Von Shokei
Liebe Leser! Zum wiederholten Male ist es uns gelungen, eine hochkarätige Rockband soweit zu bringen, uns ihre wilden Tourerfahrungen aufzuschreiben. Lesen sie im folgenden Bericht der Kapelle »Shokei« alles über sexy Fahrgestelle, lila Leggins, Bauwagenkinder, das hässliche Mannheim, die besetzte Alm, Leichtmatrosen und asselige Bierpunks. Vorhang auf!
Informationsverarbeitung und Gulaschsuppe///02.09.2005//Augsburg/Provino
Treff bei mir, Fahrt zum Proberaum, Zeug eingepackt. Klar. Geudos Bus hat einen ganz amtlichen Abrieb, und so sind wir schon wenige Biere später in Augsburg, wo – so wurden wir gewarnt – der Hund begraben ist. Egal. Provinostraße haben wir auch recht schnell gefunden, aber die endet plötzlich bei etwa Nummer 20 an einer Mauer. Wir aber müssen in die 35. Die Lösung dieses urbanen Rätsels: Man muss die Mauer großräumig umfahren, auf der anderen Seite geht die Zählung dann ganz fein weiter. Aha. Angekommen, ausgestiegen, umgeguckt. Der Provino Liveclub, so der korrekte und komplette Name, strahlt den etwas spröden Charme eines Kegelheims aus und gefällt uns deshalb gleich mal ziemlich gut. Da wir schon etwas spät dran sind, steht auch schon Essen auf dem Tisch. Es gibt: Gulaschsuppe. Wehner M.A. und ich sind überrascht und belustigt, Geudo und Peter hingegen allenfalls überrascht, aber nicht belustigt.
Andere Band ist auch schon da, heißt Between the Ages und macht so… Stoner-Rock, nennt man das, glaube ich. Obwohl, vielleicht heißt auch die Musikrichtung Kyuss und die Gottvaterband Stoner-Rock. Also: Räucherstäbchen anzünden, Pferdeschwanz aufmachen, Led-Zeppelin-Shirt hatte man geflissentlich schon vorher an, los! War die erste Kyuss-Band, die ich je gesehen habe und ich muss sagen: Ich fand es recht nett. Klar, das beknackte Räucherstäbchen hat schon ein wenig Kopfweh gemacht, aber sonst war es gediegenes Entertainment. Texte habe ich jetzt kaum verstanden, gehe aber mal davon aus, dass jedes Lied von Highways, Wüste und schnellen Frauen sowie heißen Autos handelt, aber das ist bei den großen Vorbildern Stoner Rock wohl auch nicht anders. Man merkt glaube ich schon, dass ich mich in der Kyuss-Szene nicht so gut auskenne. Egal, ich war amüsiert: Der Bassist hatte lange Haare und spielte barfuss, der Sänger hatte lange Haare und rauchte ständig Zigaretten, der Gitarrist hatte lange Haare und schnitt bei seinen Solos irre Grimassen. Der Schlagzeuger hatte zwar kurze Haare, aber statt auf ihn konnte man auch an die Decke gucken, wo – vermischt mit Räucherstäbchenschwaden – psychedelische Flüssigdias projiziert wurden. Stilsicher, würde ich mal sagen, so muss Kyuss sein!
Als nächstes dann Shokei als Headliner. Ging für die erste Show schon mal viel versprechend gut von der Hand, hatte man ja auch schon anders erlebt auf solchen Konzertausflügen. Dennoch fand ich es schade, dass mir keiner ein Kompliment ob meines sexy Fahrgestells gemacht hat, obwohl ich die extra rasierten Beine in superknappe Shorts gezwängt habe. Lag vielleicht aber auch an der eher niedrigen Zuschauerzahl: 1. Ein Kompliment gab’s dann doch noch, von einem der netten Typen von »Between the Ages«. Der kommentierte unseren Auftritt wie folgt: »Das war ja wie in der Irrenanstalt!« Fasse ich jetzt einfach mal als Kompliment auf. Wir sind dann in die Wohnung der beiden Veranstalter und haben da noch ein bisschen Bier getrunken und Schnupftabak geschnupft. Die Kollegen haben das Booker-Duo dann noch zum Zubereiten eines Nudelsalats genötigt, aber da war ich dann schon im Bett.
