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Von der Weigerung Schlussfolgerungen zu ziehen

Von Chris

M. wird in auf offener Straße als »Nigger« beschimpft und halb totgeschlagen. Bis zum heutigen Tag ist sein Zustand kritisch.

Jedem Land die Menschen, die es verdient. In ist man stolz darauf, dass sich einige anständige Bürger versammelt haben, um gemeinsam mit ihrem Bürgermeister und den allesamt betroffenen Politikern zu versichern, man dürfe andere Menschen nicht einfach so totschlagen. Derlei Äußerungen gelten im besseren Deutschland schon als Bekenntnis zur Demokratie und vertuschen eigentlich nur, wie notdürftig manchmal das immer noch virulente Pogrompotential innerhalb der bundesrepublikanischen Gesellschaft zurückgehalten werden kann. Doch das alles stört das bessere Deutschland wahrlich wenig, denn dessen Bürgerinnen und Bürger wollen ihre »Heimat« schließlich »verteidigen«, so ein Appell, der den Namen »Wir sind Brandenburg!« trägt und die Farce einer solchen Betroffenheitsgala auf den Punkt bringt. Denn so sicher, wie die nächste rassistische Schandtat folgen die Lippenbekenntnisse des Volkes und einiger ihrer Vertreter, die, anstatt sich ernsthaft um Leib und Leben aller Betroffenen zu sorgen, nur das Ansehen Deutschlands im Sinne haben. Während man in also immer noch der rot-grünen Staatsdoktrin nachhängt, präsentiert sich derweil auf anderen Ebenen ein Rollback, der an längst vergangen geglaubte Zeiten erinnert und wieder ins Gedächtnis ruft, dass die Rahmenbedingungen für autoritäre Formierungen immer noch gesellschaftlich fortwesen. In jene Zeiten fühlt man sich zurückversetzt, in denen Ausländer weder von Pöbel noch Politikern protegiert wurden, sondern noch häufiger als heute um ihr Leben fürchten mussten. Eine Konfliktlinie droht aufzuziehen, in der die Nachhaltigkeit der durch Schröder-Fischer-Roth geänderten gesellschaftlichen Verfasstheit auf die Probe gestellt wird.

Das bessere Deutschland will nach dem rassistischen Übergriff in so tun, als wäre ein Verbrechen an Deutschland und nicht von Deutschen begangen worden. Noch soll suggeriert werden: es war einer von »uns«; zwar kein richtiger Deutscher, so hört man es zumindest allenthalben aus der transformierten Volksgemeinschaft zischen, aber einer, der sich ausweisen konnte, dem Standort und eben jener Schicksalsgemeinschaft originärer Landsleute zu dienen. Es zählt allein, dass das Opfer nützlich war. Ein Diplom-Ingenieur wie M. taugt der deutschen Gemeinschaft lebend eben mehr als tot. Die Selektion, die die Nazis exekutieren, trifft gesellschaftlich größtenteils unterbewusst eben doch auf Ablehnung oder Zustimmung, da die Kategorien zwischen lebenswert, schätzenswert und eben überflüssig oder lästig nach wie vor mit Blick auf das Leben anderer fortwesen.Wer einen Asylbewerber lyncht, der darf mit keinem solchen Aufschrei rechnen. Seine Tat findet vielleicht im Lokalteil des jeweiligen Käseblatts eine verurteilende Notiz. Mehr aber auch nicht. Schon allein aus diesem Grund wünscht man denen, die sich um totgeprügelte Flüchtlinge oder die Zustände in den Abschiebeknästen nicht scheren wollen einmal ihre Freundlichkeit und Toleranz an den eigenen Hals. Nur für den Fall, dass sie sich selbst eines Tages vor dem Mob in Acht nehmen müssen.

