Von Sebastian
The Day after… Wenn man den Medienberichten glauben schenken darf, ist die Leipziger Seele am Boden zerstört. Sie wollte doch die Welt als Gast, olympische Spiele im Herzen ihrer »One Family«. Weltgewandt und offen, wie etwa das Rentner-Ehepaar Renate und Wolfgang Fischer, die in der Leipziger Volkszeitung versprachen: »Wir nehmen auch ausländische Sportler bei uns auf.« Schön, dass die Neger nicht vor dem olympischen Dorf angeleint werden brauchen, aber allein die prima Gastfreundschaft hat am Ende doch nicht gelangt. Leipzig ist raus.
Unverhofft aber umso erfreuter, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe einer deutschen Niederlage beizuwohnen. Noch kurz vorher war das keineswegs abzusehen. Bereits ab dem frühen Morgen füllte sich die Stadt bis zum Halsansatz mit Euphorie, Siegestaumel und vergleichbaren Ärgernissen. Die üblichen Verdächtigen zwängten sich in Ihre Merchendising-Kostüme, besorgten Winkelemente und zudem ein Fläschchen Rotkäppchensekt für die Beschwibst-Sein danach.
Auf dem Uni-Campus bot sich auch kein anderes Bild. Lauter freudige, erwartungshungrige Gesichter schoben sich durch die Flure und Mensen und das gänzlich ohne einen Gedanken zu verschwenden. Diese Übungen des Kopfes scheinen Prüfungen und Testaten vorbehalten und dürfen in freier Wildbahn, sprich gesellschaftlichen Angelegenheiten nicht aus dem Zwinger geholt werden. Das Wort Kritik möchte man in einem Umfeld fast nicht in den Mund nehmen, wo bereits die Andeutung von olympischem Unbehagen als blasphemische Schandtat gilt.
Meine zarten Versuche von Diskussionen in aufklärerischer Absicht und zwar ganz ohne die Bäh-Wörter (Kapitalismus und Volksgemeinschaft) zu erwähnen, prallten ungebremst gegen die Du-bist-doch-völlig‑ bescheuert-Schranke. Selbst das, dem entfremdeten Subjekt auf den Bauch geschneiderte Argument von Kosten und Nutzen – der steigenden Mieten, der Kürzungen im Kulturbereich – wurde mit deutscher Opferbereitschaft aus dem Rennen gekegelt. Zu allem Überfluss auch noch von Leuten, die man gegen derlei hässliche Charakterzüge immun glaubte.
Allerdings mochte man sich trotz allem oder vielleicht gerade deswegen den Spaß nicht nehmen lassen, dem Grauen immer wieder ins Auge zu blicken. Ich mag solche fast schon surreal anmutenden Begebenheiten, in denen der Bürger seinem Wesen Auslauf gibt und selbiges ungefiltert auf die Umwelt prallt. Nach der lustigen Menschenkette vom Samstag durfte man sich doch die Vorentscheidung über die Austragung der Olympischen Spiele 2012 nicht entgehen lassen.
Wie gesagt, Freude pur war angesagt; es hätte ja auch eine tolle Party werden sollen, mit den ganzen angekarrten und ausgerichteten Buden, Bratwurst und Bier in ausreichender Stückzahl, ’ne Kletterwand und genügend Fernsehkameras für die stilvolle Dokumentation auf ARD. Die humanoide Füllmasse kam dann ganz von selbst. Gegen 13:15 Uhr war selbige schon von Anspannung gezeichnet. Wer oder was konnte, traf sich auf dem Nikolaikirchhof, um auf Videoleinwänden dem Zeitpunkt der Entscheidung entgegen zu fiebern. Leipzig wollte Präsenz zeigen wenn Geschichte geschrieben wird, ein wenig Überraschung heucheln und sich dann von Friede-Freude-Eierkuchen-Hormonen überschütten lassen. Dass die sächsische Weltstadt offizielle »Candidate City« wird, daran hat an diesem Mittag wohl kaum jemand gezweifelt.