Stimmhafte Konsonanten und Lichtbogenschweißen///03.09.2005//Karlsruhe/Ex-Steffi
Nüchtern betrachtet war das in der Augsburger Unterkunft ja schon etwas komisch: An den Wänden standen semi-poetische Gedichte in einem furchtbaren Hauptschulenglisch. In jedem Zimmer war mindestens ein Computer und ein Haufen Müll, sonst gab es wenig bis keine Möbel. Beim Frühstück starrte der eine Booker in den Computer in der Küche und schaute sich 3-D-Bilder an, der andere erzählte uns bei Nudelsalatresten, wie sie sich so die Arbeit teilen: Er kocht und der andere – Achtung! –»verarbeitet die Informationen.« Welche Informationen das so sind, wurde offen gelassen. Fordismus – so bitte nicht! Aber ich will nicht motzen, war ja lustiger Abend und der Nudelsalat war auch dufte. Also artig bedankt, noch ein paar Informationen verarbeitet und in die Gögginger Straße. Dort wurde erstmal ein Musikalienhandel geplündert, um den Vorrat an Saiten, Plektren und Schlagzeugstöcken aufzufüllen. Außerdem hat uns ein netter Verkäufer eröffnet, dass der Wehner M.A. gar kein Schlagzeug, sondern ein so genanntes»Individualinstrument« spielt. Fassen wir jetzt einfach mal als Kompliment auf! Und ab auf die Autobahn!
Karlsruhe Ex-Steffi, ja, das ist schon so was. Was auch was ist, sind die netten Wandverzierungen an der Steffi selbst und vor allem in der näheren Umgebung. Nähe Bahnhof fanden folgenden Schriftzug: »Kapitalistische Verwertungslogig stoppen!« Und das außerhalb von Unterfranken. »Danke«, möchte man da sagen. Oder vielmehr »Dange«. Überhaupt, der Bahnhof. Dort wurden schöne Crewfotos an den Schließfächern gemacht und diverse Schnupftabaksorten im Krämerladen erstanden. Schnupftabak ist die neue Sammelleidenschaft. Aber mehr zu solchen Leidenschaften in der Schweiz. Zurück bei der Steffi den Wagenburgbewohnern beim Arbeiten zugeschaut. Ja, Arbeiten. Schweißen und so.
Öffner an diesem Abend die netten Kids Explode aus Freiburg. Schöner, schweißtreibender Auftritt, der höchste Ansprüche an Mensch und Maschine stellte: Saiten rissen, Schlagzeugteile entfernten sich vom Schlagzeuger. In einem Wort: Engagiert. So muss das sein. Hinterher Shokei mit dem üblichen Käse und ganz hinterher Trinken mit Besuchern und Musikern. Der nette Konzertveranstalter trinkt ein paar über den Durst, ist aber rechtzeitig mit dem Kotzen fertig, um sich artig von zwei Freiburgern zu verabschieden. In einem Wort: Engagiert. So muss das sein. Schließlich quittiert noch das Herren-WC seinen Dienst, der Verkehr wurde kurzerhand auf das Damen-WC umgeleitet. Dazu folgende Beobachtung: Während das Herren-WC in der Ex-Steffi – wie in anderen ähnlichen Läden auch – mit Bandaufklebern, Eddinggeschmiere und politischen und polemischen Nachrichten übersäht ist, war das Damen-WC geradezu sauber. Kann aber auch sein, dass da erst vor kurzem renoviert wurde. Ist aber eher unwahrscheinlich.
Stromzapfen und Tannenzäpfle///04.09.2005//Mannheim/Juz
Aufstehen, auf dem Parkplatz mit den verbliebenen Freiburgern und einem Bauwagenkind abhängen und schließlich den netten Konzertveranstalter suchen. Der war nach ausgiebigem Alkoholkonsum und Erbrechen tapfer zu weiterem ausgiebigen Alkoholkonsum in die Bar zurückgekehrt und hatte sich dort zur Ruhe gebettet. In einem Wort: Engagiert. So muss das sein. Nach einem leckeren Frühstück war dann noch viel Zeit, da wir nach Mannheim eine relativ kurze Wegstrecke zu bewältigen hatten. Zeit + Spätsommer = Freibad. Das Freibad unserer Wahl hörte auf den sympathischen Namen Rüppurr und war auch sonst super: Drei Rutschen, eine große mit lidschäftigem Turm und zwei kleine, die äußerst schnell waren. Weitere Höhepunkte des Nachmittags:
1. Wehners Badehose aus dem Karlsruher Umsonstladen. Großartig. Lang, schwarz, mit großem Bob-Marley-Konterfei und grün-gelb-roten Applikationen all over. Umsonstläden are go!
2. Die Hose des netten Konzertveranstalters aus dem Karlsruher Umsonstladen. Großartig. Weit, viel zu weit, ohne Schnur zum Zubinden und ziemlich asselig all over. Umsonstläden are go!