So weit, so schlecht. Könnte man meinen. Anderswo zur gleichen Zeit zeigen jedoch Männer mit Rang und Namen, dass das Bündnis aus Mob und Elite immer noch ganz gut funktioniert und repräsentieren damit jenes Deutschland, das vom modernen Teil des postnazistischen Konsens eigentlich schon längst für beerdigt erklärt wurde. »Ich weigere mich, irgendwelche voreiligen Schlussfolgerungen zu ziehen« sagte Brandenburgs Innenminister Schönbohm derweil im RBB-Inforadio. Dass es einen Zusammenhang zwischen der Tat und der schwarzen Hautfarbe des Opfers gebe, könne lediglich vermutet werden. Da kündigte sich schon jener markige Schliff an, dessen Intention der General a.D. ein paar Tage später noch einen weiteren Stoß gab und klar Schiff machte. Nach der Verharmlosung des rassistischen Übergriffs in gedachte Halbglatzen-Schönbohm nicht nur der Opfern der Nazi-Barbarei am Tag der Befreiung des KZ Sachsenhausen, sondern auch der inhaftierten Schergen, die nach Kriegsende zurecht an alter Wirkungsstätte eingefangen wurden.

Auch Innenminister Wolfgang Schäuble stimmte kackfrech mit ein, denn wer nach seiner Ägide nicht blond und blauäugig ist, kann niemals Deutscher sein: »Es werden auch blonde blauäugige Menschen Opfer von Gewalttaten, zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Das ist auch nicht besser.« Was passierte, als solch arisch genannten Idealäußerlichkeiten schon einmal für bedroht erklärt wurden, will Schäuble nicht kund tun. Dass man mit solchen markigen Worten Befindlichkeiten bedient, die nur zu gerne von einigen anderen Deutschen dankend aufgenommen werden, scheint diese Herren jedenfalls nicht zu stören. Es schält sich der Geist der alten Ideologie heraus, die darin mündete, dass nach Rostock-Lichtenhagen, Solingen und Mannheim nicht der Mob und seine Freunde, sondern das Asylrecht sanktioniert wurde.

Was momentan am Fall M. zum Vorschein kommt ist also die vehemente Austragung eines Konflikts zwischen dem anständigen Deutschland rot-grüner Provinienz und andererseits einem Rückfall in eine totalitarismustheoretisch unterfütterte Analyse rechtsextremer Übergriffe durch konservative Teile der Gesellschaft. Schäubles Jargon und Schönbohms Relativieren stecken tief in den 90er-Anfangsjahren und es atmet daraus der Gestank einer christdemokratischen Republik, die jegliche Libertinage zugunsten des provinziellen Stammtischs entsorgt hat. Ihre Äußerungen sind nicht kompatibel mit den 68er-Rock´n´Roll-Politikern und dem Multikulti-Wohlfühl-Metropolen-Deutschland. Und dennoch: es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich diese Position – trotz der momentan immer noch eindeutig zu konstatierenden veränderten gesellschaftlichen Verfasstheit – durchsetzen wird. Auch weil das Projekt des anderen Deutschland mit seiner eigenen, vermeintlich liberalen und geläuterten Art, Vergangenheits‑ und Zukunftsdiskurse zu führen, einen fruchtbaren Boden für die erneute Rezeption urkonservativer Ideologie bereitet hat.

Es mag einem gerade so vorkommen, als könnten die aufständigen Anständigen wieder zu einem Randphänomen degradiert werden, zu einem Haufen jener Ökoladen-Einkäufer und Gymnasiasten, die in den 90ern im Vergleich mit dem Wiedervereinigungstaumel wirklich ein humanistischeres Weltbild repräsentierten, während das offizielle Deutschland kräftig zurückrollte. Nach Schröder, Fischer und co. steht die konservative Elite heute für jenes Deutschland, das die edlen Seelen durch ihre zahlreichen Bekundungen so gerne »neu konnotiert« sehen wollen. Es wird sich zukünftig zeigen, inwieweit Spurenelemente der rot-grünen Staatsdoktrin präsent bleiben. Wie dieses Kräftemessen also ausgeht ist momentan noch unklar, aber eigentlich auch egal. Ob nun das alte Deutschland mitsamt seinem immer noch siechenden Pogrompotential und geistigen Brandstiftern oder das neue, geläuterte Deutschland und dessen Toleranzedikte, inklusive geläutertem Bewusstsein und »Nie Wieder!«-Lippenbekenntnissen das Rennen machen wird – eines trügt dabei wohl nie: die Gewissheit über neue Schandtaten.


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