Beatpunk Webzine

BlutwuR-R-R-Rst

Rammstein, die Linke, Patriotismus und Würstchen

»This means a lot of bands and a lot of people are quite cowardly in what they do and what they say. So they’ll pick up on the fact that our singer rolls his R’s and say that he’s imitating Hitler and that we’re Nazis. This is nonsense but it is the way a lot of people in our country think.« Oliver Riedel (Rammstein)

»Wir sind das Volk« kauderwelchste es anno 1989 aus der ostzonalen Tristesse. Der Ossi an sich war des Realsozialismus samt Sportabzeichen in Bronze und beigem Dresscode müde. »Wir sind das Volk« für Bananen und Bausparverträge. Die gerufene bessere Hälfte – sie kam. Allenthalben im Notrationentruck, von dem aus Milka-Hilfspakete in die Menge geworfen wurden, oder in meinem Fall in Gestalt eines Hareico-Würstchen-Lasters. Selbiger entlud auf einem realsozialistischen Parkplatz, dessem Baukunst man sich an Stelle des Ortes wünscht, der heute Pirna heißt, seine proteinhaltige Fracht im Kunstdarm. Serviert auf Pappe mit Curryketchup.

An diesem Tag habe ich mit Wurst gebrochen, etwas später mit der gesamten Republik. Andere Deutsche brechen anders. Hier bricht man üblicherweise in Kirchenmilieus das Brot, gesamtgesellschaftlich mit der Geschichte, man bricht Herzen oder Beine.

Der authentischste deutsche Kulturexport seit der Nachkriegszeit bricht hingegen einmal mehr mit jeglicher Affinität zu Kritik und Intellekt: Rammstein, die martialischen Teutonenrocker, die im Ausland dankenswerterweise ein Klischee hiesiger Kultur geprägt haben, das sich zwischen Pyrotechnik, Führerbunker und Roll-R gruppiert, melden sich mit einem neuen Album zurück zur Schicht und bekommen im Promozirkus die Gelegenheit, wieder einmal so viel Unsinn zu erzählen, wie in ihren Nightliner passt. Aber ganz ruhig und von vorn: Trotz der Diskussionen um die rechte Ästhetik der Band, waren Rammstein durchweg, wenn auch vergeblich bemüht, ein linkes Image zu pflegen. Am Deutlichsten vielleicht im Song »Links 2–3–4«, in dem es in freiem Oskar Lafontain-Jargon reimt »Sie woll’n mein Herz am rechten Fleck, doch seh’ ich dann nach unten weg, da schlägt es links«

Wie links, das hat Gitarrist Paul Landers Motor FM – nebenbei bemerkt das popkulturelle Unterhaltungsportal des eigenen Labels – in einem Interview verraten, das nach dem Relaxen in Deutschland fragt: »Ich finde es wirklich sehr lustig, dass es Menschen gibt, die sagen: ’I Can’t Relax In Deutschland’. Wenn man sich nur im Urlaub entspannen kann und nicht in seinem eigenen Land, dann sollte man vielleicht mal überprüfen, wo man ein Problem hat. Diese panische Angst vorm Deutschsein ist mir ohnehin völlig unerklärlich, aber dadurch, dass wir viel reisen, hat sich mein Verhältnis zu Deutschland noch mehr entspannt als es ohnehin schon der Fall war. Weil Menschen in anderen Ländern diese Fragen einfach nicht so engstirnig betrachten, so was gibt es nur hier.«

Der Liegestuhl fällt auseinander, die Hängematte hält auch nicht in den Altbau-Wänden. Dabei ist es bitter kalt auf dem Balkon und die Sonne geht schon wieder um fünf unter. Angesichts dessen hat man ein Problem und was für eins. Nur schreibt man darüber keine Bücher voll oder compiliert diesen Unmut auf CD. Da würde man ja sein eigenes Land viel zu engstirnig betrachten. Aber diese panische Angst vor der unerklärbaren Liebe am Deutschsein, macht auch im Hause Rammstein erfinderisch – und so zieht man einen Powerchord gegen eine Kritik über die Saiten – eine Kritik, von der man einzig den Titel aufgeschnappt zu haben scheint. Naja, aber wenigstens das. Die induktive Methode des Befassens mit solchen Themen erfolgt noch immer in einem charmanten Dreischritt: 1. Am Anfang steht das geschriebene Wort, sagen wir mal über oder gegen popkulturell artikulierten Nationalismus. 2. Selbiges nimmt man als existent wahr, und setzt an die Stelle der notwendigen Lektüre, die Spekulation darüber, was drin stehen könnte. 3. Schließlich wirft man sich kopfschüttelnd auf die Unmöglichkeit dessen, was man sich als Inhalt halluziniert hat.