3. Die Sitzecke am Eingang des Schwimmbades, auf der man sich anscheinend nur niederlassen durfte, wenn man männlich, um die 60, braun gebrannt und im Besitz sowohl einer viel zu kleinen Badehose als auch einer viel zu großen Bierwampe war. Schwimmbadrentner are go!
Dann schließlich doch ab auf die Autobahn gen Mannheim. Städtebaulich gesehen ist das ja eine sehr interessante Fahrt, schließlich sind beide Agglomerationen konsequent geplant und nicht natürlich gewachsen, was in diesen Breiten doch recht selten ist. Karlsruhe hat einen Grundriss wie ein Wagenrad, wichtige Straßen laufen auf das zentrale Schloss zu, Mannheim wiederum ist quadratisch angelegt. Um nicht zu langweilen möchte ich diesen Exkurs mit der Merkformel »Karlsruhe hässlich, Mannheim noch hässlicher!« abkürzen. Oi!
Das Juz Mannheim hingegen ist sehr hübsch, obwohl es in einem recht hässlichen Stadtteil einer ohnehin hässlichen Stadt liegt. Als wir ankommen, ist die veranstaltende Band Rome Asleep mit dazugehörigen Helferlein schon fleißig am werkeln und kochen, kurze Zeit später kommen dann noch Data Break aus Darmstadt – bezeichnenderweise in einem Auto mit Kennzeichen DA-TA. Das übliche Warten auf den Auftritt wird uns durch ein Magazin versüßt, das nett bebildert erläutert, wie man Strom vor dem Zähler abzapft und damit die Rechnung konsequent in Nähe des Gefrierpunkts hält. Anleitung zum Heimwerken aus dem Infoladen, quasi.
Einige Prisen später dann Musik mit Rome Asleep und Data Break, beides gängiger Stoff, fein! Kurz vor unserem Auftritt läuft dann »Cop Killer« von den berüchtigten Body Count, denke zunächst über eine spontane Coverversion namens »Stromklauer« (»Sei kein Dummkopf, zapf’ den Strom!« statt »Don’t be a pussy, fuck the police!«), lasse die Idee dann aber wegen musikalischen Unvermögens doch fallen. Dieses Unvermögen können wir bei der Show dank den lila Leggins gut kaschieren, lief ganz fein. Geschlafen haben wir bei Lyddi, der uns mit dem Fahrrad in eine der eher hässlicheren Gegenden der hässlichen Stadt Mannheim geführt hat. Im Spätprogramm dann noch diverse äußerst unterhaltsame Geschichten über schlecht gebuchte Touren und gut besuchte Konzerte von Lyddi, während wir Nutzgetränke und Schnupftabak konsumieren. Hochfein!
Lichtsignale und Magenverstimmungen///05.09.2005//Winterthur/GG31
Auf in die Schweiz! Autofahrt war nett und feucht-fröhlich, kurz vor dem Grenzübergang gab’s dann kollektives Muffensausen, man weiß ja nicht, was da an der Grenze so vorfällt. Geschichten gibt’s jedenfalls genug. Also kurz Atem anhalten und – durch gewunken! So muss das sein. Die Schweiz ist dann – zumindest in der Gegend, durch die wir gefahren sind – genauso, wie sie in den schlimmsten Klischees beschrieben wird: gebirgig, grün, gemütlich. Und lustige Wörter gibt’s dort auch! Als wir nach dem Weg gefragt haben, hat uns eine freundliche Frau vom Ordnungsamt darauf hingewiesen, dass wir am nächsten »Lichtsignal« links müssen. »Lichtsignal« is the new »Ampel«! Hört sich besser an, irgendwie ziemlich sexy. Oder eher sechsy, wie man in der Schweiz sagen würde.
Winterthur ist dann ein fein herausgeputzter Ort mit einer netten, fein herausgeputzten Fußgängerzone und einem besetzten Haus namens GG31. Das haben wir dank dem Lichtsignalhinweis auch schnell gefunden, zu schnell, eigentlich. Also erstmal warten. Life at these Speeds und Science of Yabra kommen dann mitsamt Veranstaltern an und es wird erstmal gegessen. Und wie! Marianne hat da ganz, ganz fein aufgekocht, das soll hier noch mal extra erwähnt werden. Während der Nahrungsaufnahme ist Zeit und Gelegenheit zum Plausch mit den Portlander Kappellen, die sofort einen äußerst netten Eindruck machen und durch lustige Bärte und Frisuren extra Punkte sammeln. Awesome! Aufbauen, Loslegen. Wir machen den Öffner und setzen unseren ersten Auftritt in der Schweiz…gleich mal mit voller Wucht in den Sand. Eigentlich nicht verspielt oder so, es war einfach nur ohne Ende fad. Mir fallen mehrere mögliche Gründe ein:
1. Ich hatte nicht die lila Leggins an.
2. Wir standen verkehrt rum – also nicht mit dem Rücken zum Publikum, sondern Gitarre auf der linken statt auf der rechten Seite.
