Beatpunk Webzine

The Brains of Barbarism

Zum Mord an Ilan Halimi, der nur 23 Jahre alt wurde.

Es ist kaum zu glauben, zu was Menschen fähig sind, deren autoritäre Charaktere sich in regressiven Rackets zusammenschließen und dabei ihren Projektionen freien Lauf lassen. Deren Ideologie aus einem wilden Antisemitismus, sexistischer und homophober Gewalt besteht und sich oftmals mit einer islamistischen Weltanschauung vermengt, die ihnen zusätzlich ein Gefühl von Schicksalsgemeinschaft, Zusammenhalt und Stärke gibt. Ilan Halimi wurde Opfer eines dieser Rackets, Opfer eines grassierenden Antisemitismus, der sich in Frankreichs Metropolen nach und nach als salonfähig herausgestellt hat und nach der Revolte in den französischen Vorstädten nun eine qualitativ neue Ebene erreicht hat.

Der 23-jährige Verkäufer von Mobiltelefonen wurde wochenlang gefoltert und gequält, bis er seinen Verletzungen erlag. Der Grund: er war Jude. Eine Gruppe jener Jugendlicher, die auch für den ideologisch motivierten Teil der vor kurzer Zeit erst abgeklungenen Banlieu-Unruhen stehen könnte, lockte Ilan in eine 30-Quadratmeter-Wohnung in einem Wohnblock in Bagneux, in der er nackt, gefesselt und geknebelt drei Wochen lang gefoltert und misshandelt wurde. Das begangene Verbrechen ist auch eine Konsequenz aus den Unruhen der letzten Monate, deren Tabubrüche die Hemmschwelle für solcherlei Gewaltverbrechen und barbarische, regressive Krisenlösungen heruntergesetzt hat und deren negative Begleiterscheinungen durchaus auch von antisemitischen, anti-westlichen und islamistischen Bestrebungen geprägt waren. Die Gewalt gegen Synagogen und der teilweise auf die palästinensische Intifada bezogene Straßenkampf eines Teils der jugendlichen Rebellierer sind Indiz dafür, dass ein Teil der Proteste – wie groß auch immer dieser gewesen sein mag – nicht nur eine diffuse Reaktion auf Ausgrenzung und Staatsgewalt, sondern auch ideologisch motiviert war.

Ein Dutzend Jugendliche waren an der Tat beteiligt. Eine Frau, die als Köder fungierte, ein Unterhändler, acht »Wächter« und zwei junge Frauen, die Bescheid wussten, aber nichts sagten. Dazu kommen noch die Bewohner des Viertels, die angesichts der Tat – Nachforschungen der Polizei haben ergeben, dass aufgrund der öffentlichen Verlegung des Opfers in den Keller des Wohnblocks und der wochenlangen Misshandlungen viele Menschen von der Entführung mitbekommen haben müssen – aber den Mund hielten. Auch aus Solidarität mit den Entführern.