Rammstein belassen es aber nicht, bei einem »disgusting«-Statement sondern haben noch etwas passendes im Metall-Frack, sprich ein wirksames Medikament gegen antideutsche Flausen. Denn niemand soll behaupten, gegen mangelnden Patriotismus fehle das passende Serum. Es ist ja nicht die Vogelgrippe.

»Leuten, die diese Probleme haben, kann ich nur empfehlen viel zu reisen und dann werden sie schon feststellen, dass das auch im Ausland nicht als schlimm angesehen wird, wenn man als Deutscher zu Deutschland steht.«

Ach Quatsch, im Ausland ruhig mit festem Schritt aufgetreten und erstmal klargestellt, dass man mit seinem Vaterland so etwas wie eine Liaison betreibt. Das kommt bestimmt gut an. Bei einem Besuch in Babi Jar, in Oradour-sur-Glane oder in Sant’Anna di Stazzema. Dort hat man ausschließlich die besten Erinnerungen an die lieben Landsleute, sieht die Geschichte überhaupt nicht als schlimm an.

Dergleich könnte allerdings bei näherer Betrachtung dann doch ein wenig pietätlos erscheinen, merkt selbst Landers. »Okay, vielleicht sollte ich das nicht so jovial sagen. Aber ich glaube, diese Leute können ohnehin nicht aufhalten, dass sich das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land normalisiert und ich finde es auch wichtig, dass da eine gesunde Dynamik, ein gewisses Wir-Gefühl entsteht.«

Wir sind wir. Du bist Deutschland. Ich bin zwei Öltanks. Die gesunde Dynamik bringt voran, bringt Emotions, bringt Kraft, bringt Freude – und manchmal auch um. Nur das pathogene, zersetzende Wesen der Volkskörperkritik steht diabolisch feixend am Schlagbaum der gesunden Normalität. Das falsche Virus steckt aber keinen mehr an. Ihm wird das Lachen vergehen, beschwört der Rammstein-Recke. Ob er andererseits aber erklären kann, wofür es denn des gewissen Wir-Gefühls bedarf? Wie krank ist man, wenn man für Deutschland nicht fühlt? Wie lang haben die infizierten Seelen dieser Leute noch, bis die gesunde Dynamik sie aufhält?

Aber nein, soweit soll es doch gar nicht kommen. Landers will nur spielen und meint es gut mit allen Menschen. Man muss also keine panische Angst vor ihm und seinen Deutschen haben. Denn man ist ja nebenbei bemerkt – links. »Tim Renner hat mir übrigens vor einigen Jahren mal gesagt – und das kann ich auch so unterschreiben – dass der Patriotismus ursprünglich einmal der Linken gehörte. Unser Kampf ist nun, ihn ihr zurückzugeben – wir kämpfen für linken Patriotismus!«

Die Eigentumsverhältnisse da wo das Herz schlägt sind also durcheinander, wie die Telefonkostenabrechnung in der Hippie-Kommune. Vielleicht nicht eben dort, aber gewiss obendrüber in der hübsch gemachten abtrünigen Bohême-Etage frägt einer nach dem fehlenden Patriotismus. Klammheimlich scheint er sich davon gestohlen zu haben, ohne ein Adieu auf der Schwelle, ohne einen Abschiedsbrief. Dass er dort aber hingehört, an die Linke festgebabbt, wie ein Kaugummi am Schuh exerziert der Rammstein-Erfinder und Plattenscheriff Tim Renner seinen Schützlingen vor. Nun gibt es aber bekanntermaßen Dinge über deren Verlust man sich nicht im Unglück wälzt – ein schlechtes Gewissen, miese Laune oder Liebeskummer gehen leicht über Bord. Des Patriotismus kann man sich nach Rammstein aber wohl eben so wenig entledigen, wie man es darf. Er gehört doch ursprünglich einmal der Linken.

Auf dem Bohême-Stockwerk wollte man noch nie etwas von Ursprünglichkeit wissen. Auch wenn die leidige Liebe zum Land noch immer recht häufig hier und da – zumindest bei der linken Nachbarschaft – auf Besuch weilt, sind Hareico-Würstchentrucks und »Wir sind das Volk« im Gegensatz zu Prosecco und »Nie wieder…« bei Vorgenannten ausgesprochen unbeliebt. Die Restlinke wird sich hingegen aber wohl von Rammstein beschenken lassen müssen. Doch Vorsicht vor dem gewissen Wir-Gefühl und vor dem Brechreiz.

1 Kommentar zu diesem BeitragAuch was zu sagen?
  1. Ich mag Deutschland <3. Auch wenn du so dagegen hetzt.
    Ich leg mich jetzt mal schön in die Frühlingssonne denn über Deutschland lacht die Sonner über euch die ganze Welt.

Auch mal das Maul aufreissen?

Gib deinen Namen ein

Keinen Namen?

Please enter a valid email address

Keine Email-Adresse?

Gib deinen Kommentar ein