Und dennoch war bis zum Schluss alles offen. Neben mir knabberten ein paar pubertierende Mädchen an ihren Fingernägeln, andere schwenkten hektisch Papierfähnchen oder hüpften auf der Stelle, um über die Massen hinweg irgendwas Sehenswertes zu sehen. »Jetzt muss es doch bald so weit sein?«, sprach jemand ungeduldig. Vorbei laufende Jugendliche kanalisierten ihre Nervosität statt dessen lieber in Feindzuschreibungen: Das Tragen einer Sonnenbrille – beiläufig bemerkt an einem sonnigen Tag – genügte bereits für das Ausfahren des deutschen Zeigefingers. »Guck mal, das ist ein Olympiagegner.« durfte mein Begleiter sich anhören. Dass der Verrat an großen, deutschen Visionen, der in einem Modeassessoirs sein Indiz fand, nicht gleich vor Ort mit hochgekrempelten Ärmeln durch aktive Bürger geahndet wurde, kann wohl lediglich der allgemeinen Feierlaune ohne das übliche Bisschen Totschlag gutgeschrieben werden. Späterer aufkeimender Schadenfreude hätte man dagegen wohl nur mit angelegtem Mundschutz Ausdruck verleihen mögen.
Die Entscheidung des IOC selbst ging an uns wegen äußerst schlechter Positionierung auf dem Nikolaikirchhof – in visueller, wie akustischer Hinsicht – fast völlig vorbei. Warten, Lauschen, Bangen, Hoffen lag in unserer Ecke penetrant in der Luft, bis eine sichtlich angekratzte Frau den Vorhang lüftete. Im Vorbeigehen verkündete sie, es sei vorbei: Per Video-Schalte. Gerade eben. Ja. Leipzig draußen. Pfui. Zum Teufel.
Ein Lächeln zog an meinen Mundwinkeln und ich betrachtete mir beim Grinsen noch eine genüssliche Weile die zerknautschten oder verheulten Gesichter, die dem Treiben den Rücken zukehrten. ’Zeit zum nach Hause gehen’, dachte sich der gemeine Olympia-Freund, ’jetzt erstmal ins Internet und die Wahrheit verbreiten!’
»Auf der einen Seite will das IOC keine pompösen Spiele mehr, aber bootet im gleichem Atemzug Leipzig aus dem Rennen. Auf der anderen Seite sind solche Städte wie London, Madrid und N.Y. im Rennen geblieben.«, weiß Ulrich auf MDR.de, »Und genau diese Staaten England, Spanien und die USA sind die Kriegstreiber-Nr.1 unserer Zeit. Können diese Staaten überhaupt für die Sicherheit aller Sportler garantieren?« Genau. Das findet auch Sven: »Ich drücke allen Städten die Daumen, außer natürlich New York‑ nach alledem was sich Bush und Konsorten geleistet haben, ist es eine Frechheit, dass sich eine US-amerikanische Stadt um olympische Spiele bemüht…«
Zwischen den üblichen Ressentiments, den Hasstiraden, dem ganzen Ossi/Wessi-Schmonz und dem Gesülze von den großen Taten, selbstlosem Einsatz und dem »Gefühl der Trauer«, fehlt es natürlich nie an einer messerscharfen Analyse. Woran mag das Ausscheiden wohl gelegen haben? Wurden »wir« vielleicht ganz gemein über den Tisch gezogen oder im Stich gelassen? »Es ist nur komisch,« liest man im MDR-Forum, »daß der Deutsche gerne in der Welt den Zahlmeister spielen darf und wenn wir mal die Ausländer als Unterstützer brauchen, dann können wir diese Nulpen glatt vergessen.« Tja, das ist bitter. Solchen Halunken hätte das Rentnerehepaar Renate und Wolfgang Fischer auch noch das Bett gemacht.
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