3. Wir hatten nicht genug getrunken.
4. Meine Därme haben seit Tagen den Dienst quittiert.
In meinem Kopf spielt die ästhetische Seite mit den Punkten 1 und 2 gegen die medizinische Seite mit den Punkten 3 und 4 dann Unentschieden, also waren alle Faktoren beteiligt. In München also Leggins, anderer Aufbau, Bier und Abführmittel!
Zurück in die Schweiz: Life at these Speeds als nächstes am Start, haben gleich mal alles kaputt gerockt, vom Feinsten, sage ich da nur! Vor allem der Bassist, der vor dem Konzert noch sehr, sehr zurückhaltend auftrat, entwickelte sich auf der Bühne – oder besser gesagt davor – zum Energiebündel. Irre gut! Einzig störend vielleicht der Bierpunk, der penetrant einen Pogo vom Zaun brechen wollte. Naja, war im Nachhinein eine ganz gute Vorbereitung auf Gera.
Zurück in die Schweiz: Science of Yabra waren akustisch die Schnittmenge aus Rye Coalition, Drive like Jehu und Kurt. Und ihr Schlagzeuger war optisch die Schnittmenge aus dem Monster von der Muppet Show, Reinhold Messner und Weird Al Yankovich. Schön gerade nach vorne gerockt, ohne Effekte und Gefangene, fein, fein, fein!
Wir hatten dann zunächst befürchtet, im doch etwas abgeranzten Schlafraum des GG31 übernachten zu müssen, aber weit gefehlt! Das sehr sympathische Kollektiv namens Das Syndikat lässt sich nicht nur beim Essen nicht lumpen, wir schlafen bei Ralphs Eltern auf der Alm in einem stattlichen Haus! Der Weg dorthin vergeht dank des rasanten Fahrstils von Ines, der Fahrerin des LatS/SoY-Buses wie im Flug. Dort angekommen durfte ich einen neuen Eintrag auf meiner Liste »Ausgefallene Sammelleidenschaften« vornehmen: Ralphs Vater sammelt Schlösser. Also nicht Bauwerke, sondern so Dinger, mit denen man Türen für alle Leute außer den Schlüsselinhaber unzugänglich macht. Sachen gibt’s. Auf der Terrasse gab’s dann noch einen Edgebreak, glaube ich mich zu entsinnen.
Grateful Dead und Spider Murphy Gang///06.09.2005//München/Kafe Kult
Erst im Tageslicht erkennt man, wie schön unsere Unterkunft doch liegt: Auf einer hügeligen grünen Wiese, umgeben von weiteren hügeligen grünen Wiesen, die wiederum von weiteren hügeligen grünen Wiesen umgeben werden. Ein Idyll, eine nachdrückliche Aufforderung zum Spaziergang, der ich nur zu gerne nachgekommen bin. Ich traf schwitzende Schweizer beim Heumachen, Kühe, Ziegen und Wiesen. Wiesen. Wiesen. Es wird kurz überlegt, ob wir das Haus besetzen und die nächsten Jahrzehnte vom Verkauf von antiken Türschlössern leben sollen, aber weil Ralph so ein Netter ist und wir keine Ahnung vom Schlossgeschäft haben, haben wir uns letztlich dagegen entschieden. Außerdem gab’s ja auch noch Shows, die gespielt werden wollen, nicht wahr? Auf dem Weg nach München lag der Bodensee, und weil wir alle ausgebildete Leichtmatrosen sind, wurde natürlich eine feine Tretboottour gemacht. Oh sailor man, I’d gladly with you schlafen, to see the ports of Lindau and Friedrichshafen. Schön war’s! Außerdem waren wir auf dem Weg noch in Rorschach, dem kleinen, verschlafenen Städtchen, das nach dem gleichnamigen psychologischen Test benannt ist, der wiederum seinen Namen einer amerikanischen Band zu verdanken hat.
Auf dem Weg nach München gab’s dann etwa dreißig Mal das grandiose Lied»Mir san a bayerische Band« von der grandiosen Spider Murphy Gang zu hören, weil bietet sich ja an, nicht wahr? Dann Bier, kein Essen, andersrum aufbauen und Leggins an. Und siehe da – der Knoten war geplatzt, der Auftritt um Längen besser! Da möchte man sich im Nachhinein noch mal bei den netten Schweizern entschuldigen, dass wir das so vergeigt haben. Science of Yabra und Life at these Speeds waren dann auch klasse und wir schon ziemlich betrunken. Hochfein war auch, dass an diesem Abend richtig gut Betrieb im Kafe Kult war, was sogar die Veranstalter so nicht erwartet hatten. Attribuiere ich jetzt einfach mal auf Bier und Leggins oder so.
Nach dem Abbauen noch sowohl feine als auch feinsinnige Gespräche mit Vertretern von Life at these Speeds und Science of Yabra sowie dem guten Geist des Kafe Kult, Herbert. Behandelte Themen unter anderem: Sprachen und die damit verbundenen Probleme, also die so genannte Sprachbarriere, sowie Grateful Dead und die damit verbundenen Probleme, also die so genannte Grateful-Dead-Barriere. War interessant, herzlich und höchst unterhaltsam.
Big City Sin and Small Town Redemption///07.09.2005//Pardubice/Ponorka
Eine einfache Gleichung: Wenig Schlaf + viel Tegernseer Hell + viel Grateful Dead = Probleme beim Aufstehen. Die waren nach dem herzhaften und ausführlichen Frühstück, das uns die freundliche Kafe-Kult-Besatzung bereitete, aber schon längst wieder vergessen. Ebenso herzhaft und ausführlich war dann die Verabschiedung von den Kollegen aus Portland. Wirklich schade, dass wir nicht noch mehr Auftritte mit denen spielen durften, die waren sowohl menschlich als auch musikalisch einfach erste Sahne. Bei uns gehen alle zur Verfügung stehenden Daumen nach oben, Geudo nickt anerkennend und stimmt in den Lobgesang ein: »Mein Radkreuz für Portland!« Hoffentlich sieht man sich mal wieder, Asa & co.!
Dann ging’s aber flugs in den Bus, schließlich stand am heutigen Tag die längste Fahrt der Tour vor uns. An der Grenze gab’s wieder mal eine Zitterpartie, aber wir wurden erneut durch gewunken, diesmal von einem schlechtgelaunten tschechischen Grenzer, der keine Filterzigaretten, sondern Filter von Zigaretten rauchte. Wäre ich auch schlecht gelaunt, wenn ich den ganzen lieben langen Tag nur Filter rauchen und Busse durchwinken würde, von daher keine Anklage von hier, nicht wahr. Fahrt ging zügig, zumindest bis wir Prag erreicht hatten. Ich darf mal mutmaßen, dass alle Wege nach Prag führen, aber keiner mehr raus. Die schlechte Beschilderung an den zahlreichen Baustellen tut dann ihr übriges und ehe wir uns versahen, waren wir total im Großstadtdschungel verloren. Eine Schießerei und mehrere Fleischwunden später waren wir aber einigermaßen heil wieder raus. Inzwischen hatten wir durch die notdürftige Operation, die Geudo mit seinem Multifunktionswerkzeug an Peters Oberarm vornahm, schon gut Verspätung.
»Ponorka«, so der Name des Ladens in Pardubice, sollte eigentlich in »Endstation Hoffnung« umbenannt werden. Scheinbar ein ehemaliges Offizierskasino, direkt vor der Bühne ist eine fest installierte Absperrung, die wohl die Musiker vor angetrunkenen Besuchern schützen soll. Geht ja mal gar nicht, weil Kontakt zum Publikum und so. Von daher also vor der Bühne aufbauen. Auch die Organisation ließ gelinde gesagt etwas zu wünschen übrig: Es gab zwar ein Mikrofon, aber keine Anlage, in die man selbiges hätte einstecken können. Außerdem mussten wir unsere Getränke selbst zahlen. Der hochverehrte Busfahrer war schon etwas ungehalten und wollte dem Laden am liebsten eine Abreibung mit dem Radkreuz zugute kommen lassen. Nicht ganz zu Unrecht, wie ich anmerken darf.
Nachdem ein kleiner Gitarrencombo zur Gesangsanlage umfunktioniert wurde, legten The European Translation of los. Eigentlich feines Set, vielleicht ein bisschen lustlos, aber will man es ihnen nachtragen, bei nur acht Zuschauern, die zudem wie angewurzelt soweit wie möglich von der Band weg stehen? Naja, wir waren dann dank dem guten Gambrinus-Bier schon wieder schön auf Pegel und haben hier den von der Show her besten Auftritt der Tour hingelegt. Gut, musikalisch war es ziemlich Grotte, oft verspielt, ständig verstimmt and so on and so forth. Aber hey, that’s entertainment! Vorteil an so einem statischen Publikum ist, dass man jemandem volle Schwarte direkt ins Ohr schreien kann und nicht befürchten muss, dafür zwei, drei Backpfeifen zu fangen. Stattdessen wird man von den betreffenden Personen sogar etwas schüchtern, aber durchaus nett angelächelt. Bezaubernd.
Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass unser Bierkonsum mit der eher mediokren Gage nicht zu decken war, vom Spritgeld ganz zu schweigen. Dennoch haben wir das Radkreuz im Auto gelassen und stattdessen lauthals Eisenpimmel-Songs gegröhlt und den Parkplatz mit Sprühereien verziert. Abend endete im Keller des Veranstalters, wo ich – bekleidet ausschließlich mit einer lila glänzenden Leggins – faszinierten Zuhörer erzählt habe, dass man eine Passat-Karosserie auf einen alten Hanomag-Bus schweißen muss, wenn man stilecht nach Afrika fahren will. Zumindest ist mir erzählt worden, dass ich das erzählt habe. Ich kann mich nämlich an nichts mehr erinnern.
Diskurspop und Dissonanzen///08.09.2005//Prag/007
Weil der erlauchte Busfahrer ein großer Eishockeyfan und Pardubice eine große Eishockeystadt ist, sollen am frühen Nachmittag die örtlichen Eishockeygeschäfte geplündert werden, was bis auf ein paar Eishockeyaufkleber leider wenig ergiebig war. In Prag verfahren wir uns trotz ortskundigen Beifahrers zunächst mal amtlich, gehört scheinbar zu einem Besuch dieser Stadt einfach dazu. Das 007 liegt dann recht ungewöhnlich: Auf einem Berg, inmitten einer riesigen Studentensiedlung, Plattenbau deluxe eben. Und zwar eben dort im Keller eines Studentenwohnheims. Wie gesagt, ungewöhnlich. Yellow Press und Born/Dead sind auch schon da, erstere erkennt man am gut gepflegten Afro ihres Bassisten Steve, letztere am Einheitslook, den man als Crustpunker scheinbar haben muss: Schwarze Hose, schwarzes Shirt mit – wichtig! – weißem Aufdruck, auf dem Kriegsszenen, Industrieanlagen oder auch beides abgebildet sind, und natürlich Nietengürtel, klaro. Wer zusätzlich Punkte machen will, hat noch eine schwarze Jacke mit dick Patches an, wobei mindestens einer der Patches von Discharge oder einer anderen Band, deren Namen mit Dis‑ anfängt, sein sollte, beispielsweise Disclose oder Dissect. Vorsicht, Disco Ensemble und Discount zählen meines Wissens NICHT! Für mich steht jedenfalls fest, dass meine nächste Crustband Distiny’s Child heißt, jawohl! Trotz der Uniformierung war zumindest der Sänger und Bassist von Born/Dead eine sehr nette Type, nur damit das mal klar ist!
Zur Musik: Den Auftakt machten Mass Genocide Process, die mit Born/Dead auf Tour waren, aber den Dresscode nicht wirklich befolgten: Sahen eher wie Metal-Bauern aus. Musik war dann dementsprechend auch, wer hätte es gedacht: Bauern-Metal. Zumindest für meine ungeschulten Ohren. Als nächstes dann wir, musikalisch um Längen besser als noch in Pardubice, dafür weniger Show. War da auch schwierig, weil man im 007 in so einem in der Wand eingelassenen Kasten spielt. Hinterher Born/Dead, die ich leider nicht so wirklich mitgekriegt habe, weil wir schon mal den recht engen Backstageraum ausgeladen haben. Man hat aber am Publikum gesehen, dass die meisten doch wegen ihnen da waren – Aufnäher von Discarga, Discard und so weiter. Yellow Press machen dann den Abschluss des Abends, und was für einen! Party, Party, sexuell! Sehr gelungen auch die Arbeitsteilung: Schlagzeuger Tim und Keyboarder Alan stehen eher im Hintergrund und halten den Shit tight, während Gitarrist Jason und Bassist Steven im Publikum herumturnen und sich an kaputten Mikrofonständern abarbeiten. Wenn Fordismus, dann bitte so! Fein auch, wenn Musiker plötzlich in den Backstageraum entschwinden, um dort bisschen zu spielen, Leuten lauthals ins Ohr zu singen und für generelle Verwirrung zu sorgen. Selten einen begnadeteren Entertainer wie Herrn Steven Chamberlain gesehen, irre!