Sich besonders wichtig nehmende Zeitgeister mögen nun wieder anführen, dass ein allzu undifferenzierter Blick auf das Geschehen gefährlich sein könnte. Und es stimmt: ein Pauschalurteil gegen die marginalisierten Einwanderer in den Pariser Vorstädten zu fällen, aus deren Mitte die Täter kamen, wäre tatsächlich unsinnig. Der Reaktion rechter und rassistischer Kräfte, die nun wieder einen Grund mehr gefunden zu haben scheinen, ihrem Ausländerhass Ausdruck zu verschaffen und nach einer restriktiveren Asylgesetzgebung oder ähnlichem zu schreien, gilt es schon alleine deshalb entschieden entgegenzuwirken. Eine ganze Bevölkerungsgruppe mit dieser Tat in Zusammenhang zu bringen ist sicherlich unangebracht. Jedoch darf dies kein Grund sein, vor einer eindringlichen Kritik des Antisemitismus auch unter Migranten zurückzuschrecken. Die beschissene Lebenssituation von Migranten, geprägt von Alltagsrassismen und repressiven Staatsorganen mag das eine Problem in einem gesellschaftlichen Klima sein, dessen Offenheit gerade auf einer heftigen Probe steht. Der oftmals vehement auftretende Antisemitismus in den Communities ist aber eines jener anderen massiven Probleme. Wenn nämlich Menschen andere Menschen für vogelfrei erklären, weil sie eine Kippa tragen oder als Juden definiert werden, dann hört das Verständnis wie bei jedem anderen verabscheuungswürdigen Verbrechen auf, egal aus welch noch so beschissenen Verhältnissen oder aus welchem Teil der Erde die Täter auch kommen mögen. Wenn sich Jugendliche zusammenrotten und sagen: »Wir packen uns einen Juden, weil es da Geld zu holen gibt!« und die Bewohner des Wohnblocks, in dem das Verbrechen geschah, bewusst während dieses Vorfalls geschwiegen haben, dann ist das ein Zeichen einer antisemitischen Ideologie, die Konsequenzen haben und angemessen sanktioniert und verurteilt werden muss. Denn Notlagen führen nicht zwangsläufig dazu, dass man blindwütigen Hass gegenüber Unschuldigen walten lässt und sogar den Willen zum Töten dabei besitzt. Es ist nicht alles mit sozialen Erklärungen zu entschuldigen, es muss auch das Besondere betrachtet werden. Genau das müsste ein Antirassismus, der sich ernst nehmen will endlich in den Leitfaden aufnehmen, um nicht unter dem Deckmäntelchen der kulturellen Differenz jede noch so verachtenswürdige Tat letztendlich zu rechtfertigen oder zu entschuldigen.

Die Täter, die den 23-jährigen Ilan Halimi getötet haben, ließen indes laut Staatsanwaltschaft keine Zweifel an der antisemitischen Intention ihrer grausamen Tat aufkommen. Während den ersten Ermittlungen äußerte sich ein Mitglied der beschuldigten Bande, dass man gezielt Juden entführen wollte, denn »die Juden haben viel Geld und halten sehr eng zusammen«. In einer anderen Aussage habe einer der jungen Leute berichtet, er habe einen anderen gehört, der eine Zigarette auf der Stirn des Opfers ausdrückte, »weil er Juden nicht leiden kann«. Antisemitische Ressentiments also, die, wie krude auch immer, weit verbreitet – nicht nur in den französischen und migrantischen Communities – sind. Und eben auf diesen Rückhalt eines großen Teils dieser Gemeinschaften, dem dort oftmals fest verwurzeltem Antisemitismus, konnten die Täter auch dieses mal zählen. Die kriminellen Motive der Jugendlichen, nämlich erst einmal Geld zu machen, sind sicherlich nicht zu unterschätzen. Die Wahl des Opfers und dessen Folterung bestätigen dann jedoch die klar antisemitische Intention des Mordes.

Inwiefern ein islamistisch-religiöses Motiv für die schreckliche Tat mit verantwortlich war, sei einmal dahin gestellt – das zu klären ist schwierig. Zu konstatieren ist dennoch, dass das Schema der Tat, nämlich Menschen aus antisemitischen Gründen zu entführen, zumindest eine gewisse Ähnlichkeit mit der Praxis islamistischer Banden beispielsweise im Irak oder dem Nahen Osten aufweist. Ob nun ein religiös-islamistisches Motiv der Tatantrieb war, spielt aber auch keine Rolle. Der Mord an Ilan Halimi zeigt doch allzu deutlich, dass die antisemitisch aufgestachelten, jegliche zivilisatorischen Mindeststandards verneinenden Jugendbanden, aus welcher Richtung, wie wahllos und wie diffus auch immer, in ihrer wahnsinnigen Projektion von »den Juden« noch nicht einmal vor Mord zurückschrecken. Aber was will man schon von jugendlichen Machos erwarten, die, wie beispielsweise der Anführer der Bande, die Ilal Halimi ermordet hat, von sich selbst behaupten, »the brains of barbarism« zu sein?

Auch mal das Maul aufreissen?

Gib deinen Namen ein

Keinen Namen?

Please enter a valid email address

Keine Email-Adresse?

Gib deinen Kommentar ein