Von Wauz
Neulich habe ich mir von meiner Freundin das Buch »31 Songs« von Nick Hornby ausgeliehen, weil ich auf der täglichen Zugfahrt zur Arbeit einfach was zu lesen brauche, um die Zeit zu überbrücken. Ich hatte bereits »High Fidelity« gelesen und war recht begeistert. In »31 Songs« schreibt Nick Hornby, in seinem gewohnten Stil und seinem Gespür für feinen Humor, über 31 Lieder die ihn beeinflusst, begleitet und inspiriert haben. Das Buch ist recht kurzweilig, und die Geschichten um die Songs bzw. seine Analyse der Musik ist amüsant geschrieben, es gibt jedoch ein Problem: ich kann mit fast keinem Song, über den er schreibt etwas anfangen (bis auf Ben Folds Five und Beatles) und die meisten kenne ich noch nicht einmal. Also habe ich mich entschlossen einfach selbst über die Songs zu schreiben, die mich beeinflusst, begleitet oder inspiriert haben. Dass am Ende auch 31 Songs bei mir herauskommen, oder dass ich auch nur annähernd so viel literarisches Talent wie Nick Hornby besitze, wage ich stark zu bezweifeln, aber hier ist schon mal der erste Song:
Live is Life – Opus
So weit ich mich erinnern kann ist »Live is Life« von Opus der erste Lieblingssong, den ich je hatte. Ich muss so etwa 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein. Damals wohnte in der Wohnung über uns ein etwa 10 Jahre älterer Junge, den ich öfters besuchte. Ein 16-Jähriger hat sicher besseres mit seiner Zeit anzufangen, als mit einem kleinen Kind abzuhängen. Dieses Gefühl vermittelte er mir auch desöfteren, dennoch nutzte ich jede Gelegenheit, bei ihm vorbei zu schauen. Sein Zimmer erschien mir wie ein Paradies: er hatte einen C-64, die tollsten Modellautos, allerlei Star Wars-Spielzeug und jede Menge Bilder von Bikini-Schönheiten, an der Wand, was mir wahnsinnig erwachsen vorkam. Außerdem hörte er Musik. Aber nicht Musik wie meine ältere Schwester, die eigentlich nur den Geschmack meiner Eltern übernommen zu haben schien: er hörte COOLE Musik.
Ich war mit den Beatles, französischen Schlagersängern und altlinken Liedermachern aufgewachsen, also erschien mir jedwede Art moderner Musik als wild, verrucht und eben eins: extrem faszinierend. Eines Tages also überwand ich einfach meine Schüchternheit und stellte meinem Nachbarn die Frage, die ich schon eine ganze Weile mit mir rumgeschleppt hatte, bis jetzt aber für zu dreist hielt: Ich fragte ihn, ob er mir mal eine Kassette aufnehmen könne. Mit all seinen Lieblingsliedern darauf. Zu meiner Überraschung sagte er begeistert zu. Obwohl ich ihm mit der Zeit ganz schön auf die Nerven ging, merkte ich doch, dass er es ziemlich genoss wie ich zu ihm aufschaute und ihn aufgrund seines höheren Alters und seines Wissens bewunderte.
Ein paar Tage später hielt ich es dann in den Händen: mein erstes Mixtape! Ich kann mich noch an 3 Songs auf der Kassette erinnern: »Axel F.«, »Amadeus« von Falco und eben »Live is Life« von Opus. Der Rest war wohl irgendein unsäglicher 80´s-Pop-Schrott, aber jene 3 Songs blieben mir im Gedächtnis. »Axel F.« hatte eine lustige Melodie, die schnell ins Ohr ging und außerdem konnte man dazu verdammt gut im Zimmer rumhüpfen, »Amadeus« erschien mir damals als außerordentlich witzig, obwohl ich kein Wort vom Text verstand und ich rannte den ganzen Nachmittag durch die Wohnung und schrie »Amadeus, Amadeus!«, sehr zum Leidwesen meiner Eltern.
Das Opus von Opus (welch Wortwitz!) stellte jedoch alles in den Schatten. Was für eine Hookline! Und obwohl ich damals, sicher nicht einmal kapiert hätte was das Wort »Hookline« überhaupt bedeutet, zeigte eben diese bei mir ihre Wirkung: Ich hatte meinen ersten Ohrwurm (o.k., wenn man mal von frühen Hits wie »Alle meine Entchen« oder »Hänschen Klein« absieht)! Ich lernte, dass ein Lied einem überall hin folgen kann, ohne dass man es dafür ständig anhören muss, dass man sich ein Lied so verinnerlichen kann, dass es im Kopf auf Dauer-Rotation läuft. Worum es wirklich in dem Lied geht, weiß ich bis heute nicht und außer »Live is Life« verstand ich auch nichts von dem, was die Österreicher (oder waren das Schweizer?) da sangen.
Das hielt mich aber nicht davon ab, das gesamte Lied mitzusingen und zwar in dem berühmt-berüchtigten Pseudo-Englisch, das Kinder häufiger von sich geben und da die Schamgrenze oder sagen wir besser das Bewusstsein, ab wann etwas peinlich ist, bei dem Alter noch nicht ausgeprägt ist, konnte mich niemand stoppen, den Song oftmals in aller Öffentlichkeit, sprich auf der Straße, im Supermarkt oder im Kindergarten lauthals zu performen. Das Lied war jedenfalls ein enormer Hit bei mir und meinen Freunden und wurde zum Dauerbrenner auf jedem Kindergeburtstag. Was aus der Band dann geworden ist, weiß ich nicht und ich glaube ich kenne keinen weiteren Song von ihnen. Was ich aber genau weiß ist, wie groß mein Entsetzen und meine Enttäuschung war, als ich einige Jahre später feststellen musste, dass Opus ein Haufen hässlicher Schnauzbartträger war. So schnell werden Helden entmystifiziert.
Vor 2 Tagen war ich in der Norma einkaufen und dort gab es auf einem Wühltisch das Tape von Opus für 2,50 €. Ich habe es liegen lassen. Dort auf seinem Friedhof.
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