinen Stempel gesetzt. Von der Vorstellung scheinbar völlig weggeklinkt für ein paar Wochen zum Nabel der Welt zu avancieren, rutschen groß und klein, Vati und Mutti, der Manager und der Imbissbuden-Besitzer nah aneinander.
Die »Leipziger Freiheit« verlangt nach ihnen und sie folgen. In der zivilgesellschaftlichen Traditionslinie seit 1989 wurde das engagierte Mitmachen zur Bürgerpflicht über die sich die Stadt identifiziert. Es kommt gewiss nicht von ungefähr, dass man in Leipzig Kid-Punks treffen kann, die sich mit ’nem Edding »Gegen Nichts!« aufs T-Shirt malen. Nachdem ihre Eltern den Niedergang der DDR per Fußmarsch durchsetzen konnten, richten sich deren heißgeliebte Montagsdemonstrationen mittlerweile gegen Krieg, Studiengebühren, Neonazis, Schulschliessungen oder die schlechte Organisation der Olympiabewerbung. Was eben gerade ansteht. Angesichts dessen muss wohl jede vernünftige Jugendrebellion zunächst kollabieren und einen auf Überaffirmation machen.
Die Demokratie von unten wurde hier verwirklicht. Die Leipziger Massenaufmärsche als Winkewinke-Events der symbolischen Poltik haben nicht viel mit dem Bürgerinitiativen-Charme Alt‑’68er-Formalkritik gemein. Hier sind entweder alle dafür oder alle dagegen!
Folgerichtig, dass die deutsche Bewerbung gewillt ist, diesen Umstand zum Standortvorteil aufzuspielen. »One Family« als Motto der Leipziger Bewerbung ist mit Sicherheit das Einzige, was ein deutsches Dorf gegen Metropolen wie Rio de Janeiro, Madrid, Moskau, New York, Paris, Havanna, Istanbul oder London in die Waagschale zu werfen weiß. Das Konzept »die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen« kommt als kosmopolitisch gewandete Light-Version von Volksgemeinschaft daher, in der sich deutsche Begeisterung und Tatendrang diesmal nicht an der Deportation von Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Sinti, Roma oder Homosexuellen entlädt. Leipzig 2004 ist glücklicherweise ziviler unterwegs: Ob beim 24-Stunden-7‑ Tage-die-Woche-Staffellauf oder einer Autoaufkleber-Kampagne nach der so ziemlich alles was ’nen Motor besitzt mit dem Olympia-Wappen bedacht durch die Stadt cruised – für jeden Geschmack ist was dabei.
Heute durfte es eine große Menschenkette sein, die anlässlich einer betont unsportlichen Demonstration gegen die Spiele aus der zivilgesellschaftlichen Zauberkiste gezogen wurde. Der gemeine Leipiger Bürger war von den Organisatoren angehalten, als Jubelmasse hinter den Olympiavisionen der Stadt zu stehen. Und das tat er auch. Aufgereiht und sich an den Händen haltend, harrten hunderte Ossis in der Innenstadt aus, als ob es an einem Samstag-Nachmittag nichts Erfüllenderes gäbe. Freundlicherweise war das Wetter der Unternehmung wohl gesonnen und spendete Regen in rauen Mengen.
Der erschrockene Beobachter meinte eine verbissene Würde auf jenen Gesichtern der »One Family« entdecken zu können, über die sich größere Wassermassen als Geschenke des Himmels (danke Gott!) schoben. Dennoch – man war den Umständen entsprechend gut gelaunt, wahlweise mit Luftballons oder Bier bestückt und das nicht zuletzt weil doch die Richtigkeit der Unternehmung nicht in Zweifel gezogen werden kann. Die sechs großen Werte – Image, Ruhm, Weltgeltung, Arbeitsplätze, Arbeitsplätze und Arbeitsplätze – sprechen ja für sich.
Einen deutlichen Aufwind bekam die Veranstaltung dann beim Besuch des Spielmannszug Markkleeberg, der am stramm stehenden Bürgermob mit Marschmusik und kurzen Röcken vorbei patrouillierte. Nach diesem kurzen Intermezzo für Auge und Ohr, nahm ein Studentensprecher die brodelnde Stimmung auf, indem er im Rudi-Dutschke-Style die Menge auf die Sache einschwor. Diesmal allerdings ohne Phrasen zu Sozialismus und Revolution; die spontan gebrainstormten unsexy Sprechchören hatten eher die bittere Wahrheit über die einschlägige Provinzialität zum Inhalt: »Wir stehen im Regen. Für Olympia. 2012.« Das Volk schrie mit und mein Humor stieß an die Grenzen seiner Belastbarkeit.
Nach diesen Erlebnissen war erst die Nachricht vom Scheitern der großen Menschenkette wieder erheiternd; verfügte selbige am Ende wohl über so viele Löcher, wie ein kräftiger Gouda. Die Stadt Leipzig und seine Olympioniken haben damit hoffentlich erfolgreich die erste Etappe für ein schnelles Ausscheiden aus dem Bewerbungskarussell bestanden, so dass allen Beteiligten die Party mit den fünf Ringen ein drittes Mal auf deutschem Boden erspart bleibt. Nach dem Turnfest unterm Hakenkreuz von 1936 oder der Ermordung jüdischer Sportler 1972 in München muss das auch wirklich nicht mehr sein.
New York und Moskau alles Gute, sowie Euch vielleicht mal einen Urlaub in Olympia wünscht
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