Yellow Press saufen dann nach der Show an der Bar gut Whiskey Cola, weil es aber wider Erwarten kein Distelhäuser gibt, diskutieren wir draußen noch ein wenig über Politik. Dabei kommt es zu einem Dissens zwischen Busfahrer und Bassist beim Diskurs über Sozialismus. Weil wir uns aber so dufte verstehen, dissten wir uns nicht gegenseitig, schließlich steht hier ja nicht die Lösung aller Weltprobleme zur Disposition. Nachdem der Discobetrieb im 007 recht früh endete und wir uns von den anderen Bands verabschiedet hatten – wir wurden auf verschiedene Wohnungen distribuiert –, fuhren wir schließlich zu XMilanX, dem Konzertveranstalter. Dort schauten wir noch etwas Disney Channel und redeten über Dispersionslacke, allerdings nicht mehr lange, denn nach den Erlebnissen der letzten Tage waren wir ziemlich distroyed. Geudo zog sich dann in den Bus zurück, um aus Sicherheitsgründen bei seinem Distro zu schlafen.
Schallschutz und Saalschutz///09.09.2005//Gera/AZ Klaushaus
Veranstalter XMilanX war ein ganz netter, herzlicher Typ, der uns auch gleich einlud, mal wieder in Prag vorbeizuschauen und bei ihm zu schlafen. Machen wir doch gerne! Ansonsten ist es bei weitem einfacher, aus Prag herauszukommen als in Prag etwas zu finden. Eigentlich logisch, oder? Es blieb also genug Zeit, die entsprechenden Alkohol‑ und Zigarettenfreibeträge für den Grenzübergang noch entsprechend auszunutzen. In Chomutov, der Shopping-Stadt unserer Wahl, sieht es äußerst desolat aus. Industriebrache meets verfallende Plattenbauten meets Prostitution. Letzteres läuft dort recht bizarr ab: Selbst auf Feldwegen stehen noch mehr oder weniger leicht bekleidete Frauen und winken vorbeifahrenden Autos mit einem debilen Grinsen zu. Die Umgebung zog einen also ziemlich runter, kurzzeitige Abhilfe konnte da nur das Heruntergröhlen von diversen Eisenpimmel-Knallschoten bieten. Außerdem musste auch noch ziemlich viel Bier getrunken werden, da die entsprechenden Alkoholfreibeträge schon mit hochwertigen und –prozentigen Schnäpsen belegt waren und man sich nicht wegen zehn Flaschen Bier auf Ärger beim Zoll einlassen wollte. Der hat uns dann aber mal wieder durch gewunken. Wir hatten uns also völlig umsonst besoffen, schade.
In Gera angekommen gibt es zunächst etwas Verwirrung, weil wir den falschen Straßennamen mitgeteilt bekamen, aber dennoch finden wir mit geschultem Auge das AZ Klaushaus. War eigentlich nicht weiter schwierig, weil es ein ziemlich abgeranzter Schuppen inmitten eines ansonsten recht modernen Wohngebietes ist. Nach einem wirklich ausgezeichneten Essen bietet sich noch Gelegenheit zum ausführlichen Plausch mit der inzwischen eingetroffenen Schwesterband Petethepiratesquid und den Kollegen von Here.not.Here. Ausgiebig deshalb, weil das Konzert erst um 23 Uhr beginnen soll. Hm, um die Zeit sind Konzerte in Würzburg normalerweise aus. Hat mich auch ein bisschen verwundert, weil wie gesagt Wohngegend und so. Zwar hatte das abgeranzte Klaushaus moderne Schallschutzfenster, aber dennoch, nicht wahr.
Here.not.here legten dann mal los, wirkten aber etwas lustlos, was wohl an der zu dieser Zeit noch recht niedrigen Zuschauerzahl lag. Sollte sich aber noch ändern, denn Franz, einer der Veranstalter, wies Petethepiratesquid darauf hin, dass sie mit ihrem Auftritt noch etwas warten sollten. Es seien nämlich noch einige Leute zu erwarten. Aha. Etwa um Mitternacht taucht dann tatsächlich noch mal ein ganzer Schwung Leute auf, der Konzertraum ist gut gefüllt und die Schwesterband legt los. Leider sind es nicht nur mehr Leute geworden, sondern die Leute sind auch asseliger und aggressiver geworden. Petethepiratesquid haben damit etwas zu kämpfen, der führende Proll schnappt sich zunähst Felix’ Mikrofon, um eine peinliche Rede zu schwingen (»Ey, ich lass’ mir doch von niemand sagen, was ich machen dürf’ und was nich’! Und von dem in dem rosa Hemd schon gar nicht!«), und Jana kriegt ihr Mikrofon dann noch schmerzhaft in den Mund. Auftritt endet eigentlich recht jäh und mir war inzwischen auch schon ein wenig bange und die Lust vergangen. Glücklicherweise wurde der führende Proll aber zwischen den Bands des Geländes verwiesen und wir konnten ungestört, aber dennoch mit großer Publikumsunterstützung ein Feuerwerk an Hits und doofen Bewegungen abbrennen. Bei der schamlosen Sham-69-Coverversion, die wir am Ende des Sets noch behände runterzogen, war der führende Proll wieder da, aber harmlos.
Alles in allem schon eine bizarre Szenerie, da in Gera: Die Veranstalter sind nette Leute mit Manieren, will heißen, dass sie einem nett Bier reichen, schön aufkochen und es auch sonst eine Freude ist, sich in ihrer Nähe aufzuhalten. Das Publikum ist zu einem überraschend großen Teil aber einfach nur versoffen und irgendwie auf Ärger aus. Beispiel: Unterhalte mich nach der Show mit einem Besucher, der auf einem kleinen Holzkubus sitzt. Plötzlich tänzelt ein anderer Besucher vorbei und haut ersterem Besucher ansatzlos volle Schwarte in die Wampe. Wäre dann um ein Haar zum Handgemenge gekommen, allerdings erklärte letzterer Besucher, dass er es »nicht so gemeint« habe. Hm, vielleicht bin ich ein bisschen hintendran, kann mir jetzt aber nicht allzu viele Bedeutungen eines Schlages in die Magengrube vorstellen. Na ja, Postmoderne halt, nehme ich mal an.
Die besoffenen Besucher hängen dann noch in den frühen Morgenstunden auf der Straße vor dem Klaushaus lautstark ab, ein besonderer Anziehungspunkt scheinen hierbei die weiblichen Mitglieder von Petethepiratesquid zu sein. Nun ja, zum Teil plump, aber na ja. Wir entscheiden uns aus Zeitgründen gegen eine Übernachtung in Gera und für eine in SWC bei Geudos Eltern, verabschieden uns artig und sind flugs wieder auf der Autobahn. Dort gab’s noch – passend zum Feuerwerkfestival in Gera, das wir leider verpasst haben – noch ein feines Wetterleuchten, untermalt von Gewittermusik.
Endstand: Shokei vs. Welt 2 : 1 (0:1)///10.09.2005//Schweinfurt/Stattbahnhof
Geudos Mutter ließ es sich nicht nehmen, ein wirklich 1A-Frühstück aufzutischen, daher: When in Schweinfurt, sleep at the Geuders! Im Stattbahnhof ist dann schon am frühen Nachmittag ordentlich Betrieb, haben scheinbar wirklich einige Leute auf dem Boden übernachtet oder so. Am späten Nachmittag geht’s dann nach einigen Bieren los mit den Lokalmatadoren Deathjocks, die sehr feinen früh 80er HC mit deutlicher Rockkante spielen. Durften leider nur ein paar Songs runterziehen, weil man inzwischen schon mit dem Zeitplan im Clinch lag, schade. Als nächstes dann Endstand, waren mir ehrlich gesagt zu rockig. Ja, ich weiß. Hätte auch nie gedacht, dass ich irgendwann mal irgendwas»zu rockig« finden würde. Aber Endstand waren mir zu rockig. Basta. Als nächstes dann wir, gelungener Tourabschluss, hätte ich mal gesagt. Zu sehen auf dem Video, siehe unten. Petethepiratesquid im Anschluss wie immer hochfein, diesmal gab’s auch keine Probleme mit Mikrofonen und so. Der Abschluss im Anschluss war dann die letzte Show der McCarthy Blacklist. Noch einmal fein die Sau durch das Dorf getrieben, also auch gelungener Abschluss, hätte ich mal gesagt. Mönster kamen als nächstes, habe ich aber verpasst, weil die Blacklist und Shokei sich gegenseitig zu den gelungenen Abschlüssen gratulieren mussten. Wäre aber glaube ich eh nicht so meine Tasse Tee gewesen. Komplett meine Tasse Tee waren dann AM Thawn, Hammerband, die so gerne als Q-and-not-U-Rip-Off beschrieben werden. Gut, gehe mal davon aus, dass die tatsächlich einige Platten von denen im Schrank stehen haben, aber das sind ja auch gute Vorbilder, nicht wahr? Bei Doomtown im Anschluss musste ich erstmal den Schweiß trocknen lassen und Flüssigkeit nachfüllen, Ira habe ich kurz von drinnen gehört, waren mir aber viel zu pathetisch. Und der Abschluss war der Abschuss: Yellow Press mit großer Tanzparty und so. Wow. Einfach nur wow. Schöne zehn Tage waren das, jawohl